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Full text of "Hermaea Beitraege zum Vaeterbuch"

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AUSGEWAHLTE ARBEITEN 



AUS DEM GERMANISCHEN SEMINAR ZU HALLE 



HERAUSGEGEBEN 



VON 



PHILIPP STKAUCH 



VII 



KARL HOHMANN 



• • •• 



BEITRAGE ZUM VATERBUCH 



HALLE 

VERLAG VON MAX NIEMEYER 

1909 



BEITRAGE zum vAterbuch 



VON 



KARL HOHMANN 



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HALLE 

VERLAG VON MAX NIEMEYER 

1909 




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Meinen Eltern 



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Vorwort 



Die erste Anregung zu diesen Studien, von denen ein Teil 
bereits als Hallenser Dissertation gedruckt vorliegt, gab ein 
Literaturkolleg des Herrn Professor Dr. Strauch, in welchem auf 
den in mancher Beziehung interessanten Stoff der Deutschordens- 
dichtung hingewiesen wurde. Lebendige Forderung und Ansatze 
zu greifbarer Gestaltung kamen dem Gedanken aber erst, als 
es mir gegen Ende des Jalires 1905 vergonnt war, von der er- 
habenen Marienburg, diesem edelsten, stolzesten Bauwerk des 
Deutschritterordens ins weite Land zu schauen, das die fromm- 
begeisterten Pioniere germanischer Kultur in jahrhundertelangen 
Kampfen den Slawen abgerungen hatten. In den ehrwiirdigen 
Rauinen des alten Scblosses, dessen Kapitelsaal ruhmende Worte 
des Ordenskaplans Nikolaus von Jeroschin schmucken, kann einem 
eine Ahnung aufgehen von dem grandiosen Schaifen der Marien- 
streiter. Dem Ruhme und der Verherrlichuug der Mutter Gottes, 
ihrer erkorenen Schutzpatronin , war ihr Handeln und auch ihr 
Dichten geweiht, und so ist es leicht erklarlich, dais nach dem 
Scheiden vom Schauplatz der Taten des Deutschordens seine 
Beziehungen zur Dichtkunst zu naherer Betrachtung, zu liebe- 
voller Versenkung einluden. 

Diese Absicht konnte jedoch zum Teil nur unter grofsen 
Schwierigkeiten durchgefuhrt werden, da gerade von den be- 
deutendsten Denkmalern entweder nur ungeniigende Textausgaben 
oder noch gar keine Abdriicke vorhanden waren. In jiingster 
Zeit hat sich ja darin eine Wandlung zum Besseren vollzogen, 



vm 



indem die besonderen Eeize und der Wert der Deutschordens- 
literatur mehr und mehr erkannt worden sind und man an- 
gefangen hat, die Texte allmahlich zuganglich zu machen. Das 
Passional und das Vaterbuch mufsten freilich noch unverdient 
zuriickstehen, aber die dem ganzen Gebiete sieh neuerdings mit 
regem Eifer zuwendende Forschung ist auch der folgenden Ab- 
handlung, die ich als bescheidene Erstlingsfrucht meiner Studien 
vorzulegen wage, noch zu gute gekommen. Von der neuesten 
einschlagigen Literatur konnte nur die nun vollstandig vor- 
liegende Arbeit von Ernst Tiedemann, Passional und Legenda 
aurea, Berlin 1909, nicht mehr eingehend benutzt werden, doch 
ist gelegentlich auf sie verwiesen. 

Gleich hier an einleitender Stelle mochte ich auch alien 
Bibliotheken und Archiven meinen Dank aussprechen fur die 
Bereitwilligkeit, mit der sie mir Handschriften bezw. deren Ab- 
schriften iibersandt oder deren Einsicht an Ort und Stelle ge- 
stattet haben. Es sind dies vor allem die Universitats- und 
Landesbibliotheken zu Konigsberg, Leipzig und Strafsburg, die 
Kgl. Hof- und Staatsbibliothek zu Miinchen, die Grofsherzogl. 
Bibliothek zu Darmstadt, die Stadtbibliothek zu Hamburg sowie 
die Stadtarchive zu Hildesheim und Koln. Fiir Vermittlung von 
Handschriften f iihle ich mich der Kgl. Universitatsbibliothek zu 
Halle, dem Stendaler Stadtarchiv und Herrn Gymnasialdirektor 
Bruns in Giitersloh verpflichtet. Fiir das fortgesetzte Wohl- 
wollen schlielslich und das stets rege Interesse an der Arbeit 
gebiihrt Herrn Professor Dr. Strauch der aufrichtigste Dank. 



Inhalt 



Seite 

Literaturverzeichnis XI 



Einleitung 



1 



•• 

Erstes Kapitel. Die Uberlieferung und ihre Beurteilung 6 

Zweites Kapitel. Anlage und Inhalt des Vaterbuches 20 

Drittes Kapitel. Die Quellen 24 

Viertes Kapitel. Die Zugehorigkeit der aus der Legenda aurea entnommenen 

Abschnitte und des Jiingsten Gerichts zum Vaterbuch 61 

Fiinftes Kapitel. Das Vaterbuch in seinem Verhaltnis zum Passional . . 66 

Sechstes Kapitel. Der Dichter 73 

Siebentes Kapitel. Die Abfassungszeit 

Beilagen aus der Strafsburger Handschrift I — VIII 91 




Lit er atur ver z eichnis. 



Adso, Libellus de Antichristo. tlberliefert unter den Werken Aleukia. 

Migne, Patrologia Latina CI, 1289ff. 

Allgemeine Deutsche Biographie. 

Analecta germanica, Hermann Paul zum 7. August 1906 dargebracht. 

Amberg 1906. 

Bartsch, Beitrage zur Quellenkunde der altdeutschen Litteratur. Strafs- 

burg 1886. 

Bartsch, Mitteldeutsche Gedichte. Stuttgart 1860. 

Bech, Specilegium verborum in Passionali vetusto adhibitorum. Zeitzer 

Programm 1859. 

Beitrage zur vaterlandischen Alterthumskunde. Leipzig 1826. Bd. 1. 

Bihlmeyer, Heinrich Seuse, Deutsche Schriften. Stuttgart 1907. 

Borchling, Mittelniederdeutsche Handschriften in Wolfenbtittel und 

einigen benachbarten Bibliotheken. (Dritter Reisebericht.) Nach- 
richten von der Konierl. Gesellschaft der Wissenschaften zu 



GOttingen. Phil.-histor. Klasse 1902. Beiheft. 

Bousset, Der Antichrist in der tlberlieferung des Judentums, des 

neuen Testaments und der alten Kirche. GOttingen 1895. 

Bousset, Beitrage zur Geschichte der Eschatologie. Zeitschr. fttr 

Kirchengeschichte 20, 103ff. 

Compendium theologicae veritatis. In den Werken des Albertus Magnus, 

Lyoner Ausgabe 13, 134ff. 

Franke, Das Veterbiich. Erste Lieferung. Paderborn 1880. Vgl. 

Schonbach, Afda. 7, 164ff. 

P. Gall Morel, Offenbarungen der Schwester Mechthild von Magdeburg. 

Regensburg 1869. 

Grau, Quellen und Verwandtschaften der iilteren germanischen Dar- 

stellungen des Jungsten Gerichts. Halle 1908. 

Hahn, Das alte Passional. Frankfurt am Main 1845. 

Haupt, ttber das mhd» Buch d«r Vater. Wi«ner Sitzungsberichte, 

phil.-histor. Klasse 69, 7 1 ff. 



XII 



Haupt, Oher das mhd. Buch der Marterer. Wiener Sitzungsberichte, 

phil.-histor. Klasse 70, 101 ff. 

Helm, Das Evangelium Nicodemi von Heinrich von Hesler. Tubingen 

1902. 

Helm, Das Buch der Maccabaer. Tubingen 1904. 

Heymann, Helwigs Mare vom hi. Ereuz. Berlin 1908. 

Hipler, Literatnrgeschichte des Bisthums Ermland. Braunsberg und 

Leipzig 1873. 

Huber, Beitrag zur Visionsliteratur und Siebenschlaferlegende des 

Mittelalters. Programme von Metten 1902 und 1904. Vgl. 
Hist. Jahrb. 26, 840 f. 

Jacobi a Voragine 'Legenda aurea' rec. Th. Grasse. Editio secunda. 

Lipsiae 1850. 

Jacklein, Hugo von Trimberg Verfasser einer 'Vita Mariae rhythmica.' 

Programm des Kgl. neuen Gymnasiums in Bamberg 1901. 

Kampers, Neue Literatur zur sibyllinisch-apokalyptischen Forschung. 

Hist. Jahrb. 20, 417 ff. 

v. Karajan, Von den siben slafaeren. Heidelberg 1839. 

Koch, Die Siebenschlaferlegende. Ihr Ursprung und ihre Verbreitung. 

Leipzig 1883. 

Kochendorffer, Tilos von Kulm Gedicht Von siben Ingesigeln. Berlin 

1907. 

Kopke, Das Passional. Quedlinburg und Leipzig 1852. 

v. Keller, Martina von Hugo von Langenstein. Stuttgart 1856. 

mm 

Latzke, Uber die Prodmien und Epiloge zum mhd. Passional. 5. Jahres- 

bericht des k. k. Bealgymnasiums in Korneuburg 1903. 

Mandel, Theologia deutsch. Leipzig 1908. 

Massmann, Der keiser und der kunige buch. 3 Bde. Quedlinburg und 

Leipzig 1849—54. 

Massmann, Sanct Alexius Leben. Quedlinburg und Leipzig 1843. 

P. Meyer, Versions en vers et en prose des vies des peres. Histoire 

litteraire de la France 33, 254 ff. 

W. Meyer, Gesammelte Abhandlungen zur mittellateinischen Rhythmik. 

2 Bde. 1905. 

A. Mttller, Das niederrheinische Marienlob. Berliner Dissertation 1907. 

W. Miiller, tjber die mitteldeutsche poetische Paraphrase des Buches 

Hiob. Halle 1882. 

Papke, Das Marienleben des Schweizers Wernher. I. Wernhers Marien- 

leben und seine Vorlage. Berliner Dissertation 1908. 

Perdisch, Der Laubacher Barlaam. Gottinger Dissertation 1903. 

Pfeiffer, Marienlegenden. Stuttgart 1846. Neue Ausgabe 1863. 

Pfeiffer, Die Deutschordenschronik des Nikolaus von Jeroschin. Stutt- 
gart 1854. 



XIII 



Piper, Die geistliche Dichtung des Mittelalters. Kurschners National- 

literatnr. 2 Bde. (ohne Jahr.) 

Piper, Naehtrage zur lilteren deutschen Literatur. Kiirschners National- 

literatur. (1897.) 

Pisanski, Entwurf einer preufsischen Literargeschichte in 4 Biichern. 

Hrsg. von R. Philippi. Konigsberg 1886. 

Reuschel, Untersuchnngen zu den deutschen Weltgerichtsdichtungen 

des XL— XV. Jahrhunderts. I. Teil XI.— XIII Jahrhundert. 
Leipziger Dissertation 1895. 

r 

Reuschel, Die deutschen WeltgericWsdichtungen des MittelaKers und 

der Reformat! onszeit. Leipzig 1906. 

Revue des Etudes jnives Bd. 53. 

Rosweyd, Vitaepatrum. 2. Aufl. Amsterdam 1628. 

Roth, Denkmahler der deutschen Sprache. Miinchen 1840. 

Roth, Bruchstucke aus der Kaiserchronik. Landshut 1843. 

Roth, Dichtungen des deutschen Mittelalters. Stadtamhof 1845. 

Scheel, Die Berliner Sammelmappe deutscher Fragmente. In: Fest- 

gabe an K. Weinhold. Berlin 1896. 

Schroder, Hester. Zur Christ-Herre Weltchronik. In: Germanistische 

Studien hrsg. von K. Bartsch. Wien 1872. 1, 247. 2, 159. 

Seemiiller, Ottokars Oesterreichische Reimchronik. Mon. germ. Deutsche 

Chroniken V, 1. 2. Hannover 1890. 1893. 

Seemiiller, Deutsche Poesie vom Ende des XIII. bis in den Beginn 

des XVI. Jabrhunderts. Wien 1903. 

Sioger, Heinrich von Neustadt 'Apollonius von Tyrland' nach der 

Gothaer Handschrift, 'Gottes Zukunft' und 'Visio Philiberti' nach 
der Heidelberger Handschrift. Berlin 1906. 

Spina, Zweite Beilage zum Jahresberichte 1895 des Stiftsober- 

gymnasiums der Benediktiner zu Braunau in Bohmen. 

Steff enhagen , Zur Geschichte der deutschen Poesie in Preufsen im 

14. Jahrhundert. Neue preufs. Provinzial - Blatter. Dritte Folge 
8 (1861), 213ff. 

Strauch, Margaretha Ebner und Heinrich von Nordlingen. Ein 

Beitrag zur Geschichte der deutschen Mystik. Freiburg und 
Tubingen 1882. 

Strehlke, Nikolaus von Jeroschin. Scriptores rerum Prussicarum 

1, 29 Iff. 2, 423 f. 

Tiedemann, Passional und Legenda aurea. Berlin 1909. 

Verhandlungen des historischen Vereins fiir den Regenkreis 30, 179 ff. 

Voegtlin, Walther von Rheinau und sein Marienleben. Strafsburger 

Dissertation 1886. 



c^ 



XIV 



Voigi, Cber eine bisber nnbekannte diehterische Bearbeitnng der 

Lebensbeschreibnng des hL Adalbert vom Ordenskaplan Nikolans 
von Jeroschin. Nene prenfs. Prorinxial - Blatter. Dritte Folge 
7, 329 ff. 

Wadstein, Die eschatologische Id een grippe. Antichrist -Weltsabbat- 

Weltende und Weltgericht in den Hanptmomenten ihrer christ- 
lich-mittelalterlichen Gesamtentwicklnng. Zeitschr. far wi*sen- 
schaftliche Theologie 38, 538 ff. 39, 79 ff. 

Wilhelm, Deutsche Legend en nnd Legendare. Leipzig 1907. 

Zacher, Psendocallisthenes. Halle 1867. 

Ziesemer, Nikolans von Jeroschin nnd seine Quellen. Berlin 1907. 

Zingerle, Findlinge I nnd H. Wiener Sitznngsberichte , phil.-bistor. 

Klasse 55, 633. 64, 143. 



Einleitung. 



Den Hohepunkt und, man kann wohl sagen, zugleich den 
Abschlufs in der poetischen Legendenliteratur des Mittelalters l ) 
bezeichnen durch ihren ausgedehnten Umfang und nicht zum 
wenigsten auch durch eine wirklich dichterische Behandlung in 
einigen Partien das Passional und das Vaterbuch ; ihnen schlief st 
sich, allerdings von geringerem poetischen Werte, 2 ) das Buch der 
M&rtyrer an. Dafs diese Sammelwerke von Heiligenlegenden nicht 
nur in Kloster- und Ordensbibliotheken, in deren Verzeichnissen 
wir ihnen oft begegnen, 3 ) sondern auch unter den Laien sehr 
verbreitet und bekannt waren, lafst sich aus den zahlreichen 
Fragmenten schlief sen, die von jenen Werken aufgefunden 
worden sind und noch immer gefunden werden. Ihre Beliebtheit 
verdanken sie dem Umstand, dafs sie die Aufgabe hatten, den 
lateinunkundigen Laien die Legenden, die meistens nur in 
lateinischen Texten vorlagen, als Erbauungsliteratur zuganglich 
zu machen, vor allem in Konkurrenz mit den zahlreichen welt- 
lichen Epen, deren Tendenz nicht den Beifall der Greistlichkeit 



*) Wohl wurde die Legende auch spater noch eifrig weiter gepflegt, 
insbesondere als Seitenstiick der Beit dem 13. Jahrhundert reich aufbltihenden 
Predigt; so umfangreiche Legeudeusammlungen aber wie das Passional und 
Vaterbuch sind nicht mehr unternommen worden und, wo Ansatze dazu yor- 
liegen, dienten unsere Werke vorziiglich wieder als Quelle. 

*) J. Haupt, Uber das mhd. Buch der Marterer. Wiener Sitzungsberichte, 
phil.-histor. Klasse 70, 101 ff. Neuerdings hat Fr. Wilhelm, Deutsche Legenden 
und Legendare S. 208 ein gegenuber friiherer Einschatzung giinstigeres Urteil 
liber das Martyrerbuch gefallt. Der Dichter ist als Hagiologe bedeutender als 
der Passionaldichter, weniger ein wirklicher Dichter. 

) Vgl. Steffenhagen, Zur Geschichte der deutschen Poesie in Preufsen 
im 14. Jahrhundert. Neue preuls. Provinzial-Blatter. Dritte Folge 8 (1861), 



s 



222 f . ; Zf d A. 13, 569 f . ; Altpreufs. Monatschr. 6, 98 ; Zingerle, Pindlinge 1, 612 
Nr. 53. 55 usw. 



Hermaea Y1I. 



1 



2 



finden mochte. Die weite Verbreitung gerade unserer Sammel- 
werke erklart sich ferner daraus, dafs jetzt jeder Einzelne oder 
jede Gegend des deutschen Sprachgebietes aus diesem Legenden- 
schatze nach Belieben wahlen konnte, denn hier war den ver- 
schiedensten Neigungen Rechnung getragen. Bearbeitungen von 
Einzellegenden blieben doch zumeist nnr auf bestimmte Gebiete 
beschrankt, man denke nnr an den hi. Servatius Veldekes, der 
eigens fiir die Niederlande verfafst war, oder an die hi. Elisa- 
beth, die vor allem in Hessen und Thuringen verehrt wnrde. 
Der erzieherische Zweck ist bei solchen Legendendichtungen die 
Hauptsache; deshalb werden uns die Vorteile eines frommen 
weltabgewandten Lebens, darum wird uns die Verdammung der 
Weltkinder immer wieder in den gluhendsten Farben ausgemalt. 
Zudem befinden wir uns schon in den Anfangen der Mystik, die 
es ja liebt, die Phantasie des Menschen anzuregen. Und das ist 
nicht der einzige Beriihrungspunkt mit der mystischen Literatur, 
sondern an gar manchen Stellen unserer Werke fallt einem die 
Ahnlichkeit des Legendenstils mit der mystischen Prosa auf. 
Nicht selten aber finden wir auch Anschauungen , die ganz in 
der Minne und Ritterzeit, im hofischen Epos, wurzeln. 

Leider ist uns von gro'fseren und namentlich vollstandigen 
Handschriften des Vaterbuches und Passionals, die selbst immer 
blofs einen Auszug aus ihren lateinischen Quellen bieten, nnr 
ein kleiner Teil erhalten geblieben, so dafs wir bis jetzt, da 
auch der aufserordentlich grofse Umfang der Dichtungen hindernd 
dazu kommt, noch keine kritische Ausgabe von ihnen besitzen. 

An Vorarbeiten dazu ist immerhin manches beigesteuert 
worden, besonders zum Passional, von dessen erstem Teil durch 
Hahn 1 ) und Pfeiffer 2 ) ein Abdruck, von dessen zweitem durch 
K5pke 3 ) eine freilich mangelhafte, dazu unvollstandige Ausgabe 
vorliegt. Auch sonst ist vielfach Einzelnes ediert worden, 4 ) doch 
meist sind diese Teile wie die iibrigen Arbeiten und Bemerkungen 
iiber das Passional in Zeitschriften zerstreut, und ein Gleiches 
ist auch vom Vaterbuche zu sagen, das die Legenden der 



*) Das alte Passional. Frankfurt a. M. 1845. 

8 ) Marienlegenden. Stuttgart 1846. Neue Ausg. 1863. 

8 ) Das Passional. Qnedlinburg und Leipzig 1852. 

4 ) Vgl. Goedeke 1, 262; Piper, Gteistliche Dichtung 2, 128 f., Nachtrage 
S. 288 (wo aber manches zu berichtigen und hinzuzufUgen ware); von der 
Hagens Germania 7, 249. 274 ; Mafsmann, Kaiserchronik Bd. 3. 



hi. Altvater d. h. der ersten Einsiedler und Monche enthalt. Da 
weder Franke in seiner Vorrede zu einer Ausgabe des Vater- 
buches, 1 ) noch Piper 2 ) ein vollstandiges Literaturverzeichnis 
bieten, so mag es nicht unangebracht sein, die Literatur in 
Form einer kurzen Geschichte der Passional -Vaterbuch - Frage 
an uns voriiberziehen zu lassen. Ebenso erscheint es ndtig, die 
Handsehriften und Fragmente des Vaterbuches von neuem zu- 
sammen zu stellen und kritisch zu sichten. 

Die ersten Bemerkungen tiber die Existenz eines Vater- 
buches finden wir am Schlusse des achtzehnten Jahrhunderts in 
dem f iir seine Zeit sehr verdienstvollen Buche von G. C. Pisanski 
„Entwurf einer preufsischen Literargeschichte in vier Buehern" 
(herausgegeben von R. Philippi, Konigsberg 1886). Der Ver- 
fasser berichtet dort (S. 55 f.) von der KSnigsberger Handschrift 
900, von der noch weiter unten die Rede sein wird. Eine 
nahere Beschaftigung mit dem Vaterbuche aber liefs noch lange 
auf sich warten; erst der Domherr Tittmann 3 ) gab im Jahre 
1826 Nachricht von einer umfangreichen Leipziger Handschrift 
des Vaterbuches und teilte einige Ausziige daraus mit. Seit den 

vierziger Jahren datiert dann eine eifrigere Beschaftigung mit 
unserem Gegenstande, und schon 1846 stellte Pfeiffer in seinen 
Marienlegenden die Vermutung auf, das Vaterbuch sei ein Werk 
vom Dichter des Passionals. Seine Annahme stiitzte er be- 
sonders durch Beobachtung eigentumlicher Reimbindungen und 
Ausdriicke, ferner stellte er den Dreireim als mitten im Text 
ohne bestimmten Zweck vorkommend fest. Die nachste Zeit 
brachte nur die Veroffentlichung zahlreicher Fragmente des 
Vaterbuches, nachdem schon Karl Roth 4 ) im Jahre 1840 
damit begonnen hatte. Als Verfasser des Werkes nahm Roth 
Rudolf von Ems an. Die iibrigen VerSffentlichungen von Bruch- 
stucken unserer Dichtung werden unten bei der Aufzahlung 



*) Carl Franke, Das Veterbuch. Erste Lieferung. Paderborn 1880 
Vgl. dazu Schonbach, AfdA. 7, 164 ff. 



s 



) Geistliche Dichtung des Mittelalters 2, 131 ff. 
*) Beitrage znr yaterlandischen Alterthnmsknnde. Leipzig 1826. 1, 



1—41. 

4 ) Denkmahler der dentschen Spracbe. Miinchen 1840. S. 49 ff., vgl. S.XIII; 
S. 76 ff. , ygl. S. XIV. ; Bruchstueke ans der Kaiserchronik. Landshut 1843. 
S. 61 ff. 77 f., vgl. S. XVII ; Dichtungen des deutschen Mittelalters. Stadtamhof 
1845. 8. 39 ff. , vgl. S. VH. VIII. 

1* 



4 



der Handschriften und Handschrif ten - Fr agmente angegeben 
werden. In der Geschichte der Untersuchung des Vaterbuches 
nehmen sie kaum eine wiehtige Stelle ein, da wegen der 
mangelnden Kenntnis vom Gesamtwerke der betreffende Heraus- 
geber nur selten imstande war, die einzelnen Triimmer in das 
weitschichtige Werk einzureihen. Hervorzuheben sind mit ihren 
Aufsatzen dagegen Steffenhagen und I. V. Zingerle. Jener 1 ) 
zeigte aus Verzeichnissen alter Deutschordensbibliotheken , dafs 
das Vaterbuch im Ordenslande, wo in der ersten Halfte des 
14. Jahrhunderts die Literatur im Gegensatz zum ubrigen 
deutschen Reich eine Bliitezeit erlebte, 2 ) sehr beliebt war; auch 
gab er Mitteilungen 3 ) tiber jene Konigsberger Hs. 900 und ein 
daselbst befindliches Fragment der Legend e des hi. Antonius, 
das mehr Verse enthalt als das Gesamtexemplar. Zingerle 4 ) 
seinerseits veroffentlichte in den „Findlingen" zahlreiche Bruch- 
stucke und suchte Pfeiffers Hypothese durch weitere, namentlich 
sprachliche Griinde zu stiitzen. Ebenfalls in den Wiener Sitzungs- 
berichten ist dann die grundlegende Arbeit iiber das mittel- 
deutsche Vaterbuch erschienen, von der Franke in der ersten 

Lieferung seiner unvollstandig gebliebenen Ausgabe 5 ) uberhaupt 

keine Notiz genommen hat. Joseph Haupt 6 ) untersucht dort an 
der Hand des Leipziger Kodex 816 die Komposition unseres 
Werkes und sein Verhaltnis zur Quelle, als die der Dichter 
selbst Vitaspatrum bezeichnet. Wir bekommen durch diese Arbeit, 
zum Teil wenigstens, eine Vorstellung von dem dichterischen 
Verfahren, das im Vaterbuch angewandt ist. Ferner behandelt 
sie das Verhaltnis von Passional und Vaterbuch und fugt 
den bisherigen Grunden, die fur einen gemeinsamen Verfasser 
geltend gemacht wurden, noch einige schwerwiegende hinzu; 
aus dichterisch - technischen Erwagungen lafst Haupt das Vater- 
buch vor dem Passional entstanden sein. Die Dichtung soil 
nach ihm ins Deutschordensland gehoren und nach einigen, heute 
aber hinfalligen Anzeichen wird Bischof Otto von Kulm als Ver- 



S. oben S. 1 Anm. 3. 

*) Vgl. W. Ziesemer, Nikolaus yon Jeroschin und seine QueUe. Berlin 1907 



S.46ff. 



9 



) Zfd A. 13, 520 f. 560 f . 

*) Wiener Sitzungsberichte, phil.-hist. Klasse 55, 633—639; 64, 143—282 

6 ) S. oben S. 3 Anna. 1. 

•) Wiener Sitzungsberichte 69, 71 ff. 



5 



fasser angesetzt. SchlieMich wird von Haupt noch eine gute 
Zusammenstellung von Fragmenten des V&terbuchs nnd Passionals 
gegeben. So verdienstlich die Untersuchungen Haupts nun sind, 
so haben sie doch, wie auch die spatere Arbeit von Franke, den 
Mangel, dafs beide gezwungen sind mit unvollstandigen Hand- 
schriften zu arbeiten; manche ihrer Ansichten wird dadurch 
schief und sogar falsch. Da ist es denn mit grofser Genugtuung 
und Freude zu begriifsen, dafs neuerdings eine Strafsburger 
Handschrift *) ans Licht gekommen ist, die das Vaterbuch, soweit 
es uberhaupt ins Deutsche iibertragen worden ist, vollstandig 
enthalt, also auch den Schlufs, der einige grofsere Legenden 
bietet, die vorher nur fragmentarisch bekannt waren und nach 
Frankes und anderer 2 ) Ansicht nicht zum eigentlichen Vater- 
buche gehoren sollen. Die weitoste Forderung aber werden wir 
von Reifsenberger zu erhoffen haben, der eine Ausgabe des 
Vaterbuches fur die von der Berliner Akademie herausgegebenen 
Deutschen Texte des Mittelalters vorbereitet. 



l ) Bartsch, Beitrage zur Quellenkunde der altdeutschen Litteratur. 
Strafsburg 1886. S. 196 ff. 

*) Franke a. a. 0. S. 18 f.; Haupt a. a. 0. S. 136 redet von einem Anhang 
znm Vaterbuch oder einem selbstandigen Komplex der Schlufslegenden , wie 
inn etwa die Hs. Q zeigt. Franz Roth dagegen meint Germania 11, 407 Anm., 
der Eustachius und die Siebenschlafer stammten vielleicht aus einem dritten 
Werke unseres Dichters, nicht aus dem Vaterbuch. Pfeiffer schliefslich will 
die Siebenschlaferlegende dem Passional zuteilen. Vgl. Mtinchener gelehrte 

Anzeigen 1851, 740. 



Erstes Kapitel. 



Die Uberlieferung imd ihre Beurteilung. 



Nach dem kurzen liistorischen Uberblick uber den Stand 
der Frage des Passionals und des Vaterbuches — weitere heran- 
zuziehende Literatur wird im Laufe der Untersuchung vermerkt 
werden — tret en wir an nnsere eigentliche Aufgabe her an, die 
sich im allgemeinen mit dem ganzen Vaterbuche beschaftigen soil, 
ihren Schwerpunkt jedoch auf den Schlufs unserer Dichtung, die 
grofseren Legenden und das Jiingste Gericht legen wird. Dieses 
Schlufsstiick und besonders eben die schwungvolle Schilderung 
der letzten Dinge, die noch nie eingehend beriicksichtigt worden 
sind, verdienen es wohl, einmal naher ins Auge gefafst zu 
werden. Vorher aber bedarf es einer orientierenden Ubersicht 
uber die einzelnen Handschriften und Fragmente des Vater- 
buches, J ) die Haupt 2 ) und Franke 3 ) in ihren Zusammenstellungen 
keineswegs samtlich angeben. Pipers Verzeichnis 4 ) ist uniiber- 
sichtlich und auch nicht ganz vollstandig, zumal bereits zwanzig 
Jahre seit dem Erscheinen seiner „ Geistlichen Dichtung des 
Mitt elalter s u verflossen sind. 

Beginnen wir mit den Handschriften, urn die Fragmente 
dann folgen zu lassen, so steht obenan der Straf sburger Kodex 
, auf dem sich seines Umfanges wegen alle kiinftigen Unter- 
suchungen aufzubauen haben. Es ist eine Papierhandschrift, die, 
wie aus der lateinischen Nachschrift hervorgeht, im Jahre 1406 




*) Benutzt sind samtliche Ess. und Fragmente, die mir znm Teil durch 
die freundliche Bereitwilligkeit der betreifenden Bibliotheken nnd Archive 
zugesandt oder von mir selbst an Ort und Stelle eingesehen warden. 

») a. a. 0. S. 105 ff. 

») a. a. 0. S. If. 20ff. 

*) a. a. 0. 2, 132. Die Nachtrage S. 288 bieten keine Erganznng. 



7 



feria tertia ante diem penteeostes (25. Mai) vollendet wurde und, 
bevor sie nach Stralsburg kam, dem Kartauserkloster Buxheim 
„bei der Keichsstadt Memmingen in Schwaben" gehorte. Die 
jetzige Signatur des Kodex ist L. germ. 351, in der alten Kloster- 
bibliothek hatte er die Nnmmer 515. Eine eingehende Be- 
schreibung dieser Handschrift gibt Walter Miiller in der Ger- 
mania 31, 321 ff., jedoch ist einiges dazu nachzutragen. Die 
einzelnen Spalten unserer Handschrift, die, wie Miiller sehon 
bemerkt, in bairischem Dialekt geschrieben ist, enthalten 35 bis 
46 Verse, das Gewohnliche sind etwa 40 Verse. Auf 279 Blattern 
haben wir ungefahr 41500 Verse erhalten. Jedes Blatt ist mit 
einem Wasserzeichen versehen, und zwar ist dies meist ein 
Ochsenkopf Oder seltener, weil die erste Papiersorte nicht reicbte, 
eine dreigeteilte Bliite (Bl. 1. 161. 163. 196. 198. 207. 209. 211. 
,263. 265 — 75). Die Reihenfolge der Abschnitte in diesem Kodex, 
der in rotes Leder gebunden ist, ist dieselbe wie in der Leipziger 
Handschrift 816 (A) mit geringen Abweichungen. Vgl. in 
Frankes Ubersicht die Abschnitte 63. 64 mit Nr. 65 — 67 meiner 
unten folgenden Tabelle, ferner Franke 97—100 mit Nr. 102. 
Die Uberschriften der einzelnen Legenden oder Legendenkomplexe 
sind dagegen ganz verschieden. Die in A fehlende Stelle, die 
Franke in der Einleitung S. 30 erwahnt, ist in S erhalten 
(V. 21659— 21736 meiner Zahlung), 1 ) ebenso die auf S. 31 an- 
gefuhrte Stelle V. 28755 — 60. Ferner sind in S manche tiber- 
schriften von Abschnitten, fiir die beim Schreiben des Textes 
kein Raum gelassen war, am Rande nachgetragen. Bei der 
Eintragung dieser tiberschriften scheint ubrigens der Text noch 
einmal durchgesehen und dabei einiges rot korrigiert zu sein, 
z. B. Bl. 43 a V. 6504 — 5. Ansatze einer Interpunktion, namentlich 
bei direkten Reden, sind auch vorhanden. Der Abschreiber ist 
nicht besonders sorgfaltig verfahren, denn ofter hat er Verse 
aus seiner Vorlage ubersprungen, vor allem im einleitenden Teil, 
wie der Vergleich mit den anderen Handschriften zeigt (s. die 
Tabelle unten S. 16 f.); auch manche notwendigen Worte sind 
ausgef alien, so dafs das Metrum gestort wird. Andrerseits 



l ) Meiner Zahlung liegt die im Versbestande zuverlassigste Hs. S zu 
Grande, doch sind stets alle anderen Hss. herangezogen worden. Wo, wie 



eine Vergleichung der sonstigen Uberlieferung zeigt, Verse offenbar vom 
Schreiber oder einem Bearbeiter hinzugesetzt sind, ist das in meiner Ter- 

gleichenden Tabelle S. 13 ff. angemerkt 



8 



werden gedankenlos Worte und Verse wiederholt, ja sogar, wenn 
auch nur ganz selten, Zeilen ihres Reimes beraubt. Obwohl 
also S wegen seiner Vollstandigkeit den Vorzug vor alien Hand- 
schriften verdient, verr&t der Text doch keine allzu grofse 
Sorgfalt. Wegen der Reihenfolge der Schlufslegenden, die S am 
besten erhalten hat, s. unten S. 24. 

Die nachst S vollstandigste Handsclirift mit ungefahr 
37000 Versen ist das Hildesheimer Exemplar K mit der 
Signatur Mus. Nr. 210. Von dieser Handschrift, die Franke 
noch nachtraglich im Vorwort anfuhrt, gibt J. G. Miiller, Ger- 
mania 25, 409 ft, eine eingehende Beschreibung; Borchling 
erwahnt sie in seiner Beschreibung mittelniederdeutscher Hand- 
schriften, 3. Reisebericht (Nachrichten von der Konigl. Gesell- 
schaft der Wissensch. zu GOttingen. Phil .-hist. Kl. 1902 Beiheft) 
S. 201. Es ist ein Pergamentkodex ans dem 14. Jahrhunderk 
Die Anordnung der Legenden ist im grofsen und ganzen die- 
selbe wie in S und A, nur ist der Abschnitt 121 aus Versehen 
vor Nr. 1 19 vorweggenommen worden. Aufserdem bietet K nicht 
den rein en Text des Originals, vielmehr stellt es sich als eine 
bescheidene Bearbeitung desselben dar. Die Legenden 149, 217, 
230 fehlen, und zwar sind sie, weil kein Blattausfall zu kon- 
statieren ist, vom Schreiber ausgelassen worden, dem wir auch, 
bezw. seinem Vorganger, die Bearbeitung d. h. hauptsachlich 
Kiirzung einiger Partieen zuschreiben miissen. Das deutlichste 
Beispiel dieser Anderung des Textes bietet die Geschichte vom 
hi. Paphnutius, Nr. 5 der Tabelle, desgl. Nr. 231. Den Beweis 
fur eine absichtliche Kiirzung des Originals finden wir V. 5861, 
wo der Name des Redenden, namlich St. Paulus aus dem iiber- 
gangenen Stuck eingefugt wird, urn den zerrissenen Zusammen- 
hang wiederherzustellen. Durch Ausfall oder Schnitt sind in K 
leider das Jiingste Gericht und der grofste Teil der Schlulsrede 
des Werkes verloren gegangen. Der Dialekt von K zeigt eine 
Mischung von Mitteldeutsch und Niederdeutsch , was auf einen 
niederdeutschen Abschreiber hindeutet. Miiller a. a. 0. vermutet 
Herkunft von den Brudern des gemeinsamen Lebens in den 
Niederlanden. 

Hinsichtlich der dem 14. Jahrhundert angehorenden Leip- 
ziger Pergamenthandschrift 816 (A) kann ich auf die Aus- 



fuhrungen von Haupt S. 711 129 f. (Nr. I) und Franke S. 20 ff. 



verweisen. A enthalt 30524 Zeilen und ist, wie mir Franke 



9 



iiberzeugend gezeigt zu haben scheint, in ostmitteldeutschem 

Dialekt geschrieben. Nach Tittmanns Vermutung gehort A 
vielleicht ins Kloster Altzelle. 

Das Konigsberger Exenipl ar, Hs. 900, Perg., 1 5. Jahrhundert, 
in hessischem Dialekt geschrieben (F), gibt nur einen Auszug 
aus dem ganzen Vaterbuche in 10490 Zeilen. Vgl. Haupt S. 130 
Nr. II und Franke S. 38 ff. Solche Ausztige, vielleicht nach den 
beliebtesten Heiligen einer bestimmten Gegend oder nach anderen 
Gesichtspunkten angefertigt, liegen noch vor in einigen Sammel- 
kodizes, 1 ) die nach der Art ihres Inhalts dem deutschen Orden 
nahe gestanden haben durften. Yon den erwahnten Schlufs- 
legenden hat F die Siebenschlafer, das Jiingste Gericht nnd den 
hi. Alexius erhalten. Doch der Alexius ist nicht die Legende des 
Vaterbuches, sondern der Auszug aus einer von Mafsmann mit 
B bezeichneten Wiener Hs. Der Schreiber des Konigsberger 
Exemplars wufste also wohl, dafs die Al exiuslegende zum Vaterbuch 
gehorte, aber da ihm die authentische Fassung nicht vorlag, behalf 
er sich mit einer anderen, die er jedenfalls fur die richtige hielt. 



Dem Umfange nach folgt hier Q, die Handschrift der 



Hamburger Stadtbibliothek, Germ. N. 37, codex 213 in scrinio, 
von Haupt in seiner Handschriftenaufzahlung S. 140 als Nr. XIII 
angefiihrt. Sie enthalt sechs von den Schlufslegenden und zwar 
nicht in der Reihenfolge, wie sie S bietet, vielmehr 1. Zosimas, 

Bl. 3—36; 2. Abraham, Bl. 36—37; 3. Alexius, Bl. 67 — 77; 

4. Margarita, Bl. 77—82; 5. Von einer Jungfrau und einem 
Ritter, Bl. 82— 86; 6. Siebenschlafer, Bl. 87— 96. Die Handschrift 
gehorte friiher den susteren zu Campe in der Clusen (bei Boppard); 
gekannt und benutzt hat sie schon Mafsmann. 2 ) 

Sammel handschrif ten in der oben angedeuteten Art, die 
neben Stiicken aus anderen Werken auch solche aus unserem 
Vaterbuch enthalten, sind die folgenden M und L. Unter M 
fiihre ich die Klosterneuburger Papierhandschrift cod. philos. 
LVIII M. S. 585 an, die Karajan schon benutzt hat. Haupt bringt 
sie S. 140 unter Nr. XII. Nach v. Karajan 3 ) weist der Dialekt 
bairisch-osterreichische Eigentiimlichkeiten auf, aber er sah schon, 
dafs das Original mehr dem Norden Deutschlands angehore. 4 ) 



*) S. unten die Handschriften L und M. 

2 ) Sanct Alexius Leben S. 105 ff. 

3 ) Von den siben slafaeren. Heidelberg 1839. 

4 ) a. a. 0. S. 1 f. 



10 



Die Wiener Pergamenthandschrift 2779 (L) — bei Haupt 
S. 14 1 Nr. XIV — ist ebenf alls schon von Karajan in den Sieben- 
schlafern benutzt worden. Wie Hanpt hinzufiigt, enthalt diese 
Handschrift bemerkenswerter Weise auch Stticke aus dem Passional , 
das wir demselben Dichter zuschreiben. Uber den Inhalt des 
ganzen Kodex s. Graffs Diutisca 3, 369; Hoffmanns Verzeichnis 
S. 13 Nr. X. Neuerdings hat Schonbach, Beitrage 33, 340 ff., ein- 
gehend Uber diese interessante Hs. gehandelt und namentlich 
iiber ihre Entstehungsgeschichte beachtenswerte Ausfuhrungen 
gemacht, auf die wir unten zuriickkommen werden. 

Von den Fragmenten sind uns, die wir das Jtingste Gericht 
naher betrachten wollen, namentlich die Meraner Bruchstiicke 
wichtig (H), die in bairisch-5sterreichischem Dialekt abgefafst 
sind; veroffentlicht hat sie Zingerle. 1 ) Hanpt behandelt sie 
S. 131 ff. unter Nr. III. Die Stiicke A, B und C sind dabei Teile 
des Jiingsten Gerichts. Neuerdings hat noch R. M. Werner 2 ) 
zwei Bruchstiicke bekannt gemacht, die sich zu H stellen. 

Bei Haupt S. 134 f. unter Nr. IV folgen die Melker Fragmente 
(N) aus der ersten Halfte des 14. Jahrhunderts in der alten 
urspriinglichen Mundart geschrieben. Diemer 3 ) hatte schon f ruher 
auf sie aufmerksam gemacht, trotzdem hat sie Franke nicht 
beachtet. 

Die Frankfurter Reste dagegen, die in westhessischem 
oder rheinfrankischem Dialekt geschrieben sind, fiihrt Franke 
S. 43 ff. unter O auf, allerdings ist er nicht vollstandig, insofern 
das Fragment Germania 11, 406 ff. nicht erwahnt wird. 

Die beiden Bruchstiicke B — man nennt sieRegensburger 
Fragmente — stehen bei Haupt S. 136 ff. unter Nr. VI und VII. 
Das letztere Bruchstuck befindet sich jetzt im Germanischen 
Museum zu Niirnberg als Nr. 18066. Das Pergamentblatt, das 
F. Spina 4 ) 1895 veroffentlicht hat, gehort nach Strauch 5 ) zur 



Handschrift der Reste B, die aus dem Kloster St. Emmeram 



stammt und nach Franke 6 ) mundartlich dem Original ziemlich 



*) S. oben S. 4 Anm. 4. 

3 ) Zeitschrift ftij die Gsterreichischen Gymnasien 55, 901 und 57, 673. 
9 ) Wiener Sitzungsberichte, phil.-hist. Klasse, 11, 653 f. 

4 ) Zweite Beilage zum Jahresberichte 1895 des Stiftsobergymnasiums der 
Benedictiner zu Brannau in Bohmen. 

») Af dA. 23, 394 f . 

6 ) a. a. 0. S. 33. 



11 



nahe kommen soil. Die meisten der von Roth veroffentlichten 
Fragmente B befinden sich jetzt, wie mir giitigst mitgeteilt 
wurde, in der Kgl. Hof- und Staatsbibliothek zu Miinchen unter 
der Bezeichnung Cgm. 5249, 16 und 17. 

Die beiden Donaueschinger Pergamentblatter (C), denen 
Franke S. 34 f . mit B den grolsten Wert zuspricht, obwohl solcher 
Schluls bei dem geringen Umfang der Bruchstucke zum mindesten 
gewagt ist, entsprechen Haupts Nr. XV (S. 141). Der Dialekt ist 
ansgesprochen mitteldeutsch . 

Das Bruchstiick (ein Doppelblatt) = Haupt S. 138 Nr. VIII 
befindet sich in der Kgl. Kaiserl. Hofbibliothek zu Wien als 
Suppl. 2709. 

D = Haupt Nr. IX (S. 1 38 f .) ist das Fragment (wiederum ein 
Doppelblatt) aus dem Konigsberger Provinzialarchiv Nr.XLIII, 1 ) 
dreispaltig in mafsig mitteldeutschem Dialekt geschrieben. Vgl. 
Franke S. 35 ff. 

Das Regensburger Fragment I, bei Haupt S. 139 Nr. X, 
ist neuerdings durch ein Stuck vermehrt worden, das W. Scheel 2 ) 
veroffentlichte. Die dreispaltig geschriebene Handschrift zeigt 
bairisch-osterreichischen Dialekt. 

Ein anderes Bruchstiick P, das Franke iibersehen hat, nennt 
Haupt S. 139 f. als Nr.XI: ein Gottweiher Blatt von ziemlichem 
Alter in bairisch-osterreichischer Mundart. 

Von Haupt noch nicht erkannt, erst von Franke S. 37 f. 
eingeordnet, ist das Breslauer Fragment E, das Kopke in seiner 
Ausgabe des Passionals S. XIV kollationierte. 

Weder von Haupt noch von Franke werden folgende Bruch- 
stiicke angef iihrt, die Piper 3 ) meist schon nachgetragen hat. Zu 
erw&hnen ist da der Rest von drei Pergamentblattern, die sich 
in Stuttgart befinden. Dieses Fragment (B), 4 ) in mittel- 
deutschem Dialekt geschrieben, riihrt nach Bartsch 5 ) aus dem 
Deutschordensarchiv zu Mergentheim her. 

Die K 6 1 n e r 6 ) Fragmente (T) sind jetzt genauer von Franck 
Zf d A. 44, 1 19 beschrieben. Sie bestehen nicht aus zwei, sondern 



) ZfdA. 13, 560 



Weinhold 1896. S. 60. 



') Geistliche Dichtung 2, 132. 
') Abgedruckt Germania 30, 104 
') Beitrage zur Quellenkunde S. 
') Bartsch a. a. 0. S. 196. 



12 



2V2 Pergamentblattern des 13./14. Jahrhunderts. Die Bemerkung 
von Bartsch a. a. 0. tiber den Prolog, der beginnt Ihesu getruwer 
leiiesman, ist falsch. 

U ist ein Munchner 1 ) Fragment der Hof- und Staats- 
bibliothek, Cgm. 5249, 17, aus dem 14. Jahrhundert, zwei Spalten 
umfassend. 

Mehrere Pergamentblatter aus dem 14. Jahrhundert machen 
die T6lzer 2 ) Bruchstiicke V aus. 

Ein neues Kegensburger Fragment W aus dem 14. Jahr- 
hundert ist vom Graf en Hugo von Walderdorff entdeekt 3 ) und 
von Bartsch 4 ) veroffentlicht worden. Es ist in bairischer Mund- 
art geschrieben. 

Einen Ausschnitt aus einem Pergamentblatt des 14. Jahr- 
hunderts, das sogen. Marburg-Gottinger Fragment X, hat 
neuerdings Roethe 5 ) mitgeteilt. Es ist in nordmittelfrankischer 
Mundart abgefafst. 

Auf zwei Blatter, die sich als Frg. 3251 (Y) in der Grofs- 
herzogl. Bibliothek zu Darmstadt befinden, ist Germania 32, 350 
hingewiesen. Die Bruchstiicke stammen aus dem 14. Jahrhundert 
und sind mitteldeutsch geschrieben. 

Ein niederdeutsches Diisseldorfer Fragment (Z) ist von 
Birlinger 6 ) als unbekannt veroffentlicht, bald aber 7 ) als Teil des 
Vaterbuches bestimmt worden. 

Die Melker und Wiener Fragmente, die Piper *) zuletzt auf- 
zahlt, sind keine Teile des Vaterbuches, sondern Haupt fiihrt sie 
ausdriicklich als Bruchstucke des Passionals an. Vielleicht liegt 
bei Piper ein Versehen vor. 



') S. Bartsch a. a. 0. S. 196 f . Die Bezeichnung ist Cgm. 5249, 17, nicht 
18, wie Bartsch angibt. 

8 ) ebenda S. 197 und ZfdA. 29, 296 ff. 

8 ) Verhandlungen des historischen Vereins fur den Regenkreis Bd. 30 

S. 179. 

4 ) a. a. 0. S. 199 ff. 

*) ZfdA. 41, 244. 

•) Germania 17, 441 ff. 

') Deutsche Literaturzeitung 1881, 891. Vgl. Wackernagel, Literatur- 
geschichte § 55 Anm. 132. 

8 ) Geistliche Dichtung 2, 132. 



13 



A 



B 



C 



D 



Inhaltsubersicht. 




Handschrift 



Umfang der Handschrift in Versen 



Leipziger Hs. 816. 

Von JFranke ist 
a. a. 0. V. 1—4958 
gedrackt. 

Regensburger Frag- 

mente. 
Bis V. 10093 sind 
die Brnchstucke bei 
Both , Dichtungen 
des deutschenMittel- 
alters S. 39 ff. abge- 



druckt. 



Jetzt in 



1—10075. 10077—10309. 10311-16123. 16125 
17598. 17601—19152. 19154—20465. 20467—20483 
20488—21658. 21737—25681. 25683—27292. 27294 
28754. 28761—30604. Der Schlufs fehlt. 

8788—8816. 8829—8856. 8870-8897. 8912—8940. 
9283—9610. 9941—9970. 9982—10010 (die letzten 
Verse nur fragmentarisch). 10023—10046. 10064 

10093. 15356—15388. 15393—15428. 15433—15469. 
15474-15510. 16501—16536. 16541—16577. 16582 
16618. 16623—16659. 23371-23534. 28301—28464 
29122-29285. 36376—36533. 36860—37024. 37519 
37682. 



Miinchen als Cgm. 

5249, 16. Die wei- 
teren Beste bis V. 
16659 sind im Anz. f. 
K. d. d. Vorzeit 1862, 

83 yermerkt. V. 23371 
23534 veroffent- 
lichte Spina 1895 im 



Jahresbericht 
Braunau. 



von 
Die 



iibrigen Teile stehen 
bei Both in den 
Denkmahlern nnd 
zwar in der Beihen- 



f olge : 



S. 50 



57 



(jetzt Miinchen Cgm. 
5249, 17), S. 62—65. 
57—60. 60-62 (die 
drei letzten jetzt 
Cgm. 5249, 16). 

Donaueschingcr Frag- 

mente. 

Noch nngedmckt. 
Vgl. Anz. f. K. d. d. 
Vorzeit 1862, 82 f . 

Ktfnigsberger Frag- 
ment. 

Varianten verz eich- 
nis bei Franke im 
Apparat. 



19001—19039. 19043—19081. 19085—19122. 19127 
19165. 33881—33916. 33925—33963. 33967—34006. 
34009—34024. 34028—34048. 



1029—1296. 1301—1332. 3123—3140. 



14 




Handschrift 



E 



Breslauer Fragment. 

Kollationiert von 
Kopke, Passional S. 
XIV. 



F 



KOnigiberger Hs. 900. 

Ungedruckt. 

Die Verse gebe ich 

in der Reihenfolge, 

wie sie die falsch 

geheftete Hs. bietet. 



Umfang der Handschrift in Versen 



27186—27256. 27282—27352. 27379—273 



•Tf 



1—180 (ein Plusvers 180*). 181—972. 1291—1320. 
1325-1342. 1439—1452. 1711—1770. 2161—2176. 
2189—2415. 973—1088. 1155-1252. 1271—1290. 1771 

1836. 2105-2160. 2416—2746. 6646—6730. 7531 
7554 (2 Plusverse 7531 »*). 8451—8558. 3750—4106. 
4133—4318. 4959—5180. 6103—6554. 6556—6645. 
7925—8142. 2447—2760. 2915—2982. 3613—3748. 



8143—8326. 8419—8450. 8559-8640. 




8820. 



11498. 11537—11606. 12791 




10199—10446. 10525-10716. 11251—11347. 11355— 

. 12965—13002. 
13785—13844. 21219—21264. 24689—24748. 24781 
24924. 25293—25407. 25409—25580 (2 Plnsverse 
25580»*>). 25623—25739. 25767—25934. 26233—26500. 

26893—27040. 27064— 

27347. 27349—27442. 27445—27537. 27539—27568. 
27626—27642. 27645—27732. 27741—27755. 27757 
27875. 27877—27892. 27895—27930. 27932—27971 

27973—28087. 28103—28214. 28219—28336. 29391 
29427. 29429—29580. 29582—29586. 







i 



29683—29829. 29831—29961. 29963—29976 (2 Plus- 
verse 29976 **>). 29977—29980. 29983—30030 (2 Plus- 
verse 30030 a b). 30031—30099. 30101—30147. 30149 

30274. 30427—30604. 30631—30706. 30869—31010. 
31012—31017. 31019—31162. 31235—31238. 31241 
31286. 31395—31467. 31469—31472 (6 Plusverse 
31472*-*). 31651—31696. 31699—31710. 31712 
31748. 31869—31900. 31913—31938. 32267—32296. 
32343—32382. 32407—32426. 32883—32899. 32933 

32954. 32957—33054. 33145—33196. 33245—33252. 
33305—33354. 35007—35046. 35109—35119. 35121 
35131. 35133—35152. 35201—35310. 35313—35343 



35345—35434. 35539—35622. 
35742. 357 




35724. 35726— 






35794. 35797—35826. 38397 
38489—38531. 38533—38595. 38597—38602. 
38652. 38729—38778. 38891—38897. 38899—38906 
38923—38954. 38963—38983. 38995—39066. 40259 
40497. 



15 




G 



H 



I 



K 



Handschrift 



Umfang der Handschrift in Versen 



Frankfurter Frag* 

mente. 

Mone, Anzeiger 8, 

203. 341. 338 nnd 
Germania 11, 406 ff. 



13375—13492. 27177-27328. 30525—30676. 38035 
38185. 38785—38936. 



Meraner Fragmente. 

Zingerle, Findlinge 
I nnd II. Wiener 
Sitznngsberichte 55, 

633 ff . 64 , 143 ff . 
R. M.Werner, Zf doG. 

55, 901 nnd 57, 673. 



Regensburger Frag* 

mente. 

Both, Bruchstticke 
aus der Kaiser - 
chronik S. 61 ff . Va- 
rianten bei Franke 
im Apparat. 



Hildesheimer Hs. 

Mus. 210. 
V. 1—242. 33450 
33488. Gedrnckt 

Germania 25, 410 ff . 



3625—3752. 4521—4658. 4777-4904. 5159—5284. 
8345—8472. 8983—9110. 10263—10390. 11157—11284. 
15747—15792. 15802—15824. 15834—15875. 17773 
18028. 20211—20337. 21097—21218. 22355—22480. 
22983—23109. 24258—24385. 24513—24639. 24893— 
25018. 25145—25271. 25397—25524. 26037—26165. 
26551—26676. 26933—27060. 28343—28470. 28727 
28982. 29241—29494. 30265—30392. 30520-30646 
31159-31286. 38493—38748. 40535-40790. 41111 
41174. 



957—982. 1013—1040. 1069-1094. 1122—1147. 



1176 



1200. 1229—1254. 1255—1280. 1307—1333. 



1361-1387. 1415—1440. 1467-1492. 1497. 1525 
1552. 



1—180 (2 Plusverse 177* und 180 »). 181—5734. 
5735—5860 (jedoch abweichend vom Original, ab- 
sichtlich verktirzt). 5861—7188. 8171—11530. 11532 
15644. 15857—15928. 15645—15856. 15929—17598. 
17601—17602. 17605—18826. 18829—19651. 19816— 
20483. 20488—24922. 24927—25442. 25451—26314. 
26317—26318. 26321—26322. 26325—27150. 27157 
27164. 27169—27294. 27297—27560. 27569—28274. 
28277—28334. 28337—28462. 28465—29326. 29329 
29350. 29357—29390. 29451—30424. 30427—30520. 
30529—30622. 30625—30700. 30707—30882. 30889 









31073—31108. 31111-31138 (ein Plnsvers 31138 »). 
31139—31730. 31735—31776. 31785—31824. 31827 
31866. 31869—31890. 31895—32088. 32091—32092. 



32097—32116. 32119—32142. 32149—32152. 32155 
32170. 32173—32256. 32267—32340. 32343—32566. 
32569—32650. 32655—32716. 32720—32806. 32809 
32826. 32829—32880. 32883—32998. 




16 




Handschrift 



Umfang der Handschrift in Yersen 






K 



L 



M 



N 







P 



Q 



B 



s 



Hfldeshelmer Hs, 
Mut. 210. 

Fortsetzung. 



Wiener Hs. 2779. 

Karajan, Yon den 
siben slafaeren. 



Klosierneuburger Hs. 
Karajan a. a. 0. 

Melker Fragmente. 

Ungedruckt. 

Wiener Fragment. 

Ungedruckt. 

Gffttweiher Blati. 
Ungedruckt. 

Hamburger Hs. 213 in 

scrinio. 

Mafsmann , St. 
Alexius Leben S. 
105 ff. FassungEist 
hieraus entnommen. 





33189-33556. 33559—33622. 
33938. 33943—33948. 33951—33958. 33961—34042 
34045—34100. 34103—34138. 34141—34320. 34323 
34473. 34479—34608. 34611—34620. 34623—35148 
35153—35212. 35217—35324. 35327—35398. 35401 
35432. 35435—35488. 35501-35530. 35539—35564 
35571—35968. 35971—36034. 36037—36684. 36687 

36700. 36703—36748. 36751—37130 
37132—37246. 37249—37334. 37337—37386. 37391 
37490. 37493—37654. 37657—37743. 37745—37752 
37757—37760. 37763-37886. 37889—37966. 37969- 





38030. 38033—38076. 38081—38095. 38097—38392 
38397—38534. 38537—38640. 38643—38726. 38729 
38776. 38779—38826. 38829—38830. 38833—38992 
38995—39060. 39067-39336. 39339—39379. 41558 
41574 (Bruchstticke). 



38161 






. (Plusverse: 38424 »»>. 38532 »*> 
»-&• 38790* b - 39020*»>- 39066»*>.) 



15929-16252. 38161-38265. 38267-39066. (Plus- 
verse wie in L, aber 38693 *— *•) 

13699—13864. 14521-14684. 14849—16163. 16487 
17142. 



11159-11313. 11947—12105 



2636—281 1 




Stuttgarter Fragment. 

Germania 30, 104 ff . 

Strassburger Hs. 351. 

Ungedruckt bis auf 
die Schlufsrede. Ger- 
mania 31, 322 ff . 



34033—34115. 34117—35157. 35159 
35826. 30605—31780. 31785—33488. 39067—39173. 
39175-40082. 35827—36270 (14 Plusverse hinter 
36270). 36271—36702. 38161—39066. 



28360—28559. 29357—29555 



1—179. 181—232. 237—1659. 1661—5365. 5367 
5403. 5405—5829. 5831—6359. 6361—6373. 6375 
7054. 7056—7487. 7489—7817. 7822—7834. 7836 
8074. 8077—9525. 9527—10258. 10261—10444 (2 Plus- 



17 




s 



T 



U 



V 



w 



X 



Y 



Z 



Umfang der Handschrift in Versen 



Strassburger Hs. 351. 

Fortsetzung. 



0444*»>). 10445—10865. 10867—12244. 12247 



12951. 12953 
13808—15128. 



13613 



13728—13804 



17912. 17919—18755. 18758 



Kfllner Fragmente. 

Ungedruckt. 

MDnchner Fragment. 

Ungedruckt. 

Ttflzer Fragmente. 

ZfdA. 29, 296 ff 



19784. 19787—20404. 20408. 20405—20406. 20409— 
22787. 22789—27427. 27429—28620. 28623—29580. 
29582—34273. 34275-35128. 35130—39930. 39937 
41574. 



239—401. 732—893. 1756—1835 



25510—25672. 



13547 



13574—13579. 13602—13607 



25770—25785 




Regensburger Frag- 
ment. 

Bartsch, Beitrage 



13633. 14218—14219. 14298 
25798—25814. 25827—25842. 25855—25870 
26341. 26409—26424. 26882—27105. 30308—30425 
30448-30454. 30476—30481. 30504—30509. 30532 
30537. 30560-30565. 30588—30593. 30615—30620 
30643—30754. 

14609—14736. 14991—15116. 



zur 
S. 1 



• II 



Quellenkunde 
ff. 



15382—15401. 15425—15444. 15467—15492. 15515 
15535. 



14621—14780. 15097—15256. 



11278-11411. 



Marburg-Gffttinger 

Fragment. 
ZfdA. 21, 244. 

Darmstadter Frag- 
ment. 

Ungedruckt. 

DDsseldorfer Frag- 
ment. 

Germania 17, 441 ff. 

Werfen wir nun noch einen Blick auf die Uberlieferung, 
soweit sie fur eine Textherstellung in Frage kommt, so konnen 
wir jetzt erfreulicher Weise das Vaterbuch in seinem ganzen 
Umfange, wie es der Dichter bearbeitet hat, 1 ) wiederherstellen. 

*) Auch die franzosischen Dichter, die den Vaterbuchstoff behandeln, 
geben nur eine Auswahl aus den Quellen. Vgl. Histoire litteraire de la France 
33, 256: „ Versions en vers et en prose des vies des peres" par P. Meyer. 



Hermaea VII. 



2 



18 



Bei Zeilenausfall erganzen sich die Handschriften und Frag- 
mente glucklich; sogar die Schlufsteile, die neben S auch noch 
in Q gut erhalten sind, weisen keine wesentlichen Liicken mehr 
auf. Wie sind nun die einzelnen Handschriften zu werten? 
Man darf behaupten, dafs, wenn wir einmal von K absehen, das 



nach obigen Ausfiihrungen (s. S. 8) den Originaltext oft ver- 



andert iiberliefert, alle Handschriften, auch die, von denen wir 
nur noch Fragmente besitzen, den urspriiuglichen Text ziemlich 
genau wiedergeben. Die offenbaren Versehen der Abschreiber 
sind dabei natiirlich aufser Acht zu lassen. Franke hat sich 
bemtiht, ein Diagram m der Uberlieferung aufzustellen, doch ist 
seine Behandlungsart abzulehnen. 1 ) Er will sogar das kleinste 
Fragment einreihen, ein Unterfangen, das notwendig zu iiber- 
eilten Schliissen fiihren muls. Meiner Meinung nach konnen 
wir uns damit begniigen, zwei Uberlieferungsstrome zu unter- 
scheiden, deren einen A mit E reprasentiert, den anderen FKS 
mit den meisten Fragmented Aus dem Original ist keine von 
diesen Handschriften geflossen. Bei A erkennt man dies aus 
einem Vergleich mit den E-Fragmenten , und die Behandlung 

einer einzigen Stelle zeigt uns auch, dafs diese beiden Texte 

eine eigene Uberlieferung darstellen. V. 27191 lafst namlich A 
das Eeimwort genuc aus; dieses fehlt auch in E und schon seine 
Vorlage entbehrte es, sodafs der Abschreiber sich veranlafst sah, 
einen neuen Reim herzustellen. Die beiden Verse lauten bei ihm: 

Der pmder floch beseit 
wan sin vertruc krankeit. 

Die richtige Uberlieferung (FKS) lautet dagegen: 

Der pruder floch beseit genuc, 
wan sie ir crancheit vertruc. 

Dafs E nicht aus A stammen kann, beide vielmehr auf eine 
gemeinsame Vorlage zuruckgehen miissen, der schon das Eeim- 
wort genuc fehlte, weist Franke S. 46 f. nach, indem er Stellen 
heranzieht, in denen E gegenuber A offenbar den richtigen Text 
bietet. Aus dem Original sind also A und E nicht geflossen, 
aber sie bilden doch eine gemeinsame Gruppe gegenuber FKS. 
Das beweist die eben beriihrte Stelle und die sonstige Uber- 
einstimmung der drei Texte A gegenuber. Ich fuhre nur einige 
Proben an, die man in Frankes Lesartenapparat, der K beruck- 



') Vgl. Schonbach AfdA. 7, 164 ff. 



19 



sichtigt, leicht nachschlagen kann: V. 194. 1273. 1453. 1454. 
3786 usw. An den meisten fraglichen Stellen gehen FKS 
zusammen, eine Verwandtschaft besteht zwischen ihnen, aber 
keine Handschrift ist aus der andern geflossen, wie eine Ver- 
gleichung ihres Versbestandes dartut. Vielmehr sind sie auf 
eine gemeinsame Vorlage zuriickzufiihren. Daraus erklaren sich 
die geringfiigigen Abweichungen, die bisweilen nocli zwischen 
diesen verwandten Handschriften bestehen; wir sehen sie als 
Fehler der Abschreiber an. Auch keine dieser Handschriften ist 
direkt aus dem Original abgeschrieben, das erkennt man leicht 
aus der schwankenden Uberlieferting der Verse 175 — 180. 

A 

die teilten in ir jaren 
175 sich in die kunecriche wit, 

da sie binnen derselben zit 

jensit dem mere und dissit 

der lute vil bekerten 

und den gelouben lerten, 
180 wie si den Cristum erten. 



Nach 176 mit lere und mit lidens strid K\ 180 fehlt S; nach 180 unde 
keyn gote ir leben kerten F, und den in gute merten K. 



A bietet hier allein den richtigen Text, zweimaligen Drei- 
reim, wahrend die andere Gruppe an dieser Eigenheit des Dichters 
absolut andern zu mussen glaubt. S lalst fliichtig wie ofter 



V. 180 als dritten Reim aus; K, dessen Schreiber diese Reim- 



technik des Dichters anscheinend nicht kannte, stellt zwei voll- 
standige Vierreime her, und F schliefslich fiigt nur einen Vers 
noch dazu metrisch ganz schlecht gebaut — hinter V. 180 ein. 
Die gemeinsame Vorlage der Gruppe FKS hatte sicher noch 
den doppelten Dreireim, das lalst der Text von S vermuten. 
Die Originalhandschrift unseres Dichters aber als diese Vorlage 
anzunehmen, ist unmoglich, da dem Original gegenuber die Ab- 
schreiber nicht so willkiirlich andernd verfahren waren. Dais 
die Vorlage mitteldeutsch abgefafst war, also dem Idiom des 
Dichters noch ziemlich nahe stand, ersehen wir ganz klar aus 
K und F, aber auch aus S, das oft mitteldeutsche Reimworte 
nicht ins Oberdeutsche iibertragt. Ferner zeigt es deutlich die 

folgende Stelle Bl. 237 d V. 35516: do Jcaynn seinen pruder 

slug. Es ist von Kain, der seinen Bruder erschlug, die Rede.: 

2* 



20 



Beim fluchtigen Daruberhinlesen hielt nun der Abschreiber den 
Namen Kain fiir die md. Form des Adjektivums kein und schrieb 
sie deshalb in seinen Dialekt chain urn, bis er seinen Schnitzer 
merkte und kaynn anderte. Bewufst schrieb er also seine md. 
Vorlage in die bairische Mundart urn. 



Zweites Kapitel. 

Anlage und Inhalt des Vaterbuches. 



mm 

Ich gebe zunachst eine Ubersicht iiber die Anlage unseres 
weitschichtigen Werkes, damit von vornherein Klarheit iiber 
seinen reichen Inhalt besteht. Dabei nehme ich vorlaufig an, 
dafs der Text, wie er jetzt in S vorliegt, wirklich das Vater- 
buch ausmacht. 1 ) 

Mit einer Anrufung der hi. Dreifaltigkeit, Vater, Sohn und 
heiliger Geist beginnt der Verfasser, um dann mit ihrem Bei- 

stande zu erzahlen, 

wie hie vor in manigen tagen 
der heilige geist geworben hat, 
100 und wie sin tugenliche rat 
an genugen luten wunther bar, 
also daz si von herzen gar 
got suchten hie zu stunden 
untz daz si in funden. 

Gott zu Liebe unternimmt er seine Aufgabe, indem Jesus 
sein getruwer leitesman (114) sein soil. Bisher hat der Dichter 
zur iteln rote (151) gehort, die gem weltliche mere vernimmt, 
nicht zur seligen rote (145), die gern vom gottseligen Leben 
der guten Leute erzahlen hort. Um nun fiir sein friiheres un- 
frommes Leben Bulse zu tun, will der Dichter dies Werk ver- 
fassen (156), er betont aber, dafs er kein mere eigenhandig 
erdichten wolle (160), vielmehr will er nur aus seiner Quelle, 

der veter buch (161), das fiir die gemeinschaft (165) Niitzliche 

ins Deutsche iibertragen. Von den Einsiedlern, den heiligen Alt- 



l ) Hanpt behandelt a. a. 0. freilich auch den Inhalt unseres Werkes 

genauer, aber er zerstreut seine Angaben iiber seinen ganzen Aufsatz, sodals 

; • kein rechtes Bild entsteht. Aufserdem konnten ja seine Mitteilungen wegen 

I } der Unvollstandigkeit der von ihm herangezogenen Hss. nicht erschSpfend sein. 



21 

vatern, sollen Geschichten erzahlt werden; die Ausbreitung des 
Christentums, die Entstehung des Einsiedlerwesens und die Lebens- 
weise der Altvater in der WUste und in der Zuriickgezogenheit 
werden kurz dargestellt, um dann nach dieser Einleitung zum 
eigentlichen Werk iibergehen zu konnen mit folgender Bemerkung 
liber die benutzte Quelle und die Absicht des Buches; 

waz got an in genugen 

von genaden wonders hat getriben, 
230 des wart ein teil doch geschriben 

in criescher zungen. 

durch got durch bezzerungen 

wart ez do zu latine braht. 

des selben ist ouch mir gedaht, 
235 daz ich (durch) got, uf guten sin 

zu dute sagen wil von in 

etteliche nutze mere. 1 ) 

Eine nochmalige Anrufung Christi (238—240) leitet zum 
eigentlichen Gegenstand iiber. Zuerst behandelt der Dicbter 
den hi. Antonius und Paulus, die Begriinder des Einsiedlerlebens 
in der oberagyptischen Wuste. In der Ausfuhrung dieser Legende 
finden wir den Versuch, aus den verschiedensten Bestandteilen 
und Geschichten, die unter dem Nam en des hi. Antonius gehen, 
eine einheitlich zusammenhangende Lebensbeschreibung zu ver- 
fassen mit jenem umhsuch, von dem der Dichter in der Schlufs- 
rede seines Werkes (Germ. 31, 323 V. 2) spricht. Das Verfahren 
unseres Dichters, der hier eben aus den Vitae patrum zahlreiche 
Legenden zusammengelesen und verschmolzen hat, ist von Haupt 
und Franke naher beleuchtet worden, und bei unserer Quellen- 
untersuchung wird noch besonders darauf einzugehen sein. 

An die Geschichte des hi. Antonius und Paulus Simplex 
schlielst sich die Schilderung einer Reise in die agyptischen 
Wiisten, wo einzelne fromme Einsiedler besucht werden. Von 
diesen Monchen werden des langeren geeignete erbauliche Legenden 
erzahlt im Anschluls an das lateinische Werk RuffinietMelaniae 
peregrinatio, wie wir noch nachzuweisen haben werden. Der 
scheinbar unvermittelte Anschlufs des zweiten Teiles an den 
ersten, ohne dais nach der Gewohnheit unseres Verfassers eine 
Uberleitung stattfindet oder eine personliche Einschaltung des 
Dichters verbindet, hat Haupt 2 ) die Vermutung nahegelegt, dafs 



») Die Verse 233—237 fehlen in S. 
s ) a. a. 0. S. 79. 




22 




hier etwas f ehle. Da nun aber keine unserer Handschriften an 
dieser Stelle mehr enthalt als die von Haupt benntzte Hs. 
so kflnnen wir wohl annehmen, dafs der Dichter selbst hier ab- 
gebrochen hat, vielleicht weil er die Schwierigkeit, ein ab- 
schliefsendes Gesamtbild von einem Heiligen (ein unzustoret mere, 
wie es im Passional einmal — H. 170, 82 — heifst) zu geben, unter- 
schatzt hatte. Denn das ganze Material ans den Vitae patrum 
iiber Antonius hat der Verfasser keineswegs verwertet. Aulser- 
dem aber kann man von einem abrupten tHbergang kaum reden; 
meiner Ansicht nach ist im Text alles in Ordnung. Die Geschichte 
des hi. Antonius ist bis zu seinem Tode erzahlt worden, was 
liegt nun naher, als einen Besuch der beruhmten Griindnngen 
dieses Heiligen anzuschliefsen! 

Nach der Schilderung der W listen wander ung folgt eine 
langere Einschaltung, die den zweiten Teil abschliefst und zu- 
gleich zu einem dritten iiberleitet. Der Dichter fafst noch ein- 
mal zusammen, dafs er im Vorhergehenden das ins Deutsche 
iibersetzt habe, was die friiheren Autoren auf ihren beschwerlichen 
Besuchen der Altvater von Jerusalem aus selbst dort gesehen 
und erlebt hatten. Nochmals betont er: 



der mer ist dhainez mein; 
11515 ich han anders niht getiht 

noch zu daut beriht, 
dann als ich in dem pnch vant, 
daz vitaspatrum ist genant. 

Und bis hierher sind wirklich, wie wir bald naher beleuchten 
werden, die Vitae patrum ausschliefslich des Dichters Quelle 
gewesen. Noch viele Maren, gleichfalls aus demselben Werke, 
verspricht der Autor, damit sie den Leuten gleichsam einen 
Tugendspiegel abgeben mogen. Bei dieser Gelegenheit lafst er 
sich zum zweiten Male ausfuhrlicher iiber seine Quelle und seine 
Gewahrsleute Johannes und Pelagius aus (V. 11 546 ft). Da den 
lateinunkundigen Laien ihr Werk unbekannt geblieben sei, so 
habe er sich an die poetische Ubertragung gemacht. Ob die 
Vitae patrum schon einmal deutsch bearbeitet seien, wisse er 
nicht, jedenfalls wolle er seine Aufgabe ausfiihren, weil Gott 
seinen bisherigen Liigensinn auf diesen Stoff gerichtet habe. Er 
betont, er wolle stets der Wahrheit gemafs erzahlen (V. 11569). 

Im Folgenden finden wir nun eine Ftille von belehrenden 
Legenden und bemerkenswerten Ausspriichen der heiligen Alt- 



23 



vater. Im grofsen und ganzen sind die Abschnitte mit jenem 
schon erwahnten umbsuch aus den Vitae patrum ordnungslos 
zusammengetragen, sodafs man vielleicht mit Haupt von einem 
Legendenirrgarten sprechen kann. Nur manchmal schlielsen sich 
einige Abschnitte desselben Inhalts zu kleinen Gruppen zusammen, 
wie sie ahnlich schon die Quelle unter gemeinsamen Uberschriften 
zasammenfafst. Abgeschlossen wird dieser dritte Teil, der trotz 
der gegenteiligen Versicherung des Dichters auch Selbsterf undenes 
enthalt (vgl. unten die Tabelle S. 32 Nr. 158 und 175), durch die 
Legende vom hi. Hieronymus mit dem Lowen, die, wie noch zu 
zeigen ist, eine besondere Stellung im Vaterbuche einnimmt. 

Eingehendere Beachtung verdient dann auch der vierte und 
letzte Teil unseres Werkes, insofern uns grofsere selbstandige 
Legenden in ihm geboten werden, deren jede eine besondere 
Vorrede, ja gelegentlich sogar einen Epilog (vgl. die Pelagia- 
legende Nr. 240) enthalt. Die Art der Behandlung ist hier freier 
und schwungvoller, und schliefslich ist vor allem zu betonen, 
dafs mehrere dieser Schlufslegenden nicht wie bisher den Vitae 
patrum als Quelle folgen, sondern der Leg en da aurea des Jacobus 

a Yoragine. S. das dritte Kapitel. 

Den Beschlufs unserer Dichtung bildet eine begeisterte und 
poetische Schilderung des Weltgerichts, auf deren naheren Inhalt 
wir weiter unten eingehen werden, und eine zusammenfassende 
Schlufsrede, die S ganz und K teilweise erhalten hat (Germania 
31, 323 if.). Hertzen erbet hat danach der Dichter bei der Ab- 
fassung seines Werkes gehabt, jetzt, da es nun vollendet sei, 
moge ihm Gott den Hals und die Milsgunst ertragen helfen, der 
er ausgesetzt sei (V. 41447 — 41574 = Nachrede). Wie einer 
hassen kdnne, vermag unser Dichter nicht zu verstehen, vielmehr 
solle jeder stets auf des Herrn Lob bedacht sein; zu diesem 
Zwecke habe er wenigstens sein Buch geschrieben. Wenn man 
bei einigen Geschichten Zweifel an ihrer Wahrheit hegen sollte, 
so moge man bedenken, dafs bei Gott kein Ding unmoglich sei; 
iiberhaupt sei es blols unser chranchait, unsere irdische Un- 
vollkommenheit, welche die Zweifel hervorrufe. Wir mit unsern 
weltlichen Interessen seien selbst schuld an einem so klaglichen 
Zustand. Nun solle man sich die Altvater mit ihrem tugend- 
haften, gottgefalligen Wandel zum Muster nehmen, damit man 
lerne, Gottes Gebote zu lieben. Am Schlusse folgt die Bitte des 

Dichters an die Leser, auch seiner in ihren Gebeten zu gedenken, 



24 



denn er habe in diesem Buche sein Bestes niedergelegt; dazu 

bittet er Gott instandigst urn Erlosung nach dem Tode und fiir 

die Zeit seines Erdenwallens um die Kraft, fromm und welt- 

abgewandt zu leben. 

In kurzer Ubersicht stellt sich also der Inhalt folgender- 

malsen dar: 

I. 

1. Vorrede zum ganzen Vaterbuch. V. 1—168. 

2. Vorrede zum hi. Antonius und Paulus. V. 169 — 240. 

3. Leben des hi. Antonius und Einiges von Paulus. V. 241 - 3390. 

II. 

1. Vorrede zur Wiistenreise. V. 3391—3444. 

2. Die Wiistenreise. V. 3445—11498. 

HI. 

1. Vorrede zum Buch der Beispiele. V. 11499 — 11576. 

2. Das Buch der Beispiele. V. 11577—27568, 

IV. 

1. Die hi. Euphrosyna. V. 27569 

2. Die hi. Pelagia. V. 29391—30604. 

3. Abraham und Maria. V. 30605—33488. 




«% 



4. Zosimas und Maria Agyptiaca. V. 33489—35826 

5. Die hi. Margarita. V. 35827—36270. 

6. Die Antiochische Jungfrau. V. 36271—36702. 

7. Der hi. Eustachius. V. 36703-38160. 

8. Die. Siebenschlafer. V. 38161—39066. 

9. Der hi. Alexius. V. 39067—40082. 

10. Das jungste Gericht. V. 40083-41446. 

V. 

Die Schlufsrede. V. 41447—41574. 



Drittes Kapitel. 

Die Quellen. 



Das Resultat der Quellenuntersuchung schicke ich in folgender tabella- 
rischer Ubersicht voraus. Bei der eigentlichen Behandlung der Frage werde ich 
ofter darauf zuriickgreifen und zugleich die Rechtfertigung der Zusammen- 
stellung bringen. Benutzt sind fttr die hauptsachlichsten lateinischen Texte: 

1. Heribert Kosweyd, Vitaepatrnm. 2. Aufl. Amsterdam 1628. 

2. Jacobi a Voragine Legenda anrea rec. Th. Grasse. Editio secnnda. Lipsiae 1850. 



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37 



Wir konnen nunmehr auf das Verhaltnis unserer Diehtung 
zu ihren Quellen naher eingehen und auf die Art und Weise, 
wie unser Dichter gearbeitet hat. Schonbach in seiner Kezension 
der Frankeschen Ausgabe 1 ) macht freilich dem Verfasser den 
Vorwurf, dafs seine diesbeziiglichen Untersuchungen iiberfliissig 
und unniitz seien dureh den schon oft erwahnten Aufsatz von 
Joseph Haupt, und sicher wiirde Franke schon zu weitgehenderen 
Resultaten gelangt sein, wenn er Haupts Abhandlung gekannt 
hatte, jedoch eine Beschaftigung mit dieser Quellenfrage iiber- 
haupt abzulehnen, halte ich fur unberechtigt, da die Beantwortung 
keineswegs so einfach ist. Die Vitae patrum sind namlich nicht 
die einzige Quelle fur unser Werk, wie man bisher anzunehmen 
geneigt war. Aufserdem bieten sich bei einer solchen Unter- 
suchung noch viele interessante Einzelfragen, gar manches kann 
praziser ausgedriickt, manches mehr gefolgert werden, als es bei 
Haupt und Franke geschehen ist. Vorausgeschickt sei, dafs die 
vergleichende Gegeniiberstellung von Vaterbuch und Vitae patrum, 
die Franke S. 4 — 10 seiner Einleitung anstellt, an vielen Punkten 
der Berichtigung bedarf. Deshalb habe ich von neuem die Ver- 
gleichung in der oben stehenden Tabelle vorgenommen, und urn 
die Quellenfrage des Vaterbuches nun ein fur alle Mai festzu- 
legen, gebe ich im folgenden eine genaue Begriindung und Aus- 
fuhrung dieser Tabelle. Dabei verzichte ich auf eingehendere 
Darlegungen an den Stellen, wo Franke nur durch Fluchtigkeit 
den falschen Beleg gibt, wo er jedoch offensichtlich irrt und wo 
sich Folgerungen an die Bichtigstellung knupfen, mufs ich aus- 
fiihrlicher werden. 

Sehen wir uns zunachst einmal die eigenen Aufserungen 
unseres Verfassers iiber seine Quelle an, so wird uns schon 
manches klar, denn der Dichter ist gerade in diesem Punkte 
nicht so schweigsam wie z. B. iiber seinen Namen und seine Person. 
Die markanteste Stelle findet sich in der Vorrede zum dritten 
Buche, wo es heifst: 

11515 ich han anders niht getiht 

noch zu dute beriht 
dann als ich in dem puch vant, 
daz vitas patrum ist genant. 

Damit wird ein Werk Vitae patrum als einzig benutzte Quelle 
angegeben, und bis zu diesem Teil (Nr. 26) hat es mit dieser Be- 

>) AfdA . 7, 164 ft . 





38 



hauptung aucli seine Richtigkeit, wie wir sogleich erkennen werden. 
Doch geniigt diese allgemeine Angabe nicht. Die Vitae patrum 
bestehen bekanntlich aus den Beitragen mehrerer Autoren. Ur- 
spriinglich ein einlieitliches Werk in griechischer Sprache, das 
von Hieronymus (s. Franke S. 3) ins Lateinische iibersetzt sein 
soil, ist es allmahlich immer mehr durch neue Beitrage zu dem 
Werke erweitert worden, das uns seit 1618, von H. Kosweyd in 
10 Biichern gesammelt, vorliegt. Unser Dichter hat nun aber 
nur einen beschrankten Teil der ganzen Sammlung benutzt, und 
wir konnen noeh genau feststellen, welcher dies gewesen ist. 
Dabei lasse ich mich nicht auf solche Versuche wie Franke 1 ) ein, 
lateinische Handschriften aufzuspiiren, die in der Anordnung der 
Legenden dieselbe Folge zeigen wie unser Werk. Das ist iiber- 
fliissig, da unser Dichter nach seinen eigenen Worten (V. 11275 
11278) ja doch nur eine Auswahl aus seiner Quelle gibt. 
Immerhin ist es Frankes Verdienst, gezeigt zu haben, dais unser 

Autor doch nicht so willkurlich mit seiner Quelle umgesprungen 
ist, wie es Haupt annehmen zu miissen glaubt. 2 ) 

Als seine spezielleren Gewahrsleute gibt unser Verfasser 
Hieronymus, Pelagius und Johannes 3 ) an in folgenden Versen: 

1870 als von im saget Jeronimus. 
11540 in chriescher zungen 

wurden si vor geschriben 

und in der zungen lang beliben, 

untz si in guter andacht 

zu iatein wurden praclit 
11545 von zwain, di warn genant sus 

Johannes und Pelagius. 

zu Kom was ir paider wesen. 

Pelagius pflac alda lesen 

daz ewangelium in der zit, 
11550 wan er dartzu was geweit. 

Johannes subdiaken was, 

als ich ez an dem puch las. 

di habent ez in Iatein geschriben. 



*) a. a. 0. S. 3. 

2 ) Eine franzosische Bearbeitung der Legenden der hi. Altvater zeigt 
iibrigens in dieser Partie (lib. II : Ruffini et Melaniae peregrinatio) dieselbe An- 
ordnung wie das deutsche Vaterbuch, sodafs eine dementsprechende lat. Vorlage 
wirkHch anzunehmen ist. Vgl. Histoire litteraire de la France 33, 297 f. 

3 ) Die Erwahnung eines Jacob in der Pelagialegende und des Methodius 

im Jtingsten Gericht lasse ich zunachst beiseite, da sie an dieser SteUe nicht 
von Bedeutung sind. 



39 



Diese drei Namen begegnen uns als Verfasser des I. V. und 
VI. Buches der Rosweydschen Sammlung, sie haben also unserm 
Dichter vorgelegen. Aufserdem aber hat er noch das II. Buch, 
die Ruffini et Melaniae peregrinatio, und liber III von Ruf f i- 
nus benutzt, ja gerade in diesem Teil zeigt er sich sehr abhangig 
von seiner lateinischen Vorlage. Andere Stiicke der Vitae patrum 
hat der Verfasser nicht ftbertragen, wie die Tabelle zeigt. Er 
durchbricht aber seinen Vorsatz, indem er spater auch die 
Leg en da aurea als Quelle heranzieht. Betrachten wir nun die 
Arbeitsweise unseres Dichters etwas naher. 

In den Vorreden und sonstigen Einschaltungen verfahrt 
unser Alitor meist selbstandig, freilich in Anlehnung an die 
literarische Gewohnheit der Zeit. Eine Anrufung Gottes und 
eine captatio benevolentiae an seine Leser zu Beginn, ferner die 
Bitte urn gutmeinenden Einschluls ins Gebet findet sich bei vielen 
Schriftstellern des Mittelalters, so audi hier. Was dann die Be- 
handlung des Stoffes anlangt, so hat schon Haupt auf die eigen- 



tiimliche Komposition der Antoniuslegende (Nr. 2) aufmerksam 



gemacht; unverkennbar ist hier das Streben, alles den hi. Antonius 
Betreffende aus dem I. II. III. und V. Buche bei Rosweyd zu 
sammeln und in eine einheitliche Vita des Heiligen, in ein mere, 
wie es der Dichter ofter nennt (z. B. 11514), zusammenzu- 
schmelzen. Den Rahmen bildet die Vita Antonii des Athanasius, 
die von Euagrius ins Lateinische iibersetzt ist und im I. Buche 
bei Rosweyd steht. Nur noch einmal lernen wir eine solche Be- 
handlungsweise beim Leben des hi. Arsenius (Nr. 102) kennen. 
Dort finden wir die betr. Legenden aus dem III. und V. Buche eng 
miteinander verkniipft; eine Erzahlung geht in die andere iiber, 
und Namen aus ganz anderen Teilen der Vitae patrum sind iiber- 
nommen worden. ! ) Sonst ist diese Methode aufgegeben, vielleicht 
weil, wie wir oben schon bemerkten, dieser umbsuch doch zu 
schwierig durchzufiihren war; deshalb zeigt das iibrige Vaterbuch 
nur Einzellegenden. Mit dem Tode des Heiligen schliefst die 
Vita Antonii, und da die Gestalt des hi. Paulus Simplex schon 
mit in die Legende des hi. Antonius eingeflochten war, so wird, 



*) V. 14891 werden die Namen Zoylus und Alexander aus dem V. Buch 
des Rosweyd erganzt, obgleich flir den betr. Abschnitt (Nr. 102 Schlufs) Buch 
III als Quelle dient. V. 14939 ist die Zeitbestimmung „95 Jahre", die in 
Buch III fehlt, aus Buch V Ubernommen. 



40 



bevor ein neuer Teil beginnt, noch schnell eine bemerkenswerte 

Geschichte vom hi. Paulus erzahlt. 

Darauf folgt die Wtistenreise einiger frommer Leute von 
Jerusalem aus, fur die liber II bei Roswej r d als Quelle gedient 
hat. Franke hat eine handschriftliche Fassung dieses Werkes 
gefunden, welche die Reihenfolge unseres Vaterbuehes aufweist. 
Nur ein Abschnitt dieser Legendenreihe (Nr. 3 — 26) stammt aus 
dem III. Buche des Rosweyd (Nr. 24). Diese Einfugung ist 
jedoch sehr leicht erklarbar, da Buch II und III erstens den- 
selben Verfasser Ruffinus haben und zweitens in der vorher- 
gehenden Legende eine ahnliche Teufelsversuchung behandelt 
wird, sodafs also etwa die Ahnlichkeit des Motivs mafsgebend 
war fur die Ein schal tung. Ein anderer Grund kommt noch hin zu. 
Der lateinische Text der fraglichen Geschichte bietet namlich 

am Schlufs die Bemerkung: nam et nos ipsam arbusculam vidi- 
mus et benediximus Dominum, qui protegit in omnibus in since- 
ritate et veritate sibi servientes. Diese Aufserung aber war am 
besten von jenen Leuten zu verstehen, die jene Lander besucht 
hatten, und darum wird die Legende ein Bestandteil der Pere- 
grinatio. 

Der dritte Teil unseres Werkes, den Haupt passend das 
Buch der Beispiele nennt, ist geschopft aus dem III. V. und VI. 
Buche der Rosweydschen Sammlung, und zwar sind die Er- 
zahlungen nur manchmal in kleine Gruppen mit einunddemselben 
Thema eingeteilt, z. B. unter einem Stichwort wie Demut, Ver- 
suchungen, gute Werke usw. (vgl. etwa das lat. Buch des Pelagius). 
Eine gewisse Ordnungslosigkeit ») ist nicht zu verkennen. Das 
VII. und VIII. Buch des Rosweyd, das Haupt 2 ) noch als Quelle 
des Vaterbuehes anftihrt, ist an keiner Stelle beriicksichtigt 
worden und ebensowenig das X. Buch, das Franke an einigen 
Stellen offensichtlich falsch als Liickenbufser in seiner Zusammen- 
stellung einsetzt, vgl. z. B. seinen Abschnitt 118, der dem V. Buche 



*) Immerhin ist nicht ausgeschlossen, dafs schon die lateinische Vorlage 
so wahUos angeordnet war und auch nur eine Auswahl aus dem Gesamt- 
komplex der Legenden bot. Eine franzflsische Prosabearbeitung der ' Vies des 
peres' zeigt namlich einen ahnlichen Inhalt wie unser Vftterbuch. Benutzt 
werden dort die Bticher I, II, in, IV, V des Rosweyd, und einige grofsere 
Legenden bilden den Abschluls. Vgl. Histoire litteraire de la France 33, 
296 ff. 304ff. 

8 ) a. a. 0. S. 85. 



41 



entnommen ist, oder die Nrn. 155 und 172, von denen an den an- 
gegebenen Orten nichts zu fiiiden ist. Anfserdem behauptet 
Franke, manche Abschnitte konnten nur in bestimmten Teil- 
handschriften der Vitae patrum nachgewiesen werden, nicht aber 
in der herkommlichen Sammlung, wie sie Rosweyd bietet (s. seine 
Nrn. 142. 225 = 145. 230 meiner Tabelle). Diese Zuflucht ist 
jedoch hinfallig; bei einigem sorgfaltigen Suclien kann alles regel- 
recht in seiner Quelle aufgedeekt werden mit Ausnahme der 
Stiicke 158 und 175 meiner Zusammenstellung, die wir als selb- 
standige Dichtungen unseres Autors annehmen mussen und konnen, 
und von Nr. 237, dessen Stoff in den Vitae patrum oder etwa 
der Legenda aurea festzustellen mir allerdings nicht gelungen 
ist. (Vgl. Frankes Bestimmung der Nr. 232 auf S. 10.) 

Am Anfang des dritten Teiles stehen mehrere Legenden (28 
32), die dem Pelagius (lib. V) entnommen sind, doch sogleich folgt 
darauf eine lange Reihe (33—102), der fast ausschliefslich das 
III. Buch des Rosweyd von Ruffinus zugrunde liegt. Einige 
Stlicke sind aus Buch V eingestreut, aber wie aus einer Be- 
merkung bei Rosweyd hervorgeht (bei den Legenden Nr. 55 und 71: 
In editis est hie stilus Pelagii Posui ut in MSS.), wird bis- 
weilen der Text des Pelagius dem Ruffinus zugeschrieben , und 
so dtirfen wir vielleicht sagen, dafs in diesem ganzen Komplex 
Ruffinus allein benutzt wurde. 

Vom Abschnitt 103 an, nachdem die oben schon behandelte 
Arseniuslegende sozusagen einen Schlufs abgegeben hat, sehen 
wir ein bedeutendes Uberwiegen des Pelagius als Quelle; nur 
hie und da ist in kleine Gruppen desselben Themas ein ahnlicher 
Stoff aus dem III. und dem VI. Buche herubergenommen worden. 
Von Stuck 215 an tritt endlich das VI. Buch des Johannes als 
Quelle in den Vordergrund. 

Dabei sind nun aber einige Legenden iibergangen worden, 
die eine eingehendere Betrachtung verdienen. Bei dem Abschnitt 
122 namlich — von einem hi. Bischof oder Miracula St. Andreae 
iiberschrieben — war von Franke die Frage nach der Vorlage 
noch offen gelasseu, sie lafst sich jedoch mit einem Hinweis auf 
die Legenda aurea des Jacobus a Voragine beantworten. Dort 
finden wir Kap. II Nr. 9 genau dieselbe Legende, die merk- 
wiirdigerweise bei Behandlung des hi. Andreas " im] Passional 



(H. 200, 38 ff.) als einzige von den vielen Wundergeschichten, 
welche das Passional der Legenda aurea nacherzahlt, 



42 



ausgefallen ist. Als Grand fur die Hereinziehung dieser Ge- 
schichte ins Vaterbuch erkennt man leicht den gleichen Stoff 
mit den Nummern 119—121; wir haben hier gleichsam den H6he- 
punkt der Versuchungsgeschichten. Ein anderes Stiick, die 
Legende vom hi. Hieronymus mit dem Lowen (238), fufst auf 
derselben Quelle. Haupt (S. 85) und Franke (S. 10 Nr. 233) 
meinten noch, unser Dichter habe aus dem jetzigen X. Buche 
des Rosweyd geschopft, wo Joannes Moschus eine ahnliehe Er- 
zahlung, jedoch vom hi. Gerasimus, uberliefert. Haupt glaubte 
deshalb unserm Autor den Vorwurf machen zu miissen, er ver- 
andere willkiirlich Namen (Gerasimus in Hieronymus), wie er 
manchmal auch tatsaehlich Eigennamen unterdrucke. Der erste 
Vorwurf wird hinfallig, der zweite bleibt bestehen, wenn man 
solche Kleinigkeiten iiberhaupt ubel auslegen will. Wichtiger 
ist der Beweis, dafs unsere Geschichte aus der Legenda aurea 
stammt, und der lalst sich leicht erbringen. Schon die Anfange 
bei Rosweyd und im Vaterbuch sind grand verschieden; man ver- 
gleiche nur: 



Vitae patrum. 

Uno fere milliario distat 
a Jordane monasterium , 
quod Abbatis Gerasimi 

dicitur. In hoc monas- 
terium advenientibus 
nobis narraverunt qui illic 



morabantur senes 



de 



abbate Gerasimo , quod 
die quadam ambulans 
super Jordanis rip am , 
obvium habuit leonem 
valde rugientem, suspenso 
pede, cui infixus erat ex 
calamo aculeus, adeo ut 
ex hoc pes ipse intu- 
muisset, et sanie plenus 
effectus esset. Cumigitur 
vidisset leo senem osten- 
debat illi vulneratum ex 
infixo aculeo pedem, flens 
quodammodo etobsecrans, 
ut iUi curam adhiberet 



Legenda aurea. 

Quadam vero die advespe- 
rante cum Hieronymus 
cum fratribus ad sacram 
lectionem audiendam se- 
deret, subito leo quidam 
claudicans monasterium 

ingressus est. Quo viso 
cum ceteri fratres fuge- 
rent, Hieronymus ei quasi 
hospiti obviavit. Leo igi- 
tur dum pedem sibi lae- 
sum ostenderet, vocatis 
fratribus praecepit oblui 
et diligenter eius plagam 
inquiri 



Vaterbuch. 

man list von sant Jero- 



mmo 



» 



daz sichz zeimalfugtalso, 
do er in seinem chloster 

saz, 
durch got sang und las 
mit prudern, di man bey 



im sach 



eins tags an der spat, 
do sich der convent hat 
gesamt, als in gepoten 

was, 
und man in von got las, 
als ir gewonhait was ge- 

tan, 
do cham zu der tur in gan 
ein grozzer leb und 

hankch. 
auf drein pain was sein 

gankch, 
das vierd pain enpor hing. 
als er zu der tur in ging, 
der pruder floch beseit 

genug, 



43 



wan si ir chranchait ver- 

trug. 
Jeronimus sich nich parg, 
wan er was des hertzen 

starg 

er gie hin gen dem gast, 
do er in di nech im cham 



In der Fortsetzung kommen sich die beiden lateinisehen 
Fassungen naher, jedoch die Erzahlung des deutschen Vater- 
buches und auch der Legenda aurea weicht insofern noch von 
den Vitae patrum ab, als dort der Esel, der von dem Lowen 
zum Dank fiir seine Heilung gehiitet wird, die Aufgabe hat, 
Holz fur den Bedarf des Klosters heranzuholen, wahrend er hier 
Wasser heranschaffen mufs. Wir sehen also, nur die Legenda 
aurea des Jacobus a Voragine kann fiir die Hieronymuslegende 
des Vaterbuches als Quelle in Betracht kommen. 

Es bleiben noch die beiden Abschnitte 158 und 175 1 ) der 
Tabelle einzuordnen. Eine Vorlage dazu findet sich weder in den 
Vitae patrum noch in der Legenda aurea, und deshalb sehe ich, 
zumal den Inhalt dieser Stiicke nur ganz allgemeine Erorterungen 
bilden, keinen Grund, hier nicht selbstandige Einlagen unseres 
Dichters anzunehmen. Freilich lehnt unser Autor an jener oben 
angezogenen S telle (V. 11515 ff.) jede eigene] Dichtung ab, aber 
das will bei dem allmahlich immer steigenden Loslosen von der 
Quelle nichts besagen. An vielen vorhergehenden Stellen sehen 
wir breite selbstandige Ausfiihrungen und Einschiibe, sodafs 
unserer Annahme kaum noch etwas im Wege steht. 2 ) Auf serdem 
vermeidet es der Dichter, nach der Vorrede zum dritten Buche 
jene Abhangigkeit von der Quelle zu betonen, wie er ja auch 
neben den Vitae patrum noch die Legenda aurea zur Bearbeitung 
heranzieht. Die beiden Stiicke, um die es sich hier handelt, 
zeigen dieselbe Technik in der Ausfiihrung und Bearbeitung. 



*) s. Beilage IV und V. 

») Ich verweise nur auf die Nrn. 4. 6. 8. 52. 85. 108. 122. 130. 166 usw. 
Die letzterwahnte Nr. 166 zeichnet sich besonders durch Freiheiten aus; der 
Dichter fiigt hier eine langere Erorterung fiber Maria und Martha (abgedruckt 
tei Haupt a. a. 0. S. 109) ein, in der er die Arbeitsfreudigkeit Marthas der 
tatenlosen Hingabe Marias vorzieht im strikten Gegensatz zu dem bekannten 
Bibelwort. 



1 



44 



Jedesmal ist eine bekannte Bibelstelle, hier das Gleichnis von 
den zehn Jungfrauen, dort die Gesckichte Simsons, als Kern ge- 
nommen, und darum gruppieren sich Ermahnungen allgemeinerer 
Art in recht ansprechender Form; lebendiger als sonst wohl ist 
die Sprache und hfibsche Vergleiche dienen zur Ausschmuckung. 
Der Dichter wollte eben gerade zeigen, was er selber leisten 
konnte. Zu Nr. 158 vgl. bei Rosweyd 611b Nr. 37, die vielleicht 
den Anstols gegeben haben mag. 

Die Ubersetzungstatigkeit unseres Autors gestaltet sich so, 
dafs er sich zumeist eng an den lateinischen Text anschliefst. 
Daneben ist es jedoch sein stetes Bestreben, die Situationen besser 
auszumalen, inneren Zusammenhang in die Erzahlung zu bringen, 
tiberhaupt, wo es nur angeht, zu motivieren. Vgl. Haupts 
Wiirdigung S. 106, die aber manchmal zu iiberschwenglich aus- 
fallt. Wunderbares sucht der Verfasser moglichst glaublich zu 
machen, und dieser Gedanke liegt ihm sogar noch in der Schlufs- 
rede am Herzen, wo es V. 50 if. heifst: 

50 daz mug wir gelauben chum; 
daz machet ot unser chranchait, 

wan wir sein als unberait; 
daz got mit nns nicht wurchen mus 
seiner hoffnung tugent grus, 
55 da sey wir selber schnldig an. 

Ein treffendes Beispiel solcher Ausmalung bietet die Ge- 
schichte vom Altvater Apelles (Nr. 4), wo die Quelle einfach 

erzahlt: Cibum vere numquam swmpserat nisi de Dominica. Pres- 
byter enim tunc veniebat ad eurn, et offerebat pro eo sacrificium , 
idque ei solum Sacr amentum erat et victus. Der deutsche Dichter 
aber fugt dieser Erzahlung eine Erorterung an, wie dies Wunder 
durch die Allmacht der gottliehen Liebe moglich werden kann; 
blindglaubig will eben der Deutsche nicht sein. Die angefiigten 
Verse lauten: 

in dem suzzen gotes namen 

pracht er im Cristo leicbnamen ; 
5065 den enpfieng er von im da. 

nngeessen belaib er ie darna, 

nntz im der gotes lichnam 

zu einer speis aber cbam. 

got, der wunderlich got, 
5070 der durch der mynn gepot 

wunders vil hat gestalt, 

dem was nicht zu vil gezalt, 



45 



ob er durch tugent weis 

chraft und speis 
5075 disem menschen chund geben, 

daz er mocht also geleben. 

sein darf nieman wunder han, 

got hat ez selb an im getan; 

nach menschlicher chranchait 
5080 mocht er wol sein dahin gelait. 

Und noch eine andere deutsche Eigenart, die sich schon in 
den tibersetzungen der guten mhd. Zeit aufsert: das Psycholo- 
gische wird vor allem betont. Die Freude am Geschehen ist 
zwar auch vorhanden, darum iiberhaupt solche Wundergeschichten, 
jedocli die Moral soil die Hanptsache bleiben. Deshalb werden 
erbanliche Partieen meist in die eindrucksvollere direkte Eede 
umgeformt und weiter ausgedehnt, Bibelzitate werden eingefugt 
Um nur ein paar Stellen anszuheben: 

sant Paul, der gotes pot, 
5860 der vil guts lert von got, 

spricht auf gaistlichen chern: 



'als ein stern vor dem andern stern 
an lichtem schein entzwai treit, 
sus ist ez in der ewichait 
5865 an der heiligen chlarheit 

der tochter dort von Sion: 
ie hoher tugent, ie hoher Ion.' (1. Kor. 15, 41 ; vgl. unten 

hie von spricht selber Crist: Beila ^ e VDI V ' 414U ff '> 
'swer an mich gelaubent ist, 
der mich bechennt einen got 
6100 und behelt mein gepot, 



der mag wol di teufl auzjagen, 

als ir mich nu hort sagen.' (vgl. Marc. 16, 16—18.) 

als dort in dem ewangelio stat, 
sus sprichet unser herre Crist: 
'swer gelaubent an mich ist 
und wirt getaufft und lebt, 
9400 daz er nicht in sunden swebt, 

der leg auf siechen sein hant, 
di werden stark sazehant'. (Marc. 16, 18.) 

Ferner wird keine Gelegenheit aufser acht gelassen, fromme 
Betrachtungen anzustellen. Derartige Einschiibe, die der Dichter 
selbstandig vornimmt, kehren iiberall wieder und zwar gegen 
den Schluf s des Werkes hin haufiger. Vgl. den in der Beilage VIII 
mitgeteilten Text, der reich an solchen Ausf uhrungen ist. Nament- 
lich aber auf den geistlichen Stand hat es der Dichter abgeseheu, 



46 



haufig werden kurze Ermahnungen fur Monche eingeflochten. 
Als Beispiel mogen hier die Verse stehen: 

swer sich dureh got hat begeben 
1830 in ein gehorsamez leben 

und doch wil ie die vrunte besehen, 
da mac niht gutes von geschehen, 
sich enwolle ie drunder mengen 
ein vorzcichen und ein lengen 

1835 abe der vollenkumenheit, 

die man von stetem herzen treit. 

Besonders interessant ist in dieser Hinsicht Nr. 8 vom hi. 

Apollonius, verglichen mit der Quelle. 1 ) Dais schliefslich das 
Lob des hochsten Gottes besonders weit ausgesponnen wird, ist 

bei der Tendenz unseres Buches selbstverstandlich. Vgl. Nr. 

108.') 

Soviel iiber die Zutaten unseres Dichters; andrerseits aller- 
dings wird auch oft kurzer Hand etwas ausgelassen oder energisch 
gekiirzt aus dichterisch-technischen Griinden, wenn der Gebete 
doch einmal zuviel werden oder dieselben Anfechtungen des 
Teufels immer wiederkehren. Der moralische Zweck stent dem 
Dichter fortwahrend vor Augen, gleichwohl wird, damit dem 
Werke die Anziehungskraft erhalten bleibt, Langweiligkeit 
moglichst vermieden. Und wir konnen wohl zugestehen, dafs 
manche Legende fur sich gelesen des Eeizes nicht entbehrt, 
wahrend das Vaterbuch als Ganzes uatiirlich leicht den Leser 
ermudet. Als bemerkenswert mag hier noch hervorgehoben sein, 
dafs man deutlich erkennt, wie sich im Verlauf unserer Dichtung 
die Technik allmahlich vervollkommnet, wie der Verfasser bald 
nicht mehr sklavisch seiner Quelle folgt. 3 ) Schon an manchen 
Stellen der ersten drei Biicher tritt die Neigung auf, am Schlufs 
einer Legende noch ein kurzes Gebet oder eine Nutzanwendung 

*) Ich verzichte wegen der Lange des Stiickes auf einen Abdruck, zumal 
da auch ein Hinweis auf Wilhelm, Deutsche Legenden und Legendare geniigt, 
der S. 59 ff. die Thomaslegende des Passionals ihrer Quelle gegenuberstellt und 
dabei treffende Bemerkungen iiber die Arbeitsweise des Passionaldichters macht, 
die samtlich auch hier in Frage kommen. 

a ) s. Beilage n. 

*) Dieselben B eobachtungen iiber die Technik macht Wilhelm a. a. 0. 
iiber den Dichter des Passionals. So spricht er S. 73 von „psychologischer 
Vertiefung", S. 73 vom „Freiwerden von der Quelle" , S. 84 von „betrachtenden 
Zusatzen in dem gewohnlichen Ideenkreis" und 6fter von „Hinzufugungen aus 
Keimbedurfnis" (S. 75 f.), das natiirlich auch im Vaterbuch eine Kolle spielt. 



47 



zu bringen (z. B. Nr. 144. 146), oder der Brauch, eine neue Ge- 
schichte durcli allgemeinere Gedanken einzuleiten (z. B. Nr. 137. 
139). Im vierten Teile unseres Werkes ist dieses Verfahren fast 
standig, ebenso wie im Passional, das ja, wie wir noch erortern 
werden, fur ein spateres Werk des Vaterbuchdichters gehalten 
werden muls. Um einen Einbliek von dem allmahlichen Fort- 
schritt des Verfassers zu erhalten, stelle man nur einmal zwei 
Stucke einander gegeniiber z. B. die Verse 2149 — 2188 und Nr. 135. 
Dort noch sklavische Abhangigkeit von der lateinischen Quelle, 
hier ein freies Schalten mit dem Stoff infolge der fortgesetzten 
tibung. i) 

Damit beschliefsen wir den Exkurs uber die Ubersetzungs- 
weise unseres Verfassers und wenden uns zur Betrachtung des 
vierten Teiles unseres Werkes, auf den schon ofter hingewiesen 
worden ist. Hier erhalt mit einem Male dem Schlusse zu die 
sonst schon benutzte Legenda aurea als Quelle das Ubergewicht 
uber die Vitae patrum. Die Frage nach der Zugehorigkeit dieser 
Legenden zu unserem Vaterbuche kann erst nach der Quell en- 
untersuchung behandelt werden. 

Die Erzahlung von der hi. Euphrosyna (Nr. 239), die in der 
Legenda aurea nicht vorkommt, zeigt genauen Anschlufs an die 
Vitae patrum, freilich mit den unserem Dichter eigentumlichen 
Weiterausfiihrungen in direkten Keden und an erbaulichen Stellen. 



• • 



Ahnlich verh&lt es sich mit der hi. Pelagia (Nr. 240), deren Ge- 
schichte die Legenda aurea in kurzerer abweichender Fassung 
bietet, sowie mit der Legende von Abraham und seines Bruders 
Schwester (Nr. 241), die wiederum in der Legenda aurea nicht 
steht. In diesem letzten Stuck sind dem Dichter die Gebete und 
Reden doch zu lang geworden, und deshalb sehen wir hier eine 
starke Verkiirzung der Fassung der Vitae patrum. Zuletzt folgt 
derselben Quelle noch die Geschichte vom Bischof Zosimas und 
der siindigen Maria Agyptiaca (Nr. 242). Die Behandlung dieser 
Legende, die von Jacobus a Voragine vollig anders wiedergegeben 
wird, zeugt von grolser Selbstandigkeit ; hier bieten die Vitae 
patrum nur den blofsen Stoff, mit dem der Autor frei nach 
Belieben schaltet. Im Anfang weichen beide Fassungen insofern 
von einander ab, als der deutsche Dichter die Erziehung des 
hi. Zosimas mehr seiner eigenen Zeit angenahert schildert. Nur 



J ) s. Beilage III. 



4$ 



das Wort „Erziehung- greift er eben aus den Vitae patram 
heraus, uni sonst frei auszumalen. 

Bei den Schlufslegenden, den Abschnitten 243—247, konnen 
wir uns kurz fassen; sie entstammen samtlich der Sammlung des 
Jacobus a Yoragine, auch die Geschichte der antiochischen Jung- 
frau, als deren Quelle Roth und nach ihm Franke 1 ) noch De 
Wn/iMiM/r A'nbrosii anfiihren. Die Legende entspricht dem 60. 
Kapitel des Jacobus und ist nicht identisch mit der Geschichte 
der hi. Theodora i^Leg. aurea $4}, wie Haupt unser Stuck 244 
bexeiehneu will. Auch hier hat der Dichter wieder stark den 
lateinischen Text sr< kiirzt. Das geht schon daraus hervor, dais 
der Schlufs des Abschnitts in der Legenda aurea, wo die Ge- 
sohiohto von Damon und Sovnthias zur Ausschmuckung der 
eigvntliohen Ltwr.de erzahit winl. im Taterbuch ausfallt. Die 
Le^nde sohliefst hier mit dem gemeinsamen Tode der kenschen 
Jungfrau und ihivs Kilters. Endlich ist noch zu bemerken, dafs 
Nr. 2*;> = Legviu:a aurea 14o. die Legende der hi. Margarita 
da^twn gau'lich von der im Passional stehenden Margaretha 
jTass. K. S2o ff. = l.eger.da anrea 93 j verschieden ist 

leh komme nun inr Iniersucliung des Jungsten Gerichte. 
Hier bedarf es jedivh. um die Quellentrage erfolgreich zu beant- 
worteu. weiteivr Ausho'.uiig. IVrlnhali des sehwungrollen Schluf s- 



stinkes stellt suh schemansch foUenderinalsen dar. 



1. KinVi:r»ng: Knrre Geschichte des alten und neuen 

Bun vi c s. v-* ^ >$£ — * 1 >S^ 
II. Sohi-derung des Weenies und Weltgerichts, (40184 

A. Voneivhen. <401>4 — *«>4>«.V» 

1. Erscheinung des Antichrists und seine Tatigkeit 



v*01<i — iO£?i> 
2. 15 Wundenei:2ien. ^->>S3 — iC4$0.) 



R. Das ;u^rs:e Ger::ht. <4\4-$l — 4l4otfO 



1. Sciei™* der Gxnen und Bc^en dunrh Christ as. 



v 4 . ^> 1 — i >S4 2/t 
2. P.<is Uriel]: Sclksj-rtui^ae' der Frcznoen. Ver- 



l«.C-i 






*- LTrisiir f.ir.v'r.^r^ L;b S£* Ytrfs^hinie 



<4* "'i ^ > n 1 1 r* , 



&. L M V }u 



49 



4. Lob Gottes und der Dreieinigkeit vom Chore der 
Seligen. (41111—41437.) 
III. Schluls: Gebet an Christus um den rechten Glauben. 

(41437—41446.) 



Die Frage nach den letzten Dingen, nach einem Jungsten 
Gericht Gottes hat die Menschheit von jeher stark bewegt. 
Schon die Juden des Alten Testamentes hatten ihre bestimmten 
Anschanungen fiber das Weltende, die sie zum Teil in ihren 
Apokalypsen niedergelegt haben. Ein solches Werk liegt nns 
im herkoinmlichen Kanon der alttestamentlichen Schriften noch 
im Buche Daniel vor. Viel reicher aber mag die apokryphe 
Literatur vertreten gewesen sein, denn viele Aufserungen der 
alttestamentlichen Propheten, vor all em Hesekiels, gehen auf 
eine bestimmte apokalyptische Tradition zuriick. Auf den jiidischen 
Gedanken fufst dann Christus in seinen eschatologischen Reden 
(Math. 24 und 25 und sonst zerstreut), und namentlich beruhen 
darauf Paulus (die wichtigste Stelle ist 2. Thess. 2, 3 ft) und die 
Offenbarung St. Johannis, die den Ideen iiber die letzten Tage 
erst die klassische Form gegeben hat. Trotzdem aber ist bei 
weitem nicht der ganze apokalyptische Stoff, wie er im Juden- 
tum meist durch Geheimtradition verbreitet war, in der Johannei- 
schen Offenbarung verarbeitet, sondern, wie Bousset 1 ) gezeigt hat, 
haben die Kirchenvater und spatere christliche Schriftsteller sehr 
oft eine umfangreichere und genauere Kenntnis von den wunder- 
baren Dingen, die sich am Jungsten Tage zutragen sollen. Durch 
Boussets Arbeit erhalten wir einen klaren Uberblick, wie die 
apokalyptische Tradition und speziell die Vorstellung vom Kommen 
des Antichrists sich im Lauf der Jahrhunderte beharrlich fort- 
gepflanzt und sich, wenigstens in der Ausdeutung der Weis- 
sagungen, auch verandert hat. Keineswegs jedoch hat, wie man 
meinen sollte, die Johanneische Offenbarung einen hervorragenden 
Einflufs auf die spateren Schriftsteller ausgeiibt, vielmehr hat 
diese jiidische Fassung, die im kommenden Antichrist das romische 
Reich sah und so die Weissagung politisch ausdeutete, eine 
Wandlung erfahren in der Zeit, als das romische Reich dem 
Christentum gewonnen wurde. 



) W. Bousset, Der Antichrist in der Uberlieferung des Judentums, des 



neuen Testaments und der alten Kirclie. GSttingen 1895. 



Hermaea Yil. 



4 






50 



Jetzt wurde das romische Imperium zum Vorkampfer des 
Christentums , und der Antichrist wurde nach bestimmten alt- 
testamentlichen Andeutungen aus dem Judentum erwartet. In 
dieser zweiten Fassung bekommt die Apokalyptik geradezu eine 
historische Mission, indem nach dem Untergang des alten romischen 
Reiches das romische Reich deutscher Nation die Rolle eines 
Fuhrers der Christenheit ubernahm. Und hier schlingt sich, wie 
wir noch naher sehen werden, die bekannte deutsche Kaisersage 
vom Kommen eines Friedensherrschers in die Apokalyptik hinein, 
den alten Stoff belebend und aktuell umgestaltend. 

Ohne die Entwicklung und Uberlieferung der apokalyptischen 
Ideen bei den einzelnen Autoren weiter zu verfolgen, geniige 
es hier, wieder auf Bousset hinzuweisen, welcher zeigt, wie der 
Stoff des Jiingsten Gerichts das ganze Mittelalter hindurch 
lebendig geblieben ist, vor allem natiirlich in religios angeregten 
Zeitlauften, in denen das Gewissen des Volkes obendrein durch 
auffallige Wunderzeichen gescharft wurde. Und was sah nicht 
alles die mittelalterliche Welt fur Wunder an ! Solche Erregungen 
fanden natiirlich fast stets ihren Niederschlag in literarischen 
Denkmalern, von denen ReuscheD) eine ganze Reihe zusammen- 
gestellt hat. Noch umfassender, aber mehr von theologischen 
Gesichtspunkten ausgehend, hat Wadstein 2 ) die Vorstellungen 
vom Weltende im Mittelalter verfolgt. 

Die gewohnlichen eschatologischen Anschauungen der Zeit 
liegen uns nun auch in dem Schlufstiicke des Vaterbuches vor, 
freilich in neuem und zum Teil originellem Gewande. Eine ein- 
gehendere Untersuchung des Textes, der als Beilage VIII abgedruckt 
ist, wird deshalb noch manchen interessanten Aufschlufs geben. 

Die Einleitung, die von der Schopfung der Welt an das 
Heilswerk des Sohnes Gottes in einer Art behandelt, die wir 
bei unserm Autor Ofter 3 ) finden, ist selbstandige Dichtung. Bis 



1 ) K. Reuschel, Untersuchungen zu den deutschen Weltgerichtsdichtungen 
des XI.— XV. Jahrhunderts. I. Teil. XI.— XIH. Jahrhundert. Leipziger Diss. 
1895; von demselben Verfasser: Die deutschen Weltgerichtsdichtungen des 
Mittelalters und der Reformationszeit (Teutonia Heft 4). Leipzig 1906. 

2 ) E. Wadstein, Die eschatologische Ideengruppe. Antichrist-Weltsabbat- 
Weltende und Weltgericht in den Hauptmomenten ihrer christlich-mittel- 
alterliehen Gesamtentwicklung. Zs. fur wissenschaftl. Theol. 38, 538 ft 39, 79 ff. 

3 ) Vgl. z. B. die Eustachiuslegende Nr. 245, deren Verse 
(Beilage VII) uns wie ein Auszug aus dem Eingang des Jiingsten Gerichts 

anmuten, oder den Anfang des dritten Passionalbuches. 





51 



zum Kreuzestod Christi werden wir gefiihrt, und von diesem 
welterschreckenden, welterlosenden Ereignis wird dann der Uber- 

gang gefunden zum tag der jamerchait (40184), der durch das 
Auftreten des Antichrists und durch wunderbare Zeichen in der 
Natur angekundigt werden soil. 

Im allgemeinen schliefst sich die folgende Partie vom Anti- 
christ (40184 — 40332) an Adsos Libellus de Antichristo an, den 
dieser auf Wunsch der Konigin Gerberga im Jahre 954 verfafste 

(Migne, Patrologia Latina CI, 1289 ff.). Die ganzen Vorstellungen, 
die das Mittelalter vom Leben und Wirken des Antichrists hatte, 

gehen auf dies en kleinen Traktat in erster Linie zuriick, sodafs 
wir in vielen andern lateinischen wie deutschen Werken dieser 
Zeit die Anschauungen Adsos wiederfinden. Freilich begnugte 
man sich audi oft nicht damit, sondern suchte aus andern Quellen 
das Bild vom Antichrist zu vervollstandigen, aber es blieb nur bei 
geringfugigen Anderungen, wie z. B. das Compendium theolo- 
gicaeveritatis Liber VII deutlich erkennen laf st. ') Bei deutschen 
Dichtungen ist es aber bisweilen schwierig, fur kleinere Zusatze 
die Einzelquelle f estzustellen ; vieles wird auf der allgemein ver- 
breiteten, fest eingewurzelten Tradition beruhen, und war der 
Dichter gebildet, so stand ihm auch die alltagliche theologische 
Literatur zur Verfiigung. Der Arzt Heinrich von Neustadt z. B. 
benutzt in seinem Gedicht „ Von Gottes Zukunft" mehrere Quellen, die 
bemerkenswerterweise auch fiir unsern Dichter in Betracht kommen, 
die Legenda aurea, das oben erwahnte Compendium und Adsos 
Traktat. 2 ) Das Compendium hat einem Heinrich von Neustadt, 
wie bei der Martina des Hugo von Langenstein, 3 ) hauptsachlich 
den Stoff geliefert, aber daneben kommt bei Heinrich auch Adso 
in Betracht. In unserer Dichtung, die iibrigens ziemlich kurz 
und abgerissen die Sage vom Antichrist bringt, ist das Verhaltnis 
umgekehrt; der Autor entlelmt seine Gedanken Adso und erganzt 
sie aus dem Compendium. Die Legenda aurea (De adventu 
Domini S. 3 ff.), kommt hier wie auch fiir die betr. Stelle bei 
Heinrich von Neustadt nicht in Betracht, denn sie enthalt eine 



*) Gedruckt in der Lyoner Ausgabe des Albertus Magnus 13, 134 ff. 
2 ) Heinrich von Neustadt hrsg. von Singer. Vgl. Seemiiller, Deutsche 
Poesie vom Ende des XIII. bis in den Beginn des XVI. Jahrhunderts. Wien 



1903. S. 15 ff. 



») Hrsg. von A. v. Keller, Stuttgart 1856. 



4* 



52 



andere Anordnung der Ereignisse, indem sie die 15 Wunder- 
zeichen vor die Geschichte des Antichrists stellt. Die Martina 
des Hugo von Langenstein hingegen folgt der Legenda aurea und 
berichtet infolgedessen von einem dritten Vorzeichen des Gerichts, 
grofsen Weltreinigungsfeuern, die auch das Compendium erwahnt. 
In unserer Dichtung, der man ein gewisses Streben nach Ein- 
heitliclikeit und Konsequenz im Gang der Erzahlung anmerkt, 
fehlt dieses Moment, weil hier in der abweichenden Anordnung 
das 14. Wunderzeichen , das ein ahnliches Feuer sehildert, kurz 
vor dem Beginn des Gerichts steht. 

Fur den Antichrist unserer Dichtung sind also Adsos Ge- 
danken benutzt, ob jedoch Adsos Traktat selbst, ist unwahr- 
scheinlich, denn manche wichtige Einzelheit des Schriftchens 
wurde sich der Bearbeiter kaum haben entgehen lassen. Der 
Autor fiihrt uns, ohne Aufklarung uber Abstammung und Jugend 
des Antichrists zu geben, gleich mit kiihnem Sprung mitten in 
die verderbliche Tatigkeit des Antichrists hinein. Der Bose ist 
gesandt, urn die Menschen von Gott abzuziehen, damit erkannt 
werde, wer in Zeiten der Triibsal zu Gott stehe bis in den Tod. 

Dazu muls der Antichrist aufsergewohnliche Macht besitzen, die 

sein Beschiitzer, der Teufel, ihm verleiht. Mit dessen Hilfe wird 
er seinen schlimmen Betrug ins Werk setzen, er wird sich sogar 
vor den Menschen als Gott hinstellen, wie es bei Adso heifst: 
omnipotentem deum se nominabit. Um seine gottliche Herkunft 
glaubwurdig zu machen, wird er Wunder tun, und zwar wird er 
wie bei Adso auf dreierlei Weise, durch gewalt, gut und wunder 
die Menschen zu gewinnen suchen. Das Compendium und die 
Legenda aurea iiberliefern vier Arten von Wundern (quattuor 
modts), kommen also an dieser Stelle nicht als Quelle in Betracht. 
Eins der Wunder wird als besonders beweiskraf tig hervorgehoben, 
Leute geistlichen Standes sollen dadurch von der G5ttlichkeit 

des Antichrists iiberzeugt werden. Adso erzahlt nur: faciet quoque 
signa multa et miracula magna et inaudita. Faciet ignem de 
coelo terribiliter descendere. (Ahnlich sind die Stellen im Com- 
pendium und der Legenda aurea.) Es handelt sich hier um das 
Pfingstwunder, und bemerkenswerterweise wird auch bei Heinrich 
von Neustadt „Von Gottes Zukunft" 5257 dieses Zeichen vor allem 
fur die Geistlichkeit berechnet dargestellt. Dafs der Antichrist 
es besonders auf Kleriker abgesehen hat, zeigt ebenfalls die 
Martina 195, 70. 



53 



Doch damit noch niclit genug der Wunder. Der Antichrist 

wird sogar seinen Wohnsitz an gotes stat im Tempel nehmen 
(Adso: suam sedem in templo sancto parabif), und hier wird er 
leblosen Gotzenbildern Sprache verleihen. Dieser Zug findet sich 
nicht bei Adso, wohl aber im Compendium, wo es heifst: Magica 
arte stahiam faciet loqui. Mit alledem wird, wie schon betont, 
bezweckt, die Menschen zu prufen. Vgl. 40246 — 40258 und Adso. 

Darauf folgt die Weissagung des Methodius vom Kommen 
der Volker Gog und Magog. Adso und das Compendium fiihren 
Methodius nicht als ihren Gewahrsmann an, folgen ihm auch 
nicht in der Fassung der Ereignisse (vgl. Bousset S. 33). Wir miissen 
annehmen, dafs unser theologisch gebildeter Dichter die Reve- 
lationesMethodii gekannt hat, die im mittelalterlichen Abend- 
lande namentlich in der Weissagung vom kunftigen Friedens- 
kaiser weit verbreitet waren (vgl. Zs. fur wissenschaftl. Theol. 
39, 260 und Hist. Jahrb. 20, 421), und dais er demgemafs den Namen 
des Methodius erganzt hat, obwohl er im grofsen und ganzen 
Adso folgt. Wir haben es hier mit einer Yerschlingung der 
Antichrist- und Alexandersage zu tun, die, wie Bousset a. a. 0. 
S. 34 nachweist, schon sehr friih eingetreten ist, z. B. findet sie 
sich in der Ps. Ephraem-Apokalypse, die ca. 373 zur Zeit der 
Hunneneinf alle verf af st ist. Zacher im Pseudocallisthenes S. 165 f . 
berichtet iiber die alte Sage, dais Alexander der Grofse auf 
seinem Riickzuge von Indien durch Asien Gott gebeten habe, 
die Reste einiger von ihm besiegter Volker unter Bergen einzu- 

schliefsen. Darunter werden auch die Volker Gog und Magog 
genannt. Das Ereignis geht auf judische Sage zurlick. Die 
Unreinheit der Volker wird stets besonders betont, daher ihre Be- 
strafung ahnlich der Alexandersage im Alten Testament (Hesekiel 
Kap. 38 und 39). Die Erwahnung dieser Volker in der Bibel, 
besonders Offenbarung 20, 8 hat denn auch Anlafs gegeben, 
sie zu Helfershelfern des Antichrists zu machen. Und so als 
grausame Feinde der Christenheit und rohe Tempelschander 
erscheinen sie in unserer Dichtung wie in manchem andern 
literarischen Denkmal der Zeit, vgl. Gereke, Beitrage 23, 428 f. 
Zugleich zeigt unser Dicher, und nicht nur er allein, wie Helm, 
Beitrage 24, 143 f. ausfuhrt, eine eigenartige Auffassung, indem 
er namlich V. 40277 die Volker Gog und Magog mit den soge- 
nannten „roten Juden" identifiziert (di roten juden haist man sie). 
Mit diesen roten Juden hat es eine eigene Bewandtnis. In andern 



54 



deutschen Dichtungen (vgl. Gereke a. a. 0.) werden sie dfter er- 
wahnt, am friihsten im Jiingeren Titurel 6057 f. Bald darauf 
erscheinen sie im Eeinfrid von Braunschweig 19547 ff., in „Von 
Gottes Zukunft" 5550 und im Maccabaerbuch 789 ff., aber meist 
werden sie neben Gog und Magog aufgefiihrt, die doch Heiden 
sind. Es handelt sich bei der Auffassung unserer Dichtung 
wiederum urn eine Verschmelzung zweier verschiedener Traditionen, 
auf die schon Helm a. a. 0. hingewiesen hat. Seine Ausfiihrungen 
konnen aber durch Boussets Studien S. 64 noch erganzt werden. 
In der judischen Apokalyptik wird die Riickkehr der zehn 
Stamme Israels erwartet, die vor der Zerstdrung ihres Reiches 
von Gott wunderbar iiber den Euphrat gefilhrt waren. Bei 
Commodian (Carmen apologeticum 942) bilden diese Stamme ein 
Heer gegen den Antichrist: sunt autem Judaei trans Persida 
flumine clausi quos usque in finem voluit Deus ibi morari. Bei 

der Anderung der Ausdeutung der apokalyptischen Weissagungen, 
die wir oben S. 49 f. erwahnten, wurden auch diese Juden zu 
Feinden der Christenheit und schlielslich mit Gog und Magog 
gleichbedeutend. Diese Verschmelzung konnte sich um so leichter 
vollziehen, als, wie Helm bemerkt, in einer bestimmten Fassung 
der Sage die in der Gefangenschaft befindlichen zehn Stamme 
der Juden von Alexander vergeblich ihre Freiheit erwarten, viel- 
mehr wegen ihrer Frevel unter Bergen eingeschlossen werden. 
Die Identifizierung der roten Juden mit Gog und Magog nun, 
die schon sehr friih eingetreten sein mag, findet sich im Com- 
pendium Liber VII Cap. 11 vor, wo es heilst: Be Gog et Magog 

dicunt quidam, quod sint decern tribus intra monies Caspios clausae, 

und vielleicht hat unser Dichter von hier seine Weisheit geholt. 
Dies wird um so wahrscheinlicher, wenn wir bald danach im 
Compendium lesen: has (sc. gentes) } dicunt Judaei, in fine exituras 
et venturas in Jerusalem et cum suo messia ecclesias destructuras ; 

dem sich die Verse 40274 f. unserer Dichtung vergleichen. 

Woher stammt nun die Bezeichnung der „roten u Juden, wie 
wir sie in der deutschen Literatur zuerst im Jiingeren Titurel 
lesen? Helm handelt dariiber in seiner Ausgabe des Maccabaer- 
buches S. LVH Anm. und nimmt den Ausdruck „rot" allgemein 
als schimpfliches Epithet on fur das sonst gebrauchliche unge- 
triuwe\ vgl. auch seine Ausgabe des Evangelium Nicodemi von 
Heinr. v. Hesler Anm. zu V. 3131. Doch scheint mir dies keine ge- 
niigende Begrtindung zu sein, zumal die apokalyptische Literatur 



55 



einen andern Zusammenhang vermuten lftfst. Juden als Diener 

des Antichrists, der ja der Pseudomessias der Juden ist, sind ganz 
bekannt, darum heilst es bei Adso: Tunc ad eum concurrent omnes 
Judaei Interessant ist eine Stelle bei Bousset S. 109, wo aus 
der Ps. Johanneischen Apokalypse cod. E. cap. 6 zitiert wird: 

xal (fvvax&rj Oovrat ayvooOroi xal dyQafdjidviOroi Xiyovreq jiqos 
dXZijlovg' fir} aQ<x evQloxofiev avrbv dlxaiov; eCtiv luti6xr\Qi^G)v 

6 dfjfiog rc5v tpovBvrcov 'lovdaiwv. Der Bezeichnung <povsvtal 

'Iovdaloi liegt der Ausdruck „rote Juden" nicht so gar fern. 
Und noch ein anderes Moment, das vielleicht Beachtung verdient, 
moge erwahnt sein. In einer judischen Apokalypse, in persischer 
Sprache abgefafst, wird berichtet, wie der Kimig von Rom, der 
ja in der jtidischen Tradition Anhanger des Antichrists oder der 
Antichrist selbst ist, in rotem Gewande die Herrschaft der Araber 
niederwerfen wird, und ahnlich ist die Uberlieferung der sog. 
Bahman Yast, in der „rote R5mer u erscheinen. Vgl. Bousset, Zeit- 
schrift fiir Kirchengeschichte 20, 124 ff. So mSchte es nicht ganz 
ausgeschlossen sein, dais in den „roten Juden" ein Stuck alter 
Tradition erhalten ist. Die Entscheidung fiber diese Frage liegt 
bei den Historikern, hier sollten nur gewisse Parallelen ange- 

deutet werden. 

In ganz anderer Richtung liegen einige weitere Erwagungen. 
Wie ist es zu erklaren, mochte man fragen, dais gerade um die 
Wende des 13. und 14. Jahrhunderts die Bezeichnung „rote Juden" 
in der deutschen Dichtung auftaucht? Man ist leicht geneigt, 
in diesem Ausdruck Einflusse der Zeitgeschichte zu sehen. Gerade 
um das Jahr 1300 wurden die Judenverfolgungen wieder heftiger, 
nachdem lange Zeit hindurch die Kaiser und sonstigen Grolsen 
des Reiches die wohlhabenden Juden beschiitzt und ihren Zwecken 
dienstbar gemacht hatten. Jetzt beschuldigte man die Juden 
wieder, dafs sie Kinder mordeten, um mit dem Blute der Ge- 
schlachteten am Passahfeste die Tiirpfosten zu bestreichen. Solche 
rituellen Blutsgebrauche konnten leicht den Schimpfnamen „rote" 
d. h. blutige Juden veranlassen. Von der Erregung des Volkes 
in damaliger Zeit zeugt besonders eine heftige Judenverfolgung 
im Jahre 1298 unter dem frankischen Edelmann Rindfleisch, die 
zu einer gewaltigen Volkserhebung ausartete, weil angeblich 
Juden die Hostie geschandet hatten (vgl. dazu die Tempel- 
schandung in unserer Dichtung V. 40274 ff.). S. auch Helm, Bei- 
trage 24, 138 ff. 



56 



Wir kehren nun zu unserer Dichtung zuruck, die im 
folgenden vom Kriegszug des romischen Kaisers gegen die Feinde 
der Christenheit und seinem Kreuzzug nach Jerusalem berichtet, 
wo der Kaiser die Herrschaft des Reiches in*Christi Hande gibt. 
Hier ist Adso genaue und einzige Quelle, der ahnlich den Weis- 
sagungen des Methodius, die aber nicht seine Vorlage gewesen 
sind (vgl. Bousset S. 33 gegen Hist. Jahrb. 20, 421), und ab- 
weichend vom Compendium erz&hlt. Dais darauf aber der Anti- 
christ auftritt und frevelntlich sich die Krone aufsetzt, iiber- 
liefert Adso nicht, jedoch man liest es zwischen den Zeilen: 

Itaque se extollet, ut in templo Dei sedeat, ostendens se tamqaam 

sit Deus . . . dicens: ego sum Chris tus (an anderer Stelle: et 

Filhim Dei omnipotentis se esse mentietur) vobis repromissus, qui 
ad salutem vestram veni, ut vos, qui dispersi estis, congregem et 

defendant. Die Teufel helfen ihm stets, quia plenitudo diabolicae 

potestatis et totius malitiosi ingenii in eo habitabit. 

Hier schiebt sich, wiederum von Adso angeregt, ganz kurz 
die Episode vom Kampfe des Antichrists mit Elias und Enoch 
ein, die Gott als Vork&mpfer der Christenheit bis zum Weltende 
aufgespart hat. Aber auch sie konnen nichts ausrichten, der 
Antichrist besiegt sie. Danach dauert seine Schreckensherrschaft 
noch 3 ' 1 2 Jahr, ehe sein Sturz eintritt. Urn sich als Messias zu 
erweiseu, wird er in dieser Zeit das A uf ers t ehungs wunder nach- 
ahmen, wie unser Dichter — wahrscheinlich nach dem Compendium, 
Adso weifs davon nichts — erzahlt: Item per artem magicam 

simulabit se mortuum . . . et sic putabitur ab hominibus resurrexisse, 

quiprius mortuus putabatur. Damit aber noch nicht genug, sogar die 
Himmelfahrt Christi vermifst sich der Antichrist zu unternehmen, 
wie im Compendium steht: sicut enim finget se a mortuis resurgere, 
ita etiam finget se ad coelum ascendere. Jedoch bei diesem frevel- 
haften Beginnen ereilt ihn der Tod. Unser Dichter schliefst sich 

Adso an: Quern (se. Antichristum) Dominus inter fieiet spiritu 
suo ... in monte Oliveti (vgl. 2. Thess. 2, 8). Die Version, nach 
welcher der Erzengel Michael den Antichrist erschlagt, hielt 
unser Autor sicher fur iiberfliissig, ihm geniigte die Wucht des 
gottlichen Donnerwortes, den Feind der Christenheit in den Ab- 
grund zu schleudern. 

Vor dem Beginn des Weltgerichts entsteht nunmehr ein 
gewaltiger Aufruhr in der ganzen Natur. Schreckliche Zeichen 
15 an der Zahl — , von denen der hi. Hieronymus (V. 40333) 



57 



berichtet hat, werden geschehen, und dann wird der Engel des 
Herrn die Posaune des Gerichts blasen. Auch diese Zeichen 
sind feststehend in der Tradition des Jiingsten Tages, ihr Ursprung 
ist alt, wie die Notiz vom hi. Hieronymus dartut. Die Ent- 
wicklungsgeschichte der Legende ist ofter Gegenstand der Unter- 
suchung gewesen ; so haben N5lle (Beitrage 6, 4 13 ff.) und Reuschel 
im Anhang seiner erwahnten Dissertation daruber gehandelt. 
Erst neuerdings aber ist von Grau l ) der Entwicklungsgang klar- 
gestellt worden. Nach ihm wird die Legende falschlich dem 
Hieronymus zugeschrieben , vielmehr geht sie im letzten Grunde 
auf das lateinische Ps. Esra-Buch IV zuriick. Durch Vermittlung 
der sogenannten Ps. Beda-Fassung haben Petrus Comestor und 
Petrus Damiani den Stoff uberkommen und bearbeitet, und zwar 
hat der letztere freier mit der Tradition geschaltet. Schliefslich 
liegt noch die Fassung des Thomas von Aquino vor, der sich an 
Petrus Damiani anschlielst, und die der Legenda aurea, die sich 
als eine Kompilation Comestors und Damianis herausstellt. Auf 
diese letzte Bearbeitung nun geht der Abschnitt unseres deutschen 
Gedichts (40333—40480) unzweifelhaft zuriick. Zwar zeigt der 
deutsche Text einige Auslassungen gegentiber dem der Legenda 
aurea 2 ) beim dritten, sechsten, siebenten und zwolften Zeichen, 
jedoch diese Abweichung ist unbedeutend. Viel wichtiger ist, 
dafs das funfte und zwSlfte Zeichen die charakteristischen Zusatze 
bieten, die nur die Legenda aurea, und nicht Petrus Comestor 
iiberliefert. Eine Betrachtung dieser beiden Abschnitte ermoglicht 
uberhaupt sofort eine Einordnung der deutschen Bearbeitungen 
dieses Stoff es; wir sehen daran sogleich, dais der betr. Teil der 
Martina entgegen Kohlers Annahme Germania 8,23 und „ Von Gottes 
Zukunft" 6010 ff. auf die Legenda aurea zuriickgehen, und zwar 
schliefst sich der Text der Martina ganz eng an die lateinische 
Vorlage an, wahrend Heinrich von Neustadt beim 12. Zeichen 
ein Stuck auslafst. 

Mit dem Abschlufs des letzten Zeichens setzt das End- 
gericht ein. Nach alter, schon biblischer Uberlieferung wird es 
durch Posaunenschall, der alle Toten erweckt, eingeleitet. Vgl. das 



J ) Grau, Quellen und Verwandtschaften der alteren germanischen Dar- 
stellungen des Jiingsten Gerichts. Halle 1908. S. 261 ff. 

*) Der Text der Legenda aurea ist in der Grasseschen Ausgabe oft 
mangelhaft wiedergegeben, z. B. lafst sie an unserer Stelle das 9. Vorzeichen 
ganz aus, 



58 



Compendium Cap. 16. Die folgenden Partieen sind zum Teil w8rt- 
liche Ubersetzungen bunt zusammengelesener Stellen aus dem 
Kapitel JDe adventu Domini des Jacobus a Voragine (Legenda 
aurea S. 3 ff.). Der Dichter erzahlt V. 40464 ft: Wenn nach 
Daniels Weissagung (Dan. 7, 9) der Thron errichtet ist, kommt 
Christus als Richter mit seinen Heiligen und trennt die harrenden 
Menschen in zwei Scharen, die Erlosten und die Verlorenen, die 
sich jede wieder in zwei Rotten teilen. Eine Begrundung der 
Scheidung wird in ausfiihrlichen Worten gegeben (V. 40509 ft.). 
Die verschiedensten Stellen der Legenda aurea klingen hier an, 
und audi in den Yersen 40541 ff., die Wehklagen iiber die 
Scharen zur linken Hand en thai ten, erkennen wir die Legenda 



aurea S. 9, 11 — 14. Damit ist der Satz S. 10, 19 zusammen- 



zustellen: Unde etiam fratres suos, id est falsos Christianos (vgl. 
V. 40561 und Martina 207, 93 f.) non liberavit. Einflufs des Com- 
pendiums VII, 19 verraten nur V. 40526 ff. 

Nachdem der Dichter in einigen Versen (40567 ff.) iiber die 
ungerechten weltlichen Richter hergezogen ist — eine beliebte 
Einfugung in der Gruppe der Weltgerichtsdichtungen, die schon 

im Muspilli V. QQ ff. erscheint — , beginnt der eigentliche Gerichts- 

akt. Ein gerechtes Urteil wird nach genauem Gerichtsverfahren, 
in dem die Werke des Menschen, der Teufel, der Schutzengel 
und das Gewissen als Zeugen auftreten, iiber den Einzelnen ge- 
sprochen. Auch dieser Teil findet in alien Punkten Analogieen 
in der Legenda aurea. Vgl. V. 40575 — 40597 mit Legenda aurea 
11, 8—14; V. 40598—40628 mit Legenda aurea 10, 32—11, 8; 
V. 40629—40638 mit Legenda aurea 11, 28—34; V. 40639—40658 

mit Legenda aurea 11, 34—36. 

In der sich anschliefsenden Partie wird der Dichter selb- 
standig. Er wendet sich zu den Bosen und gibt ein Bild, wie 
sie sich den Guten gegenuber verhalten werden. Jetzt, wo sie 
verurteilt sind, werden sie ihr irdisches Tun und Handeln beklagen 
und sich wundern, dais die auf Erden Verachteten besonders 
erhoht werden. Der Dichter schlielst sich dabei an die zahl- 
reichen ahnlichen Worte Christi an; die ganze Situation entspricht 
der bekannten Geschichte vom reichen Mann und dem armen 
Lazarus. Mit einer Verfluchung ihrer Geburt — vgl. Hiob 3, 3 ff . 
schliefsen die Klagen der Verdammten. Entsprechend folgt dann 
40709 ff. eine Betrachtung liber die Schar der Guten; ihr Gliick 
wird in den hochsten Tonen gepriesen, Alle, die der Seligkeit 



59 



mit den Engeln teilhaftig sein sollen, werden uns aufgefiihrt. 
Unter anderen erscheint da der hi. Franziskus an der Spitze 
der Barfiifser, der hi. Dominions und seine Prediger. Diese will 

Gott besonders ehren, sowie die Einsiedler, den hi. Antonius, 
Johannes und Bernhard. Auch den hi. Augustin und andere 
Kirch engrof sen kann man mit ihren Getreuen dort zur Rechten 
Gottes sehen. Eine herrliche Schar ist vor allem hervorzuheben, 
die Juugfrau Maria mit ihren Marienritter n , die Jesus rachten 
und manchen Speer fur ihn brachen; viele von ihnen haben 
dabei den blutigen Tod gefunden. Diesem grofsen Heer der Er- 
wahlten gegeniiber kann man aber auch solche finden, die als 
Monche ein unfrommes, ungeistliches Leben fiihrten und darum 
jetzt verworfen sind. Und wie die Gottlosen in Erkenntnis ihrer 
Siinde ihre Geburtsstunde verflucht haben, so werden die Seligen 
den Tag ihrer Geburt loben und sich gliicklich preisen. 

Wie eben erwahnt wurde, treten die frommen Scharen mit 
ihren bestimmten Fuhrern — hauptlaut nennt sie unsere Dich- 
tung — vor Gottes Thron. Dieser Zug scheint in der damaligen 
Literatur beliebt zu sein, denn in Hugo von Trimbergs „Renner", 

der am Schlufs (V. 24352 ff.) ein mere von dem jungsten tage 
enthalt, erscheinen umgekehrt Gruppen der Sunder mit irgend 

einer typisch reprasentierenden Personlichkeit an der Spitze, urn 

ihr Urteil von Gott entgegenzunehmen. 

Mit Vers 40842 schliefst der selbstandige Einschub des 
Dichters ab. Im folgenden horen wir, wie es den Menschen am 
jungsten Tage weiter ergehen wird; wieder schliefst sich die 
Dichtung an Jacobus a Voragine an. Vgl. V. 40848 ff. mit Legenda 
aurea 11, 36 — 39. Ein Zitat Jes. 11, 6, wonach alle Menschen vor 
Gott gleich sein werden, beschliefst den Abschnitt (V. 40859 ff.). 

Es folgt nach Legenda aurea S. 9, 23 ff. die Vorzeigung der 
Wunden Christi und der Marterinstrumente — auch ein standiger 
Zug in den Bearbeitungen des Jungsten Gerichts — ; grofser 
Schrecken entsteht darob besonders unter den Verdammten , die 
zittern und beben und sich unter Bergen oder in der Holle ver- 
stecken mochten. Das Bibelwort „Berge fallet uber uns" (vgl. 
„Von Gottes Zukunft" 6322) schwebt dem Dichter hier vor, ferner 
hat er das Compendium eingesehen, das lib. VII Cap. 1 7 die Stelle 
Hiob 14, 13 zitiert (V. 40895 ff.). 

Der nachste Abschnitt V. 40907—41014 ist eine beinahe 
wortliche Bearbeitung von Math. 25, 34 ff., wo Christus den Seligen 





60 



unci den Verdammten ihren Lohn gibt und sein Urteil mit dem 
bekannten Ausspruch begriindet: „Denn ich bin hungrig gewesen, 
und ihr habt mich gespeiset usw." Der Vollzug des Urteils wird 
sofort geschehen, und das gibt unserm Dichter Anlafs zn einer 
selbstandigen Einschaltung , die eine Lobpreisung der Seligen, 
eine Verdammung der Bosen in gehobenen lyrischen Strophen, 
die einander stets parallel gehen, enthalt (V. 41015—41110). Fur 
die Gesinnung und Denkart des Dichters sind diese Strophen 
hochst charakteristisch. 

Hierauf folgt in eindringlichen Versen (41111—41254) eine 
Schilderung der Hollenqualen. Die einzelnen Strafen werden 
aufgef uhrt mit der bekannten Lebendigkeit und Anschaulichkeit, 
die das Mittelalter im Ausmalen des Grausigen und Phantastischen 
auszeichnete. Im Iibrigen handelt es sich um die typischen Ge- 
stagen, mit denen jene Zeit die HSlle bevdlkerte, darum braucht 
man kaum das Compendium Cap. 21 und 22 als Quelle anzunehmen, 
obwohl es manche Anklange an unsere Dichtung zeigt. Eine 
auffallige Ahnlichkeit besteht auch zwischen V. 41252 ff. und „Von 
Gottes Zukunft" 6361 ff. 

Parallel zu der eben besprochenen Partie fiihrt der Dichter 
dann 41255 ff. die Freuden des Himmels naher aus. Eine ein- 
heitliche Quelle ist auch hier wieder nicht festzustellen, immer- 
hin erkennt man an vielen Stellen den Einfluls des Compendiums. 
Es wird uns geschildert , wie die Seligen in gliicklichem Leben 
mit den Engelchoren zusammenweilen. Die betr. Verse 412951!. 
zeigen eine iiberraschende Ubereinstimmung mit Pass. H. 149, 74 ff., 
wo die Himmelswanderung der Jungfrau Maria zu den einzelnen 
Gruppen der Seligen und den Engelchoren — die letzteren sind 
nur in umgekehrter Reihenfolge angefiihrt — geschildert wird. 
Der Teil 41307 ff. schliefst sich aufserdem wortlich an das Com- 
pendium II Cap. 12 an, wo eine Einteilung der Engelchore 
gegeben wird. Die weiteren Gruppen, die Anteil an den Himmels- 
freuden haben sollen, sind dieselben wie Pass. H. 149 f. An Einzel- 
iibereinstimmuDgen zwischen Vaterbuch und Passional mogen 
kurz noch erwahnt sein: V. 41334 ff. stimmt zu Pass. H. 146, 28 ff., 
V. 41337 f. zu Pass. H. 150, 53 f. 

Die hochsten Herrlichkeiten des Himmels werden bis zum 
Schlufs aufgespart. So wird die hi. Dreieinigkeit den Himm- 
lischen glanzvoll offenbart, wie im Compendium VII Cap. 26 an- 

gedeutet ist (vgl. dazu auch 1, 10), und die Konigin Maria wird 



61 



vor alien geehrt werden. Was kein Auge je gesehen hat, kein 
Ohr je gehort — s. dieses Zitat auch im Compendium VII, 31, 
in „Von Gottes Zukunft" 7813 ff., in der Martina 209, 11 if., ubrigens 
auch im Passional, Nachrede (gedruckt bei Latzke S. 32 ft) — , 
wird hier geschehen. Die Aufforderung ergeht an die Seligen, 
den verborgenen Freudenwein, den die Minne, d. i. der hi. Geist, 
eingeschenkt hat, zu trinken; des Himmels trisor ist aufgeschlossen. 
Vgl. V. 41389 f. mit Pass. H. 150, 43 f. Das Lebensbuch wird auch 
aufgetan, vgl. in der Legenda aurea S. 12, 15: Facta nostra in 
quadam tabula picta; darin ist der Lohn eines Jeden auf- 
gezeichnet. Das Wort des Paulus 1. Kor. 15, 41, das bei dieser 
Gelegenheit herangezogen wird, stammt aus dem Compendium 
VII, 28. Vgl. dasselbe Zitat im Vaterbuch 5859 ff. 

Ein Lobgesang der himmlischen Heerscharen auf Gott und 
ein Gebet an Christus beschlielsen unsere Dichtung vom Jungsten 
Gericht. Auch hier liegt vielleicht eine Ausfiihrung des Com- 
pendiums vor, das Cap. 31 berichtet: Bens sine fatigatione laudabitur 
und carmina non desunt; der Text des Lobgesanges jedoch 
Sanctus Deus Sabaoth, den auch „Von Gottes Zukunft" 74921 
bietet, f ehlt dem Compendium. Der Epilog, den unser Dichter seinem 
Werke noch mitgibt, sind eigene zusammenfassende Erorterungen, 
wie er sie auch sonst iiber Zweck und Anlage des V&terbuehes 
ausgesprochen hat. 



Viertes Kapitel. 

Die Zugehorigkeit der aus der 
Legenda aurea entnommenen Abschnitte und des 

Jungsten Gerichts zum Vaterbuch. 



Nachdem wir uns den Inhalt des V&terbuches vergegen- 
wartigt und durch die Quellenuntersuchung einen geniigenden 
Einblick in das Werk erhalten haben, konnen wir uns der 
Frage zuwenden, wie es kommt, dafs der Dichter trotz seiner 
gegenteiligen Versicherung, nur aus den Vitae patrum schOpfen 
zu wollen, doch die Legenda aurea und anderes bei seiner Be- 




62 



arbeitung heranzieht. Hauptsachlich handelt es sich dabei um 
die grofseren Scliluf slegenden , die Franke und teilweise auch 
Haupt eben wegen jener Versicherung des Dichters glaubten 
aus dem Vaterbuche ausscheiden zu mussen; allerdings kannten 
beide zu ihrer Zeit nur Bruchstiicke dieser Legenden, weil auf 
die Strafsburger und Hildesbeimer Handschrift noch nicht auf- 
merksam gemacht worden war. Immerhin schrieben auch sie 
die fraglichen Sttieke wegen der vollig gleichen Spracbe und 
Technik dem Dichter des Vaterbuches zu und meinten, dafs die 
gleicbe Yerfasserschaft der Grund gewesen sei fur die Anfiigung 
in den Handscbriften des Vaterbuches. Durch die gliickliche 
Vermehrung unseres Handschriftenmaterials konnen wir die Frage 
jetzt richtiger beantworten. Durch die Vorrede und die schon 
ofter erwahnte Nachrede, die S und K erhalten haben, gibt sich 
der Inhalt beider Kodizes als ein zusammenhangendes Werk zu 
erkennen, d. h. auch die grofseren Legenden aus dem Sammelwerk 
des Jacobus a Voragine sind Bestandteile des Vaterbuches. Und 
wenn die gemeinsame Uberlieferung noch nicht geniigend iiber- 
zeugt, so braucht man sich nur einmal kurz den literarischen 
Plan und die Entstehung unserer Dichtung klar zu machen, um 
die obige Behauptung als bewiesen anzuerkennen. 

Um die siindige Menschheit zu bessern, um ihr zu zeigen, 
wie das Himmelreich erstritten werden kann, unternimmt der 
Dichter sein Werk. Er glaubt das am besten darzulegen, indem 

er seinen Lesern das fromme Leben der heiligen Altvater gleich- 
sam wie einen Spiegel vorhalt. Sie begaben sich mit ihrem 
weltabgewandten Sinn in die Wtiste, „monchten" sich und ubeten 

daz gotes ampt mit grozzem armute (193). Mangel an Kleidung 

und Nahrung duldeten sie in Hinsicht auf den guten Zweck 
gem. Durch got uf guten sin (235) will also der Verfasser 

seinem Publikum passende Legenden aus den Vitae patrum 

verdeutschen , damit man sich daraus zu Nutz und Frommen in 
alien Lagen des Lebens Muster wahlen konne. Zweimal betont 
der Dichter, dais er nur die Vitae patrum benutzen wolle, und 
bis zum 121. Stuck fuhrt er diese Absicht tatsachlich durch, da 
plotzlich springt die Bearbeitung der Miracula St. Andreae aus 
der Legenda aurea in unsere Sammlung ein (Nr. 122). Wie 
ist das zu erklaren? Dem Zusammenhang nach pafst die 
Legende, wie wir bei der Quellenuntersuchung sahen, wohl in 
unser Werk, und auch sonst liegt ein Grund, den betr. Abschnitt 



63 



auszuscheiden , absolut nicht vor, ist er doch in alien voll- 
standigeren Handschriften an derselben Stelle tiberliefert. Mir 
scheint sich die Einfugung folgendermafsen vollzogen zu haben. 
Urspriinglich hatte sicherlich der Dichter die Absicht, nur das 

ihm so bequem in den Vitae patrnm gebotene Material zu ver- 
arbeiten, im Verlauf der umfangreichen Komposition aber steckte 
er seinen dichterischen Plan weiter, weil ihm gerade erst bei 
seiner Ubertragung des Vaterbuches die Legenda aurea des 
Jacobus a Voragine in die Hand kam. Jedenfalls fand er einige 
ihrer Legenden fiir sehr geeignet in das entstehende Vaterbuch 
aufgenommen zu werden, und er hat es unbedenklich getan, 
auch mit der Geschichte vom hi. Hieronymus (Nr. 238) und den 
betr. Schlufslegenden. Bezeichnend ist es vielleicht daher, dafs 
der Dichter es in seinem Epilog vermeidet, noch einmal wie 
sonst bei seinen persOnlichen Einlagen seine genaue Quellentreue 
zu betonen. Wenn er dort V. 41573 nur sagt, dafs das Buch 
Vitaspatrum volant sei, so ist das im weitesten Sinne natiir- 
lich von seinem eigenen Werke zu verstehen, denn die ganze 
lateinische Sammlung Vitae patrum hat er ja keineswegs wieder- 
gegeben. So konnen wir auch noch besser verstehen, wenn der 

Verfasser bekennt, er habe sein Buch mit manigem umbsucli 
(41448) geschrieben, scheint doch darin geradezu ein leises Ein- 
gestandnis seiner Inkonsequenz zu liegen. Die Einfugung der 
Frauenlegenden 1 ) in ein Alt vaterbuch , die am meisten ver- 
wundern mbchte, rechtfertigt der Autor sogar selbst einmal in 
der Geschichte der hi. Margarita; als sich namlich diese fromme 
Jungfrau unter dem Namen Pelagius in Mannskleidern von der 
Welt ins Kloster zuriickzieht, fugt der Dichter begriindend hinzu: 
er gedacht an der altvater leben (36144). Die Absicht, ein mog- 
lichst vielseitiges Ganze seinen Lesern darzubieten, hob also die 
urspriinglich ziemlich genaue Abhangigkeit des Dichters von 
seiner Quelle auf; im Verlauf seiner Arbeit war er selbst- 
bewufster und selbstandiger geworden. Es erledigt sich somit 
die Frage, aus welchem Grunde der Verfasser jene Schlufs- 
legenden aus der Legenda aurea, der Hauptquelle des Passionals, 
in sein Werk aufgenommen hat. Der interessante Stoff reizte 
ihn, und zudem wollte er seinem weiblichen Leserkreis mit 



*) Audi in franzosischen Bearbeitungen der Altv&terlegenden finden 

Frauenlegenden. Vgl. Histoire litt6raire de la France 33, 307 f . 





64 



diesen Geschichten einen Gefallen erweisen. Nochmals betone 
ich, sein Werk soil allerdings Buch der „Vater" heifsen, aber 
schon unter Nr. 239 bringt er die Legende einer Fran (aus den 
Vitae patrum!), die in Mannskleidern ein Einsiedlerleben in 
Armut, Keuschheit und Demut ftihrt. Auf der Suehe nach ahn- 
lichen Stoffen kam ihm die Legenda aurea zu pafs, und so 
kommen die Erzahlungen von der Euphrosyna (239), Pelagia 
(240), Abraham und seines Bruders Tochter (241), vod Zosimas 
und Maria (242), von Margarita (243) und der antiochischen 
Jungf rau (244) in unsere Dichtung hinein ; um Einsiedler d. h. 
solche Leute, die der Welt entsagen, um in volliger Zuriick- 
gezogenheit ein gottwohlgefalliges Leben zu fiihren, handelt es 
sich aucb hier. Der Eustachius (245), die Siebenschlafer (246) 
und der Alexius (247) sind wohl aus dem Grunde eingefiigt 
worden, um noch einmal an ganz hervorragenden und trefflichen 
Beispielen die wichtigsten religiosen Tugenden ins recbte Licht 
zu riicken und so geeignet auf das Jtingste Gericht vorzu- 
bereiten. Die Eustachius- und die Alexiuslegende erfreuten 
sich im Mittelalter besonderer Beliebtheit und werden in der 
mystischen Literatur 1 ) mit Vorliebe zitiert; vielleicht erklart 
sich ihr Vorkommen an so hervorgehobener Stelle unseres Werkes 
aus der Gesinnung und Anschauungsweise unseres Dichters. Bei 
der Legende von den Siebenschlafern kam fur die Aufnahme ins 
Vaterbuch begiinstigend hinzu, dafs jene Sieben die Einsiedler 
in ihrer hochsten Vollendung darstellen, indem sie 372 Jahre 
abgeschlossen von der Welt in einer Hohle schlafend zubringen. 
Bei ihrem Erwachen finden sie das Christentum fiber die Welt 
verbreitet; was beim Beginn ihres Einsiedlerlebens ein kleines 
Senfkorn gewesen war, ist nun zu einem breitastigen Baume 
geworden. Eine Verherrlichung der Macht des Christentums 
steckt also auch in dieser Legende. Aber damit sind der Grunde 
noch nicht genug, auf einen Punkt ist ganz besonders hinzu- 
weisen. Gott lafst namlich die Siebenschlafer nach so langen 
Jahren wieder zu kurzem Leben erwachen, um die Zweifel, 
welche die Zeit hinsichtlich der Auferstehung von den Toten 
hegte, zu zerstreuen. Daher pafst dieses Stuck vortrefflich 



*) Vgl. Massmann, Sanct Alexius Leben S. 37; Bihlmeyer, H. Seuse S. 363 
zu Brief 2, 12 ft ; Wilhelm a. a. 0. S. 167 Anm. 1. Naheres liber die Eustachiua- 
legeude s. auch Deutsche Litteraturzeitung 1904, 1303. 



65 



vor das Jungste Gericht, das ja ausschliefslich von der Auf- 
erstehung der Toten handelt. 1 ) 

Damit sind wir schon zu dem Abschnitt gelangt, der wie 
wenige geeignet ist , unser Werk mit seiner bessernden Tendenz 
abzuschliefsen. Wie das Himmelreich erstritten wird, sollen die 
heiligen Altvater zeigen, wer es erhalt, das wird uns in unserem 
Schlufsteil zugleich mit einer Schilderung der himmlischen 
Freuden, der Plagen der Holle in den lebendigsten Farben aus- 
gemalt. Die Hauptwirkung anf den Leserkreis ist somit bewufst 
in den Schluls verlegt; alle F&den, die schon im Verlauf unserer 
Dichtung auf eine reinliche Scheidung der Guten nnd Bosen 
hinweisen, werden hier zu gewaltiger Wucht vereinigt. Dafs 
die ganze Entwicklung des Vaterbuches nach solchem Ab- 
schlufs hinstrebt, zeigen mancherlei Andeutungen vom Welt- 
gericht, aus denen man zugleich erkennen kann, welche Kolle 
die eschatologischen Anschauungen bei unserm Autor und wohl 
auch in seiner ganzen Zeit spielen. Aus den vielen Hinweisen 
seien nur einige hier angefuhrt: 



V. 28232 wan got mit recht richtet, 

wann der erpidemtag 
chumpt und der Terfluchten slag 
und der erwelten chron, 
di man in gibt zu Ion. 



V. 29558 so got an dem lesten tag 

wil an sein gericht chomen 
alien seligen zu frumen 
und zu vorcht der armen schar. 



V. 30095 der an dem jungsten tag 

den verfluchten zu einem slag, 
den seligen zu einem Ion 
an seinem gericht schon 
vor uns alien sitzen wil. 

Auch sei an die Verse der Einleitung unseres Werkes 



erinnert : 



') Diese Auffassung bestatigt die Monographic uber die Siebenschlafer- 
legende von John Koch S. 71 ff. Uber die Legende siehe weiteres im Archiv 
fur das Studium der neueren Sprachen 93, 241. 94, 369 und M. Huber, Beitrag zur 
Visionsliteratur und Siebenschlaferlegende des Mittelalters. Programme von 
Metten 1902 und 1904. Vgl. Hist. Jahrbuch 26, 840 f ., auch Revue des Etudes 
juives 53, 111 ff., wo die neuere Literatur angegeben ist. 



Hermaea VII. 



5 



f 



$6 



V. 166 da (d. h. im Vdterbuch) stet von in, wie si mit chraft 

daz himelrich habent erstriten 



gar mit tugentlichen siten. 

Leicht kftnnte man die Zahl solclier vordeutenden Stellen 
vermehren, dock sei nur noch die Euagriuslegende (Nr. 107, vgl. 
Beilage I) erwahnt, die im grofsen und ganzen nichts weiter 
als eine kurzere Darstellung des Jungsten Gerichts ist mit den- 
selben eschatologischen Vorstellungen und zum Teil denselben 
Ausdrucken wie in unserem ausfiihrlicheren Schlufsteil. Der 
Euagrius und das Jungste Gericht miissen so notwendigerweise 
von ein und demselben Verfasser sein, der sick, wie noch ge- 
zeigt werden soil, nicht nur hier, sondern auch in seinem Passional 
bei den Julianuslegenden und sonst ausschreibt. 

Alles in allem genommen, haben wir also keinen Grund, an 
der Geschlossenheit unserer Dichtung, wie sie in der Handschrift S 
glucklicherweise vollstandig vorliegt, zu zweifeln. Die Schlufs- 
legenden gehoren trotz ihrer anderen Quellen zum Vaterbuch, zumal 
alle Handschrif ten, auch solche, von denen wir nur noch Fragmente 
haben, diese Abschnitte enthielten, olme dafs vorher ein Ab- 
schlufs des Gesamtwerkes erkennbar ware. Sprachlich stimmen 
die Schlulsstiicke mit den iibrigen Partieen genau uberein, und 
die wenn auch nicht allzu umf an greichen Ahnlichkeiten im Text 
(vgl. das Jungste Gericht mit Euagrius und Eustachius) konnen 
eben nur durch Annahme einer gemeinsamen Verfasserschaf t ge- 
nugend erklart werden. 1 ) 



Fiinftes Kapitel. 

Das Vaterbuch in seinem Verhaltnis 

zum Passional. 



Die alte Frage, wie das Passional, jene bekannte mittel- 
alterliche Sammlung von Heiligenlegenden , und das Vaterbuch 
zueinander stehen, moge auch hier noch einmal aufgerollt 



*) In einer franzosischen Answahl der Vitae patrum aus der 2. Halfte des 
13. Jahrhunderts von Henri d'Arci bildet die Fortsetznng bezw. den Schlufs 
auch ein Gedicht vom Antichrist : Vgl. Histoire litteraire de la France 33, 258. 
Andere Bearbeitungen der Antichristsage in franz5sischen Vies des peres nach 
Adsos Traktat werden Histoire litteraire de la France 33,321 angefiihrt. 



67 



werden, obgleich man wohl jetzt uberall schon geneigt ist, das 
Vaterbuch fur eine Jugendarbeit des Passionaldichters zu 
halten. Gar manches interessante Streiflicht fallt dabei auf die 
beiden Dichtungen, wenn man sie in ihrer Gesamtheit einander 
gegenuberstellt. 

Als Franz Pfeiffer im Jahre 1846 zum ersten Male die 
Identitat der Verf asser von Vaterbuch und Passional aussprach, 1 ) 
da waren die Griinde dafur wegen des unzureiclienden Materials 
noch recht unzuverlassig. Als charakteristisches Merkmal beider 
Dichtungen sah Pfeiffer den Dreireim mitten im Texte an, und 
noch heute hat dieses Moment seine Gultigkeit, wenngleich audi 
sonst in anderen gleichzeitigen Dichtungen diese Art Dreireim 
begegnet. 2 ) Da Pfeiffer wohl diesen einen Grund noch nicht 
fur hinreichend hielt, machte er zugleich auf gemeinsame sprach- 
liche Eigentumlichkeiten in beiden Werken aufmerksam, nament- 
lich fuhrte er einige seltene Reimbindungen, eigenartige Sprach- 
formen und Redensarten an. Kopke fugte dann seiner Ausgabe 
des Passionals ein Glossar bei, das uns manchen guten Auf- 
schlufs uber die Sprache des Dichters gibt; erganzt und teil- 
weise berichtigt ist es.von Bech. 3 ) Seit jener Zeit ist nie mehr 
ernstlich bestritten worden, dais Vaterbuch und Passional von 
einem Dichter herriihren, und wenn man Zingerles, Haupts, 
Frankes und anderer Forscher 4 ) Arbeiten zusammennimmt, so 
ist an der Richtigkeit der Pfeifferschen Hypothese nicht mehr 

zu zweifeln. Auch Zingerle zog reiches sprachliches Material 
zum Vergleich heran, ging aber in seinem Eifer ofter zu weit, 
indem er ganz allgemein gebrauchlichen mittelhochdeutschen 
Worten Beweiskraft beilegte. Bei unsern beiden Dichtungen 
ist, wie Zingerle zeigt, die Sprache eine so gleichmafsige, die 
Redensarten sind so standig und, man kann sagen, manieriert 
wiederkehrend , dafs es unmoglich ist, zwei verschiedene Ver- 
f asser anzunehmen; nicht einmal bei einem Nachahmer, der sich 



*) Marienlegenden im Vorwort. 

9 ) Vgl. Pfeiffer, Nik. von Jeroschin S. LII ff. ; Strauch Af dA. 23, 276 ; 
wegen des Laubacher Barlaam s. jetzt A. Perdisch in seiner Gdttinger Diss. 

1903 S. 115. 

8 ) B ech, Specileginm verborum in Passionali vetusto adhibitorum. Progr. 

Zeitz 1859. 

4 ) Vgl. Schroder, Germanistische Studien 1 , 295 ff. ; Straucli a. a. 0. 



S. 272 ff. 



5* 




68 



vollig in seinen Meister hineingelebt hatte, ware solch frappante 
Ahnlichkeit in der Sprache und der ganzen Behandlungsweise 
moglich. Auch ist es undenkbar, dafs eines der beiden Werke 
so sklavisch und mechanisch nachahmend entstanden sei, denn 
die dichterische Personlichkeit schimmert an vielen Stellen des 
Vaterbuches und Passionals hindurch. Man lese nur die schone 
Betrachtung uber Maria und Martha im Vaterbuch Nr. 166 
V. 19987 ff. 1 ) oder im ersten Passionalbuch 66, 2 Iff. den klagenden 
Abschlufs der Leidensgeschichte des Herrn. Klar ist natiirlich 
trotz alledem, dafs im Passional mit seinen 100000 Versen die 
formelhaften Wendungen, uberhaupt die stilistischen Eigentumlich- 
keiten zahlreicher und mannigfaltiger auftreten als im Vater- 
buch mit seinen 40000 Versen. Auf den Vierreim, den Zingerle 
fur eine beliebte Eigentiimlichkeit unseres Dichters halt, ist 
nicht viel zu geben, er kommt iiberall in mittelhochdeutschen 
Dichtungen vor, wenn audi vielleicht nicht so haufig wie in 
unsern beiden Werken. Zingerles sachliche Begrundung der 
Verf asser - Identitat WSB. 64, 153 f., insofern im dritten Buche 
des Passionals Einsiedlerlegenden geflissentlich vermieden seien, 
obwohl in der Hauptquelle, der Legenda aurea, sich einige sehr 
erbauliche Geschichten dieser Art fanden, ist schon von Haupt 
a. a. 0. S. 88 widerlegt worden, denn der hi. Basilius kommt 
sowohl im Passional (Pass. K. 14) wie im Vaterbuch (Nr. 210) 
vor, vom hi. Hieronymus ganz zu schweigen. Wenn Franke 
a. a. 0. S. 54 der von Zingerle a. a. 0. angezogenen Stelle 



doch meinte er wqJ den selben sin, 

der in der vetere buche stat, 

als uns ir schrift wizzen lat (Pass. K. 285, 10) 



keine Beweiskraft dafur zulegt, dafs der Passion aldichter das 
Vaterbuch gekannt habe, weil die Quelle an dieser Stelle vitas- 
patrum biete, so lafst sich dagegen einwenden, dafs gerade die 
tibersetzung der vetere buck, nicht etwa der vetere leben oder 
a-hnliches, einige Beweiskraft in sich schliefst. 

Nach sprachlichen Untersuchungen, die hauptsachlich durch 
Pfeiffers Interesse am mitteldeutschen Idiom bestimmt waren, 
wandte man sich, Zingerles Spuren folgend, mehr der sachlichen 
Seite zu, als erster Joseph Haupt. Er stellte a. 0. S. 88 ff. fest, 



J ) Vgl. Haupt a. a. 0. S. 109. 



69 



dass der Dichter des Passionals das Vaterbuch ausgeschrieben 
habe in der Legende vom hi. Hieronymus, in der die Geschichte 
vom eselhutenden Lowen erzahlt wird. Vgl. Pass. K. 509, 75 
513, 35 und Vaterbuch Nr. 238. Damit vergleicht Haupt zwei 
ahnliche Stellen im Passional selbst, wo im dritten Buche bei 
Julianus dem Bosen (Pass. K. 155, 63 — 161, 60) das zweite Buch 
(Pass. H. 355, 83 — 362, 94) fast wortlich wiedergegeben wird. 
tJbrigens finden wir diese Gesehichte — Latzke 1 ) hat darauf 
aufmerksam gemacht — nock zum dritten Male, freilich im Aus- 
zug, bei Kopke im 37. Stuck, das Johannes und Paulus behandelt, 
S. 313 ff. Andere von einander abhangige Abschnitte sind oben 
S. 50 u. 60 f. erwahnt. 

Der Plan einer Ausgabe des Vaterbuches erheischte erneute 
Untersuchung betreffs der Verf asserfrage , und Franke widmete 
ihr daher mehrere umfangreiche Kapitel. Sachliche, stilistische 
und sprachliche Griinde — er behandelt gut die Mundart beider 
Werke — fuhrt er zum Teil neu und originell an und geht als 
erster, wenn auch nicht ausreichend, da Statistiken fehlen, auf 
die Metrik ein. Durch Franke gewinnen wir jedenfalls einen 
Einblick, wie gleichartig sich der Text in beiden Sammelwerken 

ausnimmt, wenn dieselben Oder ahnliche Stoffe bearbeitet werden. 
Vgl. Frankes Gegeniiberstellungen S. 54 f. Stil und Syntax legen 
solche tibereinstimmung an den Tag, dafs man schlechterdings 
nicht von zwei verschiedenen Verfassern reden kann. 

Diirften schon diese Ausfuhrungen Pfeiffers Hypothese als 
rich tig erwiesen haben, so mag doch, da eine andere Betrach- 
tungsart, ein anderer Beweisgang noch garnicht angestellt ist, 
obwohl gerade hier die Resultate sich viel augenfalliger ergeben, 
noch erganzend ein Blick auf die Rahmenstucke der beiden 
Werke geworfen werden, in denen der Dichter von sich und 
seiner Arbeitsweise eingehender handelt. Fur das Passional hat 
diese Rahmenstucke Latzke in seinem Programm zum Gegenstand 
einer Untersuchung gemacht, und vergleichen wir damit nun 
das Vaterbuch, so finden wir vollige tibereinstimmung. Auch 
wenn wir beriicksichtigen, dafs manche der in den Rahmenstucken 
behandelten Motive stehend bei mittelalterlichen Dichtern waren, 
wirkt doch die gleiche Ausfuhrung, meist sogar in denselben 



*) Latzke, Uber die Proomien und Epiloge zum mhd. Passional. 5. Jahres 
bericht des ,stadt. Kaiser Franz Josef-Jubilaums-Realgymnasiums in Korneu 
burg 1903. S. 14. 



70 



Worten, iiberzeugend. Nicht nur, dafs Passional und Vaterbuch 
schon ihrem ganzen Inhalt nach ahnlich sind, sodafs manche 
Literarhistoriker (s. unten S. 82) letzteres fur eine Fortsetzung 

von jenem hielten: beide Werke dienen durchaus demselben Zwecke 
und sind in derselben Absicht geschrieben. Durch got 1 ) sind 

beide Arbeiten hervorgeruf en , und zwar soil in jeder nur eine 
Auswahl aus einem grofseren Komplex geboten werden (etteliche 
nutze mere Vaterb. 237; sumelicher lieiligen leben Pass. H. 4, 3). 
Der Zweck ist die Besserung der Leser: 

durch got durch bezzerungen 

wart ez do zu latine braht. 

des selben ist ouch mir gedaht. (Vaterbuch V. 232 ff.) 
ich han sin werlich uf frumen 
zum aller ersten gedacht. 
der guten lute andacht 
hofte ich reizen da mite 
unde ir tugenthaften site 

sterken uf dem gotes wege. (Pass. Berliner Germania 

7, 289.) 

Vgl. auch die Schlulsrede des Vaterbuches: 

man sol durch pessrung sagen, 
wie got hie vor in mangen tagen 
25 ubt seiner tugent geben. 

Von grof sem ummesuch, mit dem der Dichter gearbeitet habe, 
reden beide Werke : nicht ane grozzen ummesuch Pass. K 690, 2 ; 
mit manigem umbsuch Vaterbuch, Schlufsrede V. 2. Im Passional 
(H. 170, 80 ff.) hebt der Dichter sein Bestreben hervor, nur unzu- 
storet mere d. h. einheitliche zusammenhangende Geschichten zu 
geben, im Vaterbuch horen wir davon nichts, aber wir sehen an 
der Antoniuslegende, die vom Verfasser abgebrochen wurde, weil 
das Unterfangen doch zu schwierig war, schon Ansatze zu einem 
ahnlichen Bestreben. Vgl. auch Arsenius Nr. 102. Beim Passional 
lag die Sache bedeutend einfacher, da ja die Legenda aurea die 
Hauptarbeit des Sammelns bereits geleistet hatte. Bezeichnend 
ist es vielleicht auch, dafs das Thema, das sich der Dichter am 
Anfang seines Werkes stellt, in unsern beiden Dichtungen er- 
weitert wird im Verlauf der Arbeit. Christi, Marias und der 
Apostel Leben sollten ursprunglich im Passional behandelt werden, 
doch nach Vollendung dieser Teile wird das Ziel weitergesteckt 



») S. Vaterbuch V. 106. 232. 235. 11521 und Nachrede V. 56. Pass. H. 
3, 67. 4, 73. 5, 6. Pass. K. 5, 93. 690, 5. 



71 



und noch das umfangreiche Buch von Legenden einiger Kalender- 
heiligen angefiigt. Im Vaterbuche soil ten die Vitae patrum aus- 
zugsweise geboten werden, aber der Dichter zieht auch die 
Legenda aurea zur teilweisen Benutzung heran, weil sie ihm so 
recht fiir seinen Zweck pafst. Bedenkt man ferner, wie der 
Dichter in beiden Werken (Pass. H. 3, 86; Vaterb. 151) fiber die 
itel rote, die nach itel ere strebt, loszieht, und vor allem, wie er 

sich gegen seine neidischen Kritiker wendet 1 ), so mlissen wir 
zugestehen, dafs dies alles nur ein und dieselbe Personlichkeit 
geschrieben haben kann. Als Bufse fiir ein friiheres gottloses 
Leben ist sowohl das Passional wie das Vaterbuch verfafst, was 
aus Pass. H. 333, 16 und Vaterb. 156 ff. deutlich hervorgeht. Die 
gleiche captatio benevolentiae, die gleiche Entsehuldigung fur zu 
geringes Konnen finden wir im Passional und im Vaterbuch. 
Hier steht in der Nachrede, die Latzke a. a. 0. S. 28 ff. abdruckt 
( V. 6 f .) : 

habe ich mich dran mit ichte 
vergezzen, daz ist unkunst, 

im Vaterbuch dagegen (Nachrede V. 84 ff.) : 

ob ieman ein versaumichait 

aldarynn horet lesen, 

daz ist von unchunst gewesen. 

Noch weitere bedeutungsvolle Parallelen sind in beiden 
Werken f estzustellen ; z. B. bittet der Dichter seine Leser, dafs 
sie ihn in ihre Andacht miteinschliefsen mogen aus Dank fiir 
die Lektiire. Man vergleiche: 

ouch bite ich vurbaz mere, 

so daz ir min gedencht 

in gote. (Pass. Nachrede 208° V. 10 ff.) 

so wil ich piten auch durch got, 

ob ez bey weilen mug sein, 

daz er auch gedenkch mein 

vor got in seiner andacht. (Vaterb. Nachrede V. 76 ff.) 

Ferner wird die Wahrhaftigkeit der erzahlten Stucke in 
beiden Nachreden beteuert und wird zur Nachfolge der gegebenen 
Beispiele aufgefordert. Wenn dem Leser etwas von den dar- 
gestellten Geschichten unwahrsclieinlich vorkomme, so konne er 



*) Uber die Polemik im Passional vgl. Latzke a. a. 0. S. 15 und Wilhelm 
a. a. 0. S. 134 f . , wo gezeigt wird , dafs Polemik tiberhaupt typisch fur die 
Deutschordensliteratur ist und dafs die Zensur schon ziemlich scharf gehand- 

habt wurde. 





72 



es glauben oder nicht, jedenfalls m6ge er stets bedenken, dais 
bei Gott kein Ding unmoglich sei. Vgl. Vaterb. Nachrede V. 34 ff. 
und Pass. Nachrede 208 c V. 4 ff.; Pass. K. 330, 56 ff. Noch manches 
andere liefse sich anfiihren, doch verweise ich im allgemeinen 
auf die beiden Nachreden selbst, *) deren Inhalt ganz genau uber- 
einstimmt, freilich steht die des Passionals dichterisch bei weitem 
holier, man beobachte nur die lebendige Illustration durch ein- 
gelegte Vergleiche und Beispiele. 

Zum Schlufs noch zwei Argumente, die meiner Ansicht 
nach besondere Beachtung verdienen. An solchen Stellen namlich, 
wo der Natur der Sache nach eine gehobene Sprache erfordert 
wird, so namentlich beim Gebet und beim Hymnus, reilst die 
Begeisterung den Dichter unwillkiirlich aus der epischen zur 
lyrischen Form fort. Franke S. 92 sah in dem Umstand, dais 
im Vaterbuch die lyrischen Partieen fehlten, noch einen grund- 
legenden Unterschied zwischen beiden Dichtungen. Jetzt, wo 
wir das Jiingste Gericht kennen, sehen wir, wie uns die Gliicklich- 
preisung der Seligen und die Verdammung der Gottlosen in 
lyrischen Strophen vorgefiihrt wird mit ahnlichem Schwung wie 
viele Stellen im Passional, vgl. z. B. Pass. H. S. 72 die riihrende 
Klage der Maria iiber ihren gekreuzigten Sohn mit dem Hohe- 

punkt (V. 851): 

min vreude ist hin, min ere ist blint. 
owe min uzerweldes kint! 

Und sogar die Form solcher lyrischen Partieen, in denen 
unser Dichter vielleicht seinem Meister Rudolf von Ems 2 ) folgt, 
ist ahnlich, wie man aus einem Vergleich des Jiingsten Gerichts 
(s. Beilage VIII) mit den lyrischen Abschnitten aus dem Passional 3 ) 
ersehen kann. Der Vollstandigkeit halber sei auch auf die Uber- 
einstimmung in den Reimhaufungen am Schlusse beider Werke 
hingewiesen. 



*) Abdruck der Passion al-Schlufsrede bei Latzke a. a. 0. S. 28 ff., der 
Vaterbuch-Nachrede Germ. 31, 322 f . S. die gleichen Verse Vaterbuch V. 41445 f . 
und Passional-Nachrede 208^, 25 f. (Latzke S. 31). 

2 ) Am Anfang des sechsten Buches von Rudolfs Alexander finden wir 
eine lyrisch geformte Einschaltung, die allmahlich wieder in das epische Vers- 
mafs iibergleitet. S. Beitr. 29, 434. 450 ff. 

8 )Pass. K. 671,23ff. 672,65ff. 673,62ff. 675,78ff. 676,40ff. 677,47ff. 
678, 79 ff. 679, 73 ff. 682, 78 ff. 687, 21 ff. 691 f. 



73 



Das zweite Argument bietet uns jene schon melirfach be- 
handelte Geschichte von den Miracula St. Andreae, die aus dem 
zweiten Kapitel der Legenda aurea entnommen ist. Im Passional 
(Buch II: Von den Boten) wird namlich anf Grund desselben Ab- 
schnittes der goldenen Legende der hi. Andreas behandelt, aber 
merkwiirdigerweise wird unsere im Vaterbuche wiedergegebene 
Geschichte (Legenda aurea II, 9) dort ausgelassen, weil, wie es 
uns jetzt offenbar ist, der Dichter diesen Abschnitt schon seinem 
andern Werke, dem Vaterbuche, eingefiigt hatte. Hier hat er 
sich einmal nicht selbst ausgeschrieben wie in der Legende vom 

hi. Hieronymus. 

So fiihrt die Betrachtung unserer in Frage stehenden Werke 
von den verschiedensten Gesichtspunkten aus stete zur Annahme 
eines gemeinsamen Verfassers. 



Sechstes Kapitel. 



Der Dichter. 



Fragen wir uns, wer dieser Dichter ist, so vermogen wir 
seinen Namen nicht zu nennen,« denn er verschweigt ihn absicht- 
lich, um etwaigen Anfeindungen zu entgehen (Pass. H. 333, 81 ft), 
seine beiden Werke geben uns aber wenigstens ein anschauliches 
Bild seiner Personlichkeit. Roth 1 ) nahm Rudolf von Ems als 
Verfasser an, eine Ansicht, an der nur wahr ist, dafs neben 
Konrad von Wiirzburg 2 ) gerade Rudolf derjenige war, an dem 
unser Dichter seine Sprache und seinen Stil gebildet hat. 3 ) Die 
Vermutung von der Hagens, Konrad von Heimesfurt dtirfte der 
Verfasser sein, hat Pfeiffer 4 ) widerlegt. Hipler 5 ) hat seine 
Hypothese, Tilo von Kulm, der Verfasser mehrerer geistlicher 



*) Denkmahler des deutschen Mittelalters S. 50, Anm. zu V. 37. 

2 ) Haupt a. a. 0. S. 111. 

3 ) Vgl. Schroder, Germanistische Studien 2, 160 ff., wo die Thiiringer Christ- 
nerre-Chronik , die Rudolf von Ems' Weltchronik zum Vorbild nahm, unserm 
Passionaldichter zugeschrieben wird. Dafs diese Annahme abzulehnen ist, 
hat Franke a. a. 0. S. 76 ff . gezeigt. lingerie WSB. 64 , 156 nimmt ebenf alls 
Rudolf von JBms als Vorbild des Vaterbuchdichters an. 

4 ) Marienlegenden S. XII f . 

5 ) Hipler, Literaturgeschichte des Bisthums Ermland S. 28. 



74 



Werke, 1 ) habe vielleicht auch das Vaterbuch geschrieben, nicht 
weiter stutzen konnen; ebenso ist die Autorschaft Heinrich von 
Heslers, die Pf eiffer 2 ) einmal erwahnt, abzulehnen. Eingehender 
beschaftigte sich dann Bartsch 3 ) mit der Frage nach unserm 
Dichter, indem er sich vor allem auf die eigentiimlichen Dreireime 
in unsern Dichtungen stutzte, die bei Heinrich Cluzenere, dem 
Schuler des Pilgrim von Gorlitz, wiederkehren. Bartsch nahm, 
ohne einen Grund daftir anzugeben und ohne iiberhaupt zu wissen, 
ob der Guardian von GOrlitz jemals literarisch tatig gewesen 
ist, an, dafs er der Urheber des Dreireims mitten im Zusammen- 
hange des Textes und damit Dichter des Passionals und Vater- 
buches sei, weil hier der Dreireim in jener Stellung zuerst be- 
gegne. Dais einige Handschriften unserer Werke aus Schlesien 
stammen, 4 ) was Bartsch besonders betont, ist bedeutungslos bei 
der weiten Verbreitung der Dichtungen, viel eher konnte man 
dann das Deutschordensland in Betracht ziehen. Ferner sind 
wir jetzt nach den Untersuchungen von Franke und Schr5der 5 ) 
mehr geneigt, nicht Schlesien, sondern eine westlichere Gegend 
des mitteldeutschen Sprachgebietes oder auch das Deutsch- 
ordensland als Heimat unseres Dichters anzusetzen. 6 ) Ebenso 



i 



) S. jetzt Kochendflrffer, Tilos von Kulm Gedicht Von siben Ingesigeln. 
BerHn 1907. 

■) Nikolaus von Jeroschin S. XXX der Einleitung. 

3 ) Bartsch, Mitteldeutsche Gedichte 1860. S. XII f . 

') Vgl. S. 11 das Fragment E und besonders die G8rlitzer Passional Hs., 
Berliner Germania 7, 249 ff. 

5 ) Franke a. a. 0. S. 73 ff.; Schroder, Germanistische Stndien 2, 197. 

6 ) Auch ich wage die Frage nach der Heimat nicht zu entscheiden, 
doch scheinen mir Frankes sprachliche Untersuchungen — so lttckenhaft sie 
auch sind — manches fiir sich zu haben, dais namlich die Mundart unseres 
Dichters der Herborts von Fritzlar ziemlich ahnlich ist. Die Stelle jedoch, 
die Franke S. 75 heranzieht, um des Dichters Bekanntschaft in Marburg zu 
erweisen, insbesondere Pass. K. 623, 50. 54 ff. ist nicht mafsgebend, da sich 
ofter solche Hinweise auf die Gegenwart (z. B. Pass. K. 400, 79) linden. Auch 
Passional H. 321, 48: sin heiliger licham . . , zu Triere ist nu mit reste ist zu 
allgemein gehalten, um daraus Bekanntschaft des Dichters in der Moselgegend, 
wohin Mone (Anz. f. K. d. d. Vorz. 6, 148) aus anderen Grunden die Heimat 
des Dichters verlegen wollte, zu folgern. Neuerdings hat F. Wilhelm in seinen 
Deutschen Legenden mehrmals darauf hingewiesen, dafs erst eine griindliche 
Reimuntersuchung hier Klarheit schaffen kdnne, allein, wie er schon selbst 
S. 60 andeutet, auch eine Beurteilung der Beime hebt die grofsen Schwierig- 
keiten nicht, da z. B. das dem Rheinfrankischen speziell eigentumliche unver- 
schobene p im Anlaut im Reim nicht zur Geltung kommen kann. An anderer 



75 



abzuweisen ist die Vermutung Joseph Haupts, die er in seinem 
oft zitierten Aufsatz S. 94 ft. aufgestellt and durch langere Er- 
brterungen zu beweisen gesucht hat. Den sogenannten Laubacher 
Barlaam, der nach Benecke (Gottinger gel. Anzeigen 1820, Stuck 34) 
einem Bischof Otte zugeschrieben wird, nimmt er als Werk des 
Passionaldichters in Anspruch; jenen Bischof aber identifiziert er 
mit Otto von Kulm und macht ihn so zum Verfasser aller drei 
Werke. Dafs Haupt jedoch in seinem Schluls, der Barlaam und 
das Vaterbuch stammten von demselben Autor, fehlgegangen ist, 
hat neuerdings Perdisch *) durch metrische und sprachliche Unter- 
suchung des Laubacher Barlaam bewiesen. Nach seinen tiber- 
zeugenden Ausfiihrungen geb6rt der Barlaam schon dem Anfang 
des dreizehnten Jahrhunderts an, das Passional und Vaterbuch 
dagegen, wie noch zu zeigen sein wird, erst dem Ende des Jahr- 
hunderts. 

Den Namen unseres Dichters werden wir also wohl nie 
festlegen, aber was tut gerade der Name, wenn wir uns nur 
von der Personlichkeit des Mannes aus seinen eigenen Zeugnissen 
ein anschauliches Bild machen kSnnen. Der Dichter war ein 
Prediger, ein Geistlicher; er sagt von sich in der Passional- 
nachrede (Pf eiff er, Marienleg. S. XI ; Latzke S. 30 b ) : 

swaz ich hiite predigen pflege, 
daz verget mit dem galme. 
swaz aber ich mit dem halme, 
mit der vederen maine ich, schribe, 
daz hoffe ich ie ez blibe.*) 

Aus Bufse fur ein friiheres der Welt ergebenes Leben macht 
er sich daran, geistliche Geschichten den Laien zur Besserung 



Stelle, Analecta germanica S. 125, macht Wilhelm darauf aufmerksam, dafs das 
hebungsfahige e in der Passionalmundart schon abgef alien ist, ein Moment, 
das bei weiterer Untersuchung einschlagiger Werke vielleicht von Bedeutung 
fur die Heimatsfrage sein durfte. Schroder endlich betont AfdA. 32, 50, dafs 
der Wortschatz des Passionals, der noch einer eingehenden Priifung bedarf, 
neben hauptsachlich ost- und westmitteldeutschen Elementen auch bairische 
enthalt. 

*) A. Perdisch, Der Laubacher Barlaam. Diss. Gottingen 1903. 

*) Auf eine noch markantere Stelle (Pass. K. 319, 3 ff.) weist E. Tiede- 
mann, Passional und Legenda aurea. Berliner Diss. 1909. S. 54 hin. Tiede- 
manns Untersuchung, die mir erst wahrend des Druckes zuging, beleuchtet 
vor allein die Arbeitsweise des Passionaldichters und kommt erfreulicherweise 
zu ahnlichen Resultaten wie die vorliegende Arbeit. 



76 



ins Deutsche zu ubertragen. Mit Keue gedenkt er der Zeit, da 
er noch zur Ueln rote gehorte und sich an weltlichen Maren 
erfreute, ja vielleicht hat er sogar selbst wie sein Vorg&nger 
Rudolf von Ems solche weltlichen Gedichte verfalst (Haupt 
a. a. 0. S. 107). Guten Mutes geht er an die Arbeit, da Gott 
seinen Sinn auf diesen Stoff gelenkt hat und Christus sein ge- 
treuer leitesman ist. Aber viel ergrung hat er von seiner 
literarischen Tatigkeit (Pass. H. 3, 69—73 ; Vaterbuch, Nachrede 
35—36); Hafs und Neid, liber die auch sein Nachfolger Nikolaus 
von Jeroschin im Eingang seiner Ordenschronik klagt, hat er 
sich von mifsgtinstigen Kritikern zugezogen (Pass. H. 333, 66 und 
Vaterbuch, Nachrede V. 6). *) Bei der Abfassung des Vaterbuches 
erlahmt noch manchmal, wie Haupt S. 110 bemerkt hat, seine 
Arbeitskraft und seine S chaff ensfreudigkeit. Weil er argerliche 



Anfechtungen vorausahnt (Pass. H. 3, 69 — 73), zogert unser 



Dichter vor der Bearbeitung des Passionals, das spater als das 
Vaterbuch angesetzt werden mufs, vier Jahre, ehe er sich ent- 
schliefst zu beginnen (Pass. H. 3, 40 — 52). Zudem halt er sich 
fur zu schwach, ein so grofses Werk zur Zufriedenheit zu Ende 
zu fiihren. Seine Ahnungen, die er gehegt, treffen denn auch 
wirklich ein (Pass. H. 154, 82 ff. und 368,22, denen zufolge die 
Angriffe heftiger werden), aber er walzt alle feindlichen Vor- 
wiirfe, die ihm gemacht werden, auf einen machtigen Gonner 
ab (Pass. H. 333, 72; 333, 76. 84), durch dessen Bitten er eigent- 
lich erst bewogen sei, Hand ans Werk zu legen (Pass. H. 
1 54, 82 if.). Auch dieser Herr hat viel Hals und Neid erfahren, 
wie die angezogenen Stellen ersehen lassen. Immerhin ist unser 
Dichter seinen Kritikern gegeniiber gerecht, er verurteilt sie 
nicht ohne weiteres, sondern zeigt, wie Haupt S. 126 es aus- 
drtickt, „die entschiedene Gesinnung, die jedem seinen Willen 
lafst", sowohl im Passional wie im Vaterbuch. Dafs aber der 
Dichter in der Nachrede zum dritten Buch des Passionals nicht 
mehr seiner Feinde gedenke, wie Haupt S. 126 bemerkt, trifft 
nicht zu, denn in dem Abdruck bei Latzke S. 30 ff. wird fast 
ausschlielslich liber Hals und Minne gesprochen. Andererseits 
hat der Dichter mancherlei Lob und Ehre erworben, die eigent- 
lich Gott zustehe, wie bescheiden hinzugefugt wird (Pass. H. 3, 92). 



i 



) Vgl. oben S. 71 Anm. 1 ; Wilhelm, Deutsche Legenden S. 155 ; Schroder, 



ZfdA. 40, 301 f. 



77 



Wir kSnnen jedoch tiber diese personlichen Eigenschaften 
und Stimmungen unseres Anonymus noch hinausgehen und ihm 
seine Stellung innerhalb eines bestimmten Kreises anweisen. 
Haupt hat zuerst die ZugehSrigkeit unserer Dichtungen zur 
Deutschordensliteratur ausgesprochen, 1 ) und manche schwer- 
wiegenden Momente stutzen diese Ansicht. Leitesman und iolJce 
sind Ausdrticke, die nur in der Ordensliteratur und in mystischen 
Schriften vorkommen ; *) die Worte mot 'Morast' und glanstem 
'glanzen' erscheinen nur noch bei Nikolaus von Jeroschin und 
in dem ihm nahestehenden Kreise. 3 ) In vielen Buchereien des 
Ordenslandes 4 ) befanden sich, wie die alten Verzeichnisse dar- 
tun, Exemplare des Vaterbuchs und Passionals, und ihr Vor- 
kommen auch in anderen Deutsehordensbibliotheken , z. B. in 
Mergentheim (s. oben S. 11 das Fragment K) bezeugt die Be- 
liebtheit des Stoffes gerade in diesem Kreise. Nicht aufser acht 
zu lassen sind ferner solche Sammelhandschriften wie die Ber- 
liner Ms. Germ. Octav 56, in der sich neben den Statu ten 
des deutschen Ordens auch ein Stuck aus dem Passional be- 
findet. 5 ) So liegt die Vermutung nahe, dafs unsere Werke 
selbst aus dem Kreise jener Ordensritter hervorgegangen sind, 
dais der deutsche Orden bezw. sein Hochmeister jener machtige 
Beschiitzer ist, von dem unser Dichter spricht (Pass. H. 333, 71 ft). 
Und in dieser Ansicht wird man noch durch folgendes bestarkt. 
Mit Becht darf man behaupten, dafs gerade unsere beiden 
Legendenwerke es gewesen sind, die im Deutschordenslande eine 
spate Blute deutscher Literatur gezeitigt haben. Die meisten 
folgenden, nachweislich dem Deutschorden angehorigen Dichter 

haben sich im Wortschatz und der Sprache uberhaupt, nicht 
zum wenigsten auch in der Technik den Dichter des Passionals 
zum Muster genommen. Was Nikolaus von Jeroschin freilich 
anlangt, so zeigt er, wie Schroder AfdA. 32, 48 im Anschlufs an 



x ) a. a. 0. S. 127 ff. E. Schroder setzt AUg. deutsche Biographie 28, 379 
den Dichter des Passionals in Beziehung zu einer Kommende des Deutsch- 
ordens. Vgl. auch AfdA. 32, 48. 

2 ) Haupt a. a. 0. S. 78 Anna. 1 und S. 128; Franke S. 70. 78; Helm, 
Maccabaerbuch S. LXXXIV; Kochendorffer, Tilo von Kulm S. 106 a; W. MMer, 
Hiob S. 43. 

8 ) S. Helm a. a. 0. S. LXXXIV; Heslers Apokalypse 6334. 21855 (glenstem); 
Kochendorffer a. a. 0. S. 105 b; W. Midler a. a. 0. S. 40; Germ. 28, 388 f. 

*) z. B. in KSnigsberg, Osterode, Thorn, Schlochau. S. oben S. 1 Anm. 3. 

6 ) SchriJder, Germanistische Studien 1, 291. 



78 



Ziesemer betont, keine stilistische Abhangigkeit vom Passional, 
ein Umstand, der mir durch die Verschiedenheit der Stoffe ziem- 
lich natiirlich erseheint, aber in der Technik erinnere ich nur 
an die doppelten Dreireime, sowie an die gelegentlich verwandte 
Strophenform (s. Strehlke, SS. rerum Prussicarum Bd. 1. V. 23720 ff.), 
die Jeroscbin nur vom Passionaldichter iibernommen haben kann. 1 ) 
Unser Verfasser wird somit zum letzten schulemachenden Epiker 
des Mittel alters. Als sehr bezeichnend mag hier noch angefuhrt 
sein, dafs sich in Konigsberg ein Handschriftenfragment befindet, 
in dem ein Stuck des Vaterbuches (Antonius) mit einer aus- 
gesprochenen Deutschordensdichtung, der Vita des hi. Adalbert 
von Nikolaus von Jeroscbin, vereinigt ist und zwar von derselben 
Hand geschri eben. 2 ) Die Legende des hi. Adalbert ist von 
Nikolaus von Jeroschin aber geradezu als Erganzung zum Vater- 
buch bezw. Passional verfafst worden (SS. rerum Prussicarum 
II, 423 ff. V. 132). Vielleicht war auch die hi. Barbara des Hoch- 
meisters Luder von Braunschweig eine Erganzung nnserer Werke, 
gedichtet, weil das Haupt dieser Heiligen in Preufsen verehrt 

ft* 

wurde. 3 ) Uber die ganze Literaturstromung im Nordosten unseres 
Vaterlandes, in der die deutsche Sprache vor der lateinischen 
zur Geltung kam, ist mehrfach gehandelt worden, zuletzt von 
W. Ziesemer. 4 ) 

Wie wir gesehen haben, sollen unsere Legendenwerke 
lateinische Schriften ersetzen, sie wenden sich ans Volk. Ahn- 
liche Ziele neben anderen verfolgte die deutsche Mystik, und 
wenn auch kein unmittelbarer Zusammenhang unseres Dichters 
mit jener tiefgreifenden Bewegung anzunehmen ist, so ist doch 
darauf hinzuweisen, dafs die deutsche Mystik — wie Haupt 
S. 128 betont — gerade an dem deutschen Orden einen starken 
Riickhalt gefunden hat. Haupt hat mit dieser Stellung des 
Passionaldichters jene oben beruhrten Anfeindungen zu erklaren 
gesucht; ob diese Annahme zutrifft, muls dahingestellt bleiben, 
nahere Beziehungen der Mystik zum Deutschorden bestehen 
jedenfalls. So spricht die Visionarin Mechthild von Magdeburg 5 ) 



i 



) Ziesemer, Nikolaus von Jeroschin und seine Quelle S. 46 f. 

') S. oben S. 11 das Konigsberger Fragm. D (ZfdA. 13, 560 f.). 

') Neue preufs. Provinzial-Blatter 8 (1861), 213 ff. Vgl. ZfdA. 13, 505. 568. 

') a. a. 0. S. 46 ff. 

') Offenbarungen der Schwester Mechthild von Magdeburg. Hg. von 



P. Gall Morel. S. 167. 



79 



uber eine ihr ahnlich geartete, fromme Frau Jutte von Sanger- 
hausen, die als Botin und Vorbild zu den Heiden gesandt war; 
hochstwahrscheinlich geschah dies im Jahre 1260, als der deutsche 
Orden unter seinem Hochmeister Anno von Sangerhausen einen 
Kreuzzug gegen die heidnischen Preufsen imternahm. 4 ) Heinrich 
von Nordlingen, der angesehene und von so vielen fromm- 
begeisterten Frauen verehrte Weltgeistliche , stand in engem 
Verhaltnis zu den deutschen Herren in Basel, bei denen er einen 
Herrentisch hatte und freundlich aufgenommen wurde, wie er 
an sein Beichtkind Margaretlia Ebner schreibt. 2 ) Weiter geht 
unter dem Namen des grofsen Gottesf reundes 3 ) die Geschichte 
eines jungen Weltkindes, das auf Bitten seiner Freunde in den 
deutschen Orden eintritt. All sein Hab und Gut uberlafst der 
Jungling dem Orden, der also dem Kreise der Gottesfreunde 
sympathised sein mufs, und wird Priester. Und auch jenes 
Kompendium der Mystik aus dem Ende des 14. Jahrhunderts, dem 

Luther seinen Beifall zollte, die sogenannte „Theologia deutsch", 4 ) 
hat einen Priester und Kustos des Deutschherrenhauses zu 
Sachsenhausen bei Frankfurt a. M. zum Verfasser, ein treffender 
Beweis, dafs die Gedanken der Mystik die Ordenskreise ganz 
durchdrungen hatten. 

Was wir nun an Beziehungen zwischen den Werken des 
Vaterbuchdichters und der mystischen Literatur wahrnehmen, 
ist zwar geringfiigig, darf aber doch* wohl erwahnt werden. 
Zunachst ist es der oft gefiihlvolle Ton in unseren Legenden, 
die lebendige Anschaulichkeit, mit der uns besonders im Passional 
das innige innere Verhaltnis des Menschen zu Gott geschildert 
wird. Schon oben S. 64 erinnerten wir an die Beliebtheit der 
Eustachius- und Alexiuslegende, dieser beiden wichtigen Stucke 
des V&terbuches, auch in der Literatur der Mystiker. Die 
Ahnlichkeit mag Zufall sein, aber fur das Interesse der mystischen 
Kreise an der Legendenliteratur uberhaupt zeugt doch immerhin 
die Predigtsammlung eines Hermann von Fritzlar, die als buck 
von der heiligen lebine ahnlich dem dritten Passionalbuche ein- 
gerichtet ist. 



J ) a. a. 0. S. X der Vorrede. 

2 ) Strauch, Margaretha Ebner und Heinrich von Nordlingen. Brief 



xxxn, 27 ff. 



8 ) a. Stranck in Herzogs Protest. Realenzyklopadie 8 17,211 unter Nr. 11. 
*) Theologia deutsch, hg. von Mandel, Leipzig 1908; vgl. Vorrede S. XI. 



80 



So sind es gar manche Grtinde, die fur eine Beziehung 
unserer Diclitwerke zum mystisch angehauchten Deutschorden 
sprechen. Allerdings scheint es mir eine Wortpressung zu be- 
deuten, wenn Haupt a. a. 0. S. 76 und 1 28 aus einer unberechtigt 
scharfen Trennung der Ausdrucke gemeinschaft und samenunc 
Kapital schlagen will. Er sieht namlich in dem Wort gemein- 
schaft, das der Dichter an der Stelle (V. 165) braucht, wo er 
sich an seinen Leserkreis wendet, einen speziellen Hinweis auf 
den deutschen Orden, weil der Verfasser sonst samenunc gesetzt 
hatte, aber diese Annahme ist hinfallig, da sich gemeinschaft 
wie samenunc auch sonst in allgemeiner Bedeutung findet, z. B. 
Vaterbuch V. 17301 f. 

nu was di gemainschaft 
so reich an der mynn chraft 

mit Bezug auf die Monche in der Gegend Scithia. 

Eine leise Hindeutung auf den Orden, zugleich mit etwas 
Stolz verbunden, scheint mir dagegen vorzuliegen, wenn unser 
Dichter im Jungsten Gericht (V. 40794) mit den begeistertsten 
Worten die Marienritter, die auch Pass. H. 143, 66 erwahnt 
werden, preist; gerade die Deutschordensritter bezeichneten sich 
gern so, 1 ) denn als der Orden im Jahre 1190 durch Herzog 
Friedrich von Schwaben gestiftet wurde, da widmete er ihn der 
hi. Jungfrau, deren Kult sich dadurch bedeutend steigerte. Wohl 
nirgends sonst stand der Marienkult in grofserer Bliite als im 
Ordenslande, man denke nur an das gewaltige Muttergottesbild 
der Kirche des Hochmeisterschlosses zu Marienburg oder an 
das bekannteste Werk der Deutschordensliteratur, Nikolaus 
von Jeroschins Chronik, die der Maria geweiht ist. Vgl. da- 
selbst V. 329 ff. 1502. 3683 f . Und kann man eine grofsere Ver- 
ehrung der hi. Mutter finden als im Passional, dessen erstes 
Buch sie zur ausschliefslichen Heldin macht und ihr allein 
aufserdem noch einen Komplex von 25 Legenden widmet, deren 
jede schliefst: des si gelobet die Jcuningin! Endlich moge noch 
eine Stelle des Vaterbuches aus der Legende des hi. Abraham 
hier betrachtet werden. Dort heilst es V. 31126ff., als Abraham 
auszieht, um eine heidnische Stadt fiir das Christentum zu 
gewinnen : 



l ) „Deutsche Briider der Kirche der hi. Maria zu Jerusalem, oder 



Marienritter. " 



81 



ditz was in der selben zeit, 
da man mit urlaugen 
nicht pflag zu paugen 
di haiden von ir abgoten, 
31130 sunder mit gaistlichen poten. 

Sollte diese Bemerkung, die sich als eigene Zutat unseres 
Dichters gibt, nicht im Hinblick auf die kriegerische Christiani- 
sierung des deutschen Ostens durch die Ordensritter ge- 
schrieben sein? 

Wenn wir zuriickblicken , so ist zu betonen, dafs nichts 
unseren Vermutungen uber den Dichter widersprieht, und auch 
die Sprache unserer beiden Werke zeigt gerade jenen Misch- 
dialekt, wie er sich am besten im Ordenslande bezw. unter dem 
EinfluCs des Deutschordens ausbilden konnte, da in dieser ritter- 

lich - geistlichen Gemeinschaft sich Mederdeutsche wie Ober- 
deutsche vereinigten. *) Damit ist nicht gesagt, dafs unser Ge- 
dicht, dessen Verfasser unzweifelhaft ein Mitteldeutscher ist, 
unbedingt im Ordenslande selbst entstanden sein mufs. 

Zur Charakterisierung unseres Autors mag schliefslich noch 
folgendes hervorgehoben werden. Wichner, 2 ) der immer nur 
die sklavische Abhangigkeit des Yerfassers von seiner Quelle 
hervorhebt, ohne sich weiter in die Behandlung des Stoffes zu 
vertiefen, geht in seinem abfalligen Urteil zu weit und ebenso 

Jakob Grimm, 3 ) wenn er sagt : „Das Passional ist . . ein unmafsiges 
uberlanges Gedicht (darin mufs jetzt auch das Vaterbuch ein- 
begriffen werden), bei dem die Empfanglichkeit der geduldigen 
Leser bald erliegt. Weltliche Stoffe gewahren immer mehr Natur 
und Wechsel; in dem Abgrund solcher einformigen, demselben 
Ziel zugehenden Legenden mufsten Geschick und Gewandtheit, 
die am Verfasser wohl hervorblicken , beinahe versinken." Ger- 
vinus 4 ) und Pfeiffer 5 ) werden unserem Dichter gerechter; einen 
sklavischen Ubersetzer darf man ihn nicht nennen; denn er 
zieht, wo sich die Gelegenheit bietet, die verschiedensten Quellen 
heran ; uberall vertief t, motiviert er, und manche eigene Einlage 



*) Uber diese scharf umrissene Literatursprache, die einer md. Geschafts- 
sprache im Ordenslande gegentibersteht, vgl. jetzt Schroder, AfdA. 32, 49 f. 

*) Zf dPh. 10, 255 ff. 
8 ) Kleine Schriften 7, 328. 
4 ) Gescbichte der deutschen Dichtung 2 5 , 106 ff., bes. S. 108. 



6 ) Marienlegenden S. XIX. 



Hennaea YII. 



6 



82 



zeugt von dichterischer Fahigkeit. Das diirfte aus unserer Be- 
trachtung zur Genuge hervorgehen, und Wilhelm erganzt sie 
a. a. 0. S. 63 und 84 f . in erwiinschter Weise, indem er fiir einige 
Abschnitte eine genaue Quellenuntersuchung anstellt und dabei 
die geistige Arbeitsleistung unseres Dicliters gebuhrend ans Licht 
zieht. 1 ) Freilich Vaterbuch und Passional wollen und diirfen nicht 
in einem Fortgang durchgelesen werden, urn zu gef alien, dem 
Verfasser der Schilderung vom Kreuzestod Christi, der Marien- 
legenden, des Jiingsten Gerichts und anderer einzelner Partieen 
aber wird man das Lob eines talentvollen und gut geschulten 
Dicliters, der zugleich ein frommer, begeisterter Mann war, nicbt 
vorenthalten. 



Siebentes Kapitel. 

Die Abfassungszeit. 



Bisher hat man geschwankt, ob man die Werke unseres 
Dicliters nock dem 13. oder erst dem 14. Jahrhundert zuteilen 
solle. Franke 2 ) kommt auf das letzte Jahrzehnt des 13. Jahr- 
hunderts, wahrend Haupt 3 ) die Abfassung sogar erst in die 
Bliitezeit der Deutsckordensliteratur kurz vor dem Hockmeister 
Lutker von Braunsckweig (1331—35) und Dietrich von Alten- 
burg (1335—41) riicken wollte. Im folgenden werden wir die 
Streitfrage von neuem eingekend erortern, dock um zu geniigender 
Klarkeit zu kommen, ist es no tig zu entsckeiden, in welcker 
Reihenfolge zueinander das Passional und das Vaterbuch ent- 
standen sind. Auf Grund eines gelegentlich en Hinweises Pfeiffers 4 ) 
sahen Massmann, 5 ) Gervinus 6 ) u. a. dem Stoffe nach im Vater- 
buch den vierten Teil des Passionals, seine Fortsetzung, und 
meinten damit zugleich, das Vaterbuch sei erst nach dem Passional 
entstanden. Doch von dieser Anschauung ist man bald ab- 

gekommen, als man beide Werke ihrem Inhalt und ihrer Form 



') VgL jetzt auch Tiedeman a. a. 0. 

*) a. a. 0. S. 96. 

3 ) a. a. 0. S. 127 ff. 

*) Marienlegenden, Vorrede S. XIV. 

B ) Berliner Germania 7, 274. 

•) a. a. 0. 2 8 , 107. 



83 



nach naher kennen lernte. Haupt zeigte, dais aus dichterisch- 
technischen Griinden das Vaterbuch vor dem Passional liegen 
miisse. Er machte auf die sorgfaltigere und regelmafsigere Be- 
handlung der Rahmenstiicke d. h. der Proomien und Epiloge im 
Passional aufmerksam und zeigte zugleich, dafs im Vaterbuch 
zwar schon das Bestreben vorhanden sei, jeden gesonderten Ab- 
schnitt durch eine eigene Einschaltung einzuleiten und abzu- 
schliefsen, dafs aber dieses Bestreben noch keineswegs konsequent 
durchgefiihrt sei. Aufserdem glaubte Haupt einen bedeutenden 
Fortschritt unseres Dichters in seiner dichterischen Entwicklung 
erkennen zu konnen, 1 ) und er hat recht darin, wie wir sofort 
sehen werden. Das Passional niit der Legenda aurea des 
Jacobus a Voragine als mafsgeblicher Quelle ist spater als das 
Vaterbuch entstanden, denn es hat den Anschein, als ob der 
Autor erst wahrend der Abfassung des Vaterbuches auf die 
Legenda aurea gestofsen ist. Hatte er diese Legendensammlung 
schon friiher gekannt, dann hatte er sicher nach der sorgfaltigen 
Art der damaligen Dichter auch seine zweite Quelle da er- 
wahnt, wo er iiber seine Vorlage spricht, scheut er doch im 
Passional vor der Anfiihrung einer ganzen Reihe von Quellen 
nicht zuriick. 2 ) 

Prtifen wir nun einmal naher jenes Stuck (Nr. 122) des 
Vaterbuches, das der Legenda aurea entnommen ist, die sog. 
Miracula St. Andreae, so macht hier die deutsche Ubersetzung 
noch einen ziemlich gezwungenen Eindruck; nirgends wagt der 
Dichter von seiner Quelle abzuschweif en ; es ist noch die ab- 
hangige Dichtungsweise aus dem Anf ang des Vaterbuches, wahrend 
der Autor im Passional und schon in den spateren Partieen des 
Vaterbuchs nicht mehr so bedenklich an seiner Quelle klebt. 
Aus sich selbst heraus zieht er bei einzelnen Legenden Nutz- 
anwendungen, wird iiberhaupt, wie wir schon ofter betonten, 
freier. Und warum ist gerade diese Geschichte aus der Legenda 
aurea im Passional ausgef alien? Eben nur deshalb, weil sie 
derselbe Dichter in sein frtiheres Werk, das Vaterbuch, schon 
aufgenommen hatte. "Was die Technik weiter anlangt, so ist 
oben schon iiber die lyrischen Stellen in unseren Legendarien 
gehandelt worden. Diese Eigentumlichkeit unseres Dichters hat 



) Vgl. a. a. 0. S. 110 und Anm. 1 daselbst 
! ) Vgl. Pass. H. 20, 61. 28, 47. 48, 67. 95, 3i 



6* 



84 



sich erst allmahlich entwickelt und ausgebildet. Im ganzen 
Vaterbuche findet sich nur zuletzt beim Jiingsten Gericht eine 
lyrische Partie, dagegen ko'nnen wir im dritten Passionalbuche 
eine ganze Reihe lyrischer Gebilde nachweisen. 1 ) Sollte dies nicht 
das Zeichen einer fortschreitenden Technik, eines wachsenden 
dicbterischen Konnens sein! Die personliche Einschaltung 
unseres Dichters, die von J. G. Miiller, Germania 25,414 abge- 
druckt ist, widerspricht unserer chronologischen Annabme 
nicbt; eine solche S telle muls nicbt geprelst werden. Wenn 
namlich dort der Dichter von granen Haaren und Krankheit 
als den Anzeichen zunehmenden Alters spricbt, so ist damit 
noch nicht nnbedingt ein holies Alter ausgesprochen; bejahrt 
mag nnser Dichter bei der Abfassung des Vaterbuches gewesen 
sein, und nur in seiner reuigen, bulsfertigen Gesinnung, die 
ja besonders dem Alter zu eigen sein pflegt, steigt bei 
ihm der Gedanke des nahen Todes auf urn so leichter, als er 
kurz vor dem Abschlufs seines umfangreichen beschwerlichen 
Werkes steht. Dafs man aber auch bei zunehmenden Jahren 
noch eine grofse Leistung, wie sie das Passional doch darstellt, 
vollbringen kann, dafiir lief sen sich Zeugen genug anfiihren. 

Von Strauch 2 ) ist neuerdings die Vermutung ausgesprochen 
worden, dais das Vaterbuch und das Passional vielleicht partieen- 
weise nebeneinander gedichtet seien, weil man partieenweise den 
haufigeren Gebrauch gewisser Worte und Wendungen kon- 
statieren k(mne. Solange jedoch diese Hypothese nicht durch 
statistische sprachliche Zusammenstellungen genugend begriindet 
ist, mochte ich bei der alten Ansicht stehen bleiben. Denn ab- 
gesehen davon, dais bei einer solchen Doppelproduktion leicht 
eine Vermischung beider Werke eintreten kann und dais ein 
solches Verfahren ziemlich ungewohnlich sein wird, mulste man 
doch annehmen, dais die dichterische Fertigkeit im Vaterbuch 
eine ahnliche Entwicklung zeige wie im Passional. Doch davon 
darf nicht die Rede sein, denn an und fur sich steht ja das 
Passional an dichterischem Wert und Vollendung der Technik 
bedeutend iiber dem Vaterbuch, wie wir bereits gezeigt habem 
Man vergleiche nur die Schlulsreden beider Werke , urn von der 
Verschiedenheit der Technik einen klaren Begriff zu bekommen. 



*) S. oben S. 72 Anm. 3. 
«) AfdA. 23, 280. 



85 



Im Passional bildet eine selbstandige lyrische Partie den Schluls, 
im Vaterbuch haben wir nur plumpe Reimhaufungen ; und wenn 
wir nicht einmal des herren lob als Schluls im Passional nehmen, 
sondern die eigentliche Nachrede, die Latzke a. a. 0. S. 28 ff. ab- 
druckt, so erkennen wir sofort an den passenden Vergleichen 
und den sinnfalligen Ausmalungen, die der Dichter bietet, dafs 
im Passional ein Fortschritt iiber das Vaterbuch hinaus vorliegt, 
denn in diesem werden ohne jeden besonderen Schwung nur 
literarische Motive behandelt. Bei einer Paralleldichtung ware 
endlich die doppelte Einfugung der Hieronymuslegende nach 
derselben Quelle recht sonderbar, die dreimalige Einschaltung 
der Erzahlung von Julianus dem Bosen dagegen ist daraus zu 
erklaren, dafs schon in der Quelle an den betreffenden Stellen 
jene Geschichte enthalten ist. Bei zeitlicher Trennung beider 
Werke erscheint die zweimalige Bearbeitung des hi. Hieronymus 
sicher verstandlicher. 

Hier mi)ge Zingerles Behauptung, im Passional fanden sich 
keine Einsiedlerlegenden , noch einmal herangezogen werden. 
Wie schon erwahnt, ist diese Ansicht falsch, denn es linden sich 
doch die Legenden des hi. Basilius und Hieronymus vor und 
zwar aus der iiblichen Quelle, der Legenda aurea, dagegen im 
Vaterbuch, das doch speziell von den Einsiedlern handelt, fehlen 
sie, obwohl die Vitae patrum sie enthalten. Erst spater scheint 
der Dichter sie fur wichtig und bearbeitenswert angesehen zu 
haben, demnach hat er sie aus der Legenda aurea in das Passional 
eingelegt, den hi. Basilius sogar, ohne dafs er in die kalendarische 
Ordnung gehiJrt. Immerhin wollen wir neben alien diesen 
Griinden, die fur friihere Abfassung des Vaterbuches sprechen, 
doch das Zeugnis unseres Dichters selbst nicht ubersehen, der 
ja in der Einleitung zu seinem Vaterbuche sagt, dafs das vor- 
liegende Werk sein erstes frommes sei. Vor der Abfassung des 
Passionals, die von seinem Gonner gewiinscht wurde, hat er 
sich dann vier Jahre bedacht. Sollen wir diese Zeitbestimmung 
von dem Datum des Auftrags rechnen? Ich glaube, wir 
datieren: seit Abfassung des vorangegangenen Vaterbuches, das 
erst unseren Dichter seinem Gonner empfohlen hat. Denn auf- 
f alien diirfte es sonst, dafs ein Gonner einen Mann zu solchem 
grofsen Werke veranlafst hatte, der sich iiberhaupt noch nicht 
die literarischen Sporen verdient hatte. Das hat aber der 
Passionaldichter getan, wie Pass. H. 3,92 zeigt. 



86 



Um vollst&ndig zu sein, m8ge hier auch noch auf Frankes Aus- 
fiihrungen S. 96 verwiesen werden, die iiberzeugend dartun, dafs 
das V&terbuch dem Passionaldichter bekannt gewesen sein mufs. 

Bei dem Versuch einer chronologischen Fixierung unserer 
Werke mufs vorweg bemerkt werden, dais sich in den Dichtungen 
selbst keine Andeutungen finden lassen, die fiir eine nahere 
Zeitbestimmung in Betracht kamen. Stellen wie Pass. H. 136, 21, 
an die A. Miiller J ) erinnert, lassen sich mehrere beibringen, jedoch 
sie fiihren kaum weiter. Dagegen hat Haupt ein Moment geltend 
gemacht, dafs seiner scharfsinnigen Kombination wegen auch 
heute noch Interesse erheischt, obwohl wir jetzt uberzeugt sind, 
dais Haupt zuviel in die Texte hineingelegt hat. Dadurch namlich 
stutzig gemacht, dafs in gewissen Handschriften Passional, Vater- 
buch und Buch der Martyrer 2 ) nebeneinander auszugsweise vor- 
kommen, also etwa gleichzeitig verbreitet worden sind, nahm er an, 3 ) 
dafs die Werke mit ihrem fast gleichen Inhalt rivalisiert hatten. 
Er suchte sogar einen bewufsten Gegensatz des Martyrerbuches 
zum Passional zu konstruieren , indem er ziemlich willkurlich, 
wie Wilhelm gezeigt hat, dem Dichter des Martyrerbuches einen 

sklavisch-engen Anschlufs an die Legenda aurea unterschob, 

wahrend er dem Passionaldichter einen bedeutend freieren, klinst- 
lerischen Standpunkt der Quelle gegenuber zuschrieb. Im Buche 
der Martyrer sah Haupt die orthodoxe Umdichtung des Jacobus 
aVoragine, die sich angstlich an das Wort hielt, im Passional 
dagegen die freier gerichtete, der Mystik angenaherte Fassung. 
Aber diese Annahme, dafs im Passionaldichter eine Art lutherischer 
Geist stecke, 4 ) hat Wilhelm durch eine eingehende Quellenunter- 
suchung grundlich beseitigt. Freilich steht der Passionaldichter 
in kunstlerischer Hinsicht viel hdher als der Verfasser des Buches 
der Martyrer, und sicher steckt mehr geistige Arbeit im Passional 
und auch im Vaterbuch, als man seit Wichner 5 ) glauben mochte, 
aber bestimmte kirchliche Grenzen gab es auch fur den Passional- 
dichter, 6 ) obgleich sich die Vermutung nicht so leicht von der 
Hand weisen lafst, dafs der Dichter gerade wegen theologischer 



) Das niederrheinische Marienlob. Berliner Diss. 1907. 
Vgl. Wilhelm a. a. 0. S. 207 ff. tiber das Martyreriracb 



') 



Wilhelm 



Vgl. auch oben S. 1 Anm. 2. 



•) Zf dPh. 10, 255 ff . ; Wilhelm a. a. 

») Wilhelm a. a. 0. S. 95. 



87 



Meinungsverschiedenheiten seinen Namen absichtlich verschweigt. 1 ) 
Haupts Gedankengang geht nun weiter, insofern er in der kon- 
struierten Gegensatzlichkeit der beiden Werke einen Anhalts- 
punkt fur die Datierung findet. Er fiihrt namlich aus, dafs das 
Martyrerbuch im Auftrage einer Grafin Rosenberg zwischen 1320 
und 1340 gedichtet sein miisse, und um dieselbe Zeit etwa oder 
etwas friiher setzt er demnach das Passional an und stellt es 
an die Spitze der Li teraturbliite im Deutschordenslande unter den 
Hochmeistern Luther von Braunschweig (1331—35) und Dietrich 
von Altenburg (1335—41). Wilhelms Ansatz des Martyrerbuches 
(S. VIII), wonach 1320 etwas zu friih gegriffen sei, ist fur uns 
ziemlich unwesentlich , zumal auch er mit Schroder 2 ) den engen 
Anschlufs an den Deutschorden betont. 3 ) 

Fur dieselbe Periode ist die Existenz des Passionals durch 
zwei Zitate in dem Buche der Maccabaer bezeugt, das nach 
Helms 4 ) Ausflihrungen zur typischen Ordensliteratur gehort und 
das — ubrigens folgt es in der Technik ganz dem Passional- 
dichter — in die Jahre 1320 — 30 zu setzen ist. Die Legende 
des hi. Adalbert ferner von Nikolaus von Jeroschin 5 ) — Adalbert 
ist Schutzheiliger von Preufsen — , die, wie wir sahen, aus- 
drucklich als Erganzung des Passionals 6 ) gedichtet ist, stammt 
nach Voigt 7 ) aus den Jahren 1327 — 30. In den zwanziger Jahren 
des 14. Jahrhunderts miissen also die Werke des Passionaldichters 
schon bekannt und verbreitet gewesen sein, wurden sie ja doch 
bereits reichlich nachgeahmt und erganzt. Sogar geraume Zeit 
vor 1320 miissen sie entstanden sein, denn eine so eingehende 
Kenntnis und weite Verbreitung ist unter den damaligen Ver- 
haltnissen kaum in kurzer Zeit moglich. Uber diese weitreichende 
und genaue Bekanntschaft mit dem Vaterbuch und Passional hat 
vor kurzem noch Schonbach 8 ) interessante Aufschliisse gegeben. 



') Pass. H. 333, 81 ff. 

s ) ZfdA. 40, 307 f. 

8 ) a. a. 0. S. 134 f. 

<) Helm, Das Buch der Maccabaer. Stuttgart 1904. V. 14144 und 14200. 

Vgl. Einleitung S. LXXVIII und XC. 

5 ) Strehlke, Scriptores rerum Prussicarum 2, 423 ff. 

fl ) Pauls Grundrif s a 2, 296. 

') Voigt, Uber eine bisher unbekannte dichterische Bearbeitung der 
Lebensbeschreibung des hi. Adalbert vom Ordenskaplan Nikolaus von Jeroschin. 
Neue preufs. Provinzial-Blatter. Dritte Folge 7, 329 ff., besonders S. 332. 

8 ) Beitrage 33, 341 ff., besonders S. 344. 347. 



88 



Er untersucht ausfuhrlich die umfangreiche Wiener Hs. 2779, die 
er ihrem Hauptinhalt nach zwischen 1290 und 1310 in Wien 
selbst geschrieben sein lafst. Der Kodex enthalt eine Sammlung 
jungerer Epen aus dem Ausgang des 13. Jahrhunderts , und, nm 
den verfiigbaren Platz und einige leere Blatter auszufiillen, sind 
Stticke des Vaterbuches und Passionals eingefugt. Diese Ein- 
schaltung der Luckenbiilser fallt natiirlich etwas spater als die 
Zusammenstellung des eigentlichen Inhalts, trotzdem aber bleibt 
die Handschrift bemerkenswert fiir die Verbreitung unserer 
Dichtungen in Osterreich, das doch kaum als ihre Heimat in 
Betracht kommen dtirfte. 

Und dafs wir wirklich die Entstehungszeit der beiden 
Dichtungen noch weiter hinaufriicken miissen, beweisen andere 
Werke, die den Einfluls des Passionaldichters nicht verleugnen 
konnen. Walther von Rheinaus Marienleben ist in Stil und 
Technik ganzlich vom Passional abhangig, wie Hauffen 1 ) durch 
umfangreiche Zusammenstellungen gezeigt hat Aber seine, 2 ) wie 
Voegtlins 3 ) Datierung in das letzte Viertel des 13. Jahrhunderts 
ist doch zu fruh eben wegen der starken Einfliisse, die das 
Passional auf die Dichtung geiibt hat. 4 ) Vgl. Schroder, ADB. 
28, 379. Der zwischen 1305 und 1320 dichtende Steirer Ottokar*) 
hat in seiner Reimchronik einzelne Worte und Wendungen dem 
Passional entlehnt, und Heinrich von Mtinchen 6 ) hat sicher das 
Passional benutzt, doch steht hier die Chronologie fiir die einzelnen 
Teile seiner Reimchronik, die leicht spater eingefugt sein konnen, 
nicht f est. So lielsen sich etwa noch andere Dichtungen anf iihren, die 
unmittelbar nach 1300 Beeinfl ussung des Passionals erkennen lassen. 7 ) 

*) Zf dA. 32, 357 ff. 

2 ) AfdA. 14, 42. 

8 ) W. v. Rheinau und sein Marienleben. Strafsburger Diss. 1886. S. 72. 

4 ) Walthers Quelle, die Vita beatae Virginia Mariae et Salvatoris 
rytbmica, wollte A. Jacklein, Programm des K. neuen Gymnasiums in Bamberg 
1900, Hugo von Trimberg zuschreiben und so das Marienleben nach 1310 
ansetzen ; mit Unrecht, wie W. Meyer, Gesammelte Abhandlungen zur mittel- 
lateinischen Rhythmik 1 (1905), 254 nachwies. Vgl. auch Papke, Das Marienleben 
des Schweizers Wernher. Berliner Diss. 1908. S. 26 Anm. 1. Hugo von Trimberg 
hat die Vita, nur gem gelesen und mit Zusatzen versehen. Entstanden ist 
sie noch im 13. Jahrhundert im Siidosten des Eeiches. 

5 ) Seemtillers Ausgabe S. LXXXVIII. CXVIII. 

«) Mafsmann, Kaiserchronik 3, 100. 6081 Vgl. Strauch, ADB. 22, 726. 
') Vgl. P. Heymann, Helwigs Mare vom hi. Kreuz. Berlin 1908. S. 80 
Anm. 1 und S. 97 f . 



89 



Nach alledem diirfen wir wohl fiir das Vaterbuch und 
Passional das letzte Viertel des 13. Jahrhunderts als Entstehungs- 
zeit ansetzen. Diesem Resultat kommt unsere oben gefiihrte 
Quellenuntersuchung entgegen. Das Compendium theologicae 
veritatis und die Legenda aurea sind namlich ebenfalls Produkte 
dieses Zeitabschnittes, und dafs unser Dichter die Legenda aurea 
gleich nach ihrem Erscheinen als willkommene Vorlage heran- 
gezogen hat, lafst sich aus dem unvermittelten Einschalten von 
Teilen daraus ins Vaterbuch leicht vermuten. Leider ist nun 
die Abfassungszeit der Legenda aurea immer noch unbestimmt; 
Haupt nahm, ohne eine Begrundung zu geben, 1275 an, aber 
nach Schroder 1 ) ist nur die Benutzung vor 1294 nachzuweisen. 
Ahnlich verhalt es sich mit dem Compendium, von dem man 
nicht einmal den Verfasser sicher kennt. Nach den neusten 
Forschungen 2 ) ist es Hugo von Strafsburg, ein Dominikaner, 
dessen Todesjahr nach 1303 fallt. Die Komposition des Werkes, 
das dem Dichter Hugo von Langenstein im Jahre 1293 als Vor- 
lage zur Martina iiberbracht wurde 3 ) und dem auch Heinrich 
von Neustadt in seinem wohl urn 1310 4 ) verfafsten Werke „Von 
Gottes Zukunft" folgt, fallt also ungefahr in die gleiche Zeit, 
wie die der Legenda aurea. Demnach steht auch von seiten der 
Quellen nichts unserer Annahme entgegen, dafs unsere umfang- 
reichen Werke, die den Dichter manches Jahr beschaftigt haben 
mogen, noch dem 13. Jahrhundert angehoren. Mit diesem Er- 
gebnis stimmt passend uberein, dafs viele Handschriftenfragmente 
von den Herausgebern um die Wende des 13. und 14. Jahr- 
hunderts, also sehr fruh angesetzt werden. 



») ZfdA. 44, 421. 

2 ) Vgl. L. Pfleger in der Zeitschr. fur kath. Theologie 1904. 28 Jg. 
S. 429 ff. , dazu S. 436 Anm. ; Hist. Jahrbuch der GorresgeseUschaft 26 , 817. 
Hugo von Strafsburg ist wahrscheinlieh identisch mit Hugo Ripelin. 

3 ) Pauls Grundrils 2 2, 223. 

4 ) AfdA. 32, 45 f. 



Beilagen 



aus der Strafsburger Handscbrift 




Vorbemerkung. 



Die Texte geben die Schreibung der Handschrift genau wieder, nur 
sind folgende Andernngen einheitlich durchgeftthrt : 

Der Wechsel von u und v, i und ,;' 1st geregelt, ye der Hs. durch ie 

wiedergegeben. 

Handschriftliches a als Umlaut von a ist mit d bezeichnet, soweit nicht 

die Hs. selbst e schreibt; ebenso ist als Umlaut von 6 statt des 
handschriftlichen 6 stets 6 gesetzt. 

Fiir handschriftliches u = mhd. uo und ue ist 4, fiir handschriftliches 

u = mhd. iu : u im Druck verwendet. 

atv und ew vor Konsonanten sind durch au und eu wiedergegeben. 

Das Schwanken von s und z im Auslaut ist meist nach mhd. Vorgang 

geregelt. 



I 

Nr. 107 (s. oben S. 66). 



I 



Ein vater hiez Euagrius, 
der lert seinen jungern sus 

15175 durch der armen sel zucht: 

1 wildu dein leben zern an frucht, 
swann du bey dir selber pist, 
so samm in dich in der vrist 
zumal all dein leben und sin; 

15180 nim auch zu dir mit dir darin 

deines todes gehug, 
auf daz dein hertz also mug 
bedenkchen dein chranchait, 
so sol der werlt eitelchait 

15185 dir recht sein als ein grub sal, 

swan du bechennst deinen val, 
daz der muz on zweifel chomen 
und dich sol zu der erden 

drumen. 
gedenk auch an den herten tag, 

15190 da nieman sich verpergen mag, 

er muzz vor dem richter stan, 
und wie da chund wirt getan 
eines iglichen tat, 
waz er hie begangen hat. 

15195 daz vestent dich vil ser an got. 

gedenk auch an di arm rot, 
di den fluch da suln nemen, 
wie ser si sich muzzen schemen 
vor got und vor den heiligen 

sein, 

15200 und an ir manigvalt pein, 

di man in schenkt alzu saur 
in dem laiden hellschaur. 
aller trost ist in teur. 
in dem st&ten feur 



15205 hulen und wainen 

sullen di unrainen. 
di vinsternuzz ist da groz, 
vil manig alzu herter stoz 
gibt man da den verworchten; 

15210 in den laidlichen vorchten 

sind si an einander all gram, 
der arm zend grisgram 
peinigt si besunder. 
da ist von jamer wunder, 

15215 do der untotlich wurm 

stat heldet seinen sturm 
mit neidlichem fleiz 
und vart, wi er gepeiz 
di arm sel mit hazz 

15220 und si in sich gevazz. 

waz sol ich davon sprechen me ! 
baide ach, we und o we 
in dem staten purnden se 
mit jamer ist und auch nicht me. 

15225 hi an soltu gedenkchen, 

darauz mit fleizz wenkchen. 
gedenkch auch an daz suzz wort, 
daz got mit f rauden spricht dort, 
daran er sein raine chind 

15230 zu im in di fraud pind, 

di er mit tugenden hat erwelt, 
in dirre werlt ein tail gequelt. 
ir jamer hat da end, 
swann er mit seiner hend 

15235 wischet aller augen tran 

und in der schrein wirt auf- 

getan 
der vollen bechantnuzz. 



15175 arm 15187 muz St(rauch)] nutz 



15223 st&tem 



94 



I 



allererst wirt der mensch gewis, 
daz er unfletig ste vor got 

15240 in der heiligen engel rot. 

eya waz wirt da fraud groz, 
da der mensch bechennet ploz 
manigen tieffen gotes list, 
der im hie verporgen ist! 

15245 da sol di sel in frauden wonen 

und mit alien heiligen donen 
auf daz hochst in gotes lob; 
in suzzem sang swaymen darob 
Cherubynn und Seraphynn, 

15250 di den sang nicht legen hin. 

'sanctus' si stat schrien, 
alle di fursten freien, 
Troni mit gewalt, 
di herschaft manigvalt, 

15255 engel, erkengel und tugent, 

di lobent, als vil si mugent; 
si mugent als vil man sal. 
o welich ein suzzer schal 
da ist von der gemainschaft ! 

15260 si loben got von aller chraft, 

got loben ist ir aller ampt 
baide besunder und entsampt. 
so ist sein Ion di mynn. 
der sind so vil ir synn, 

15265 daz si mit ir sein gar enprant 

und damit an sein lob gewant. 
di suzz drivaltichait 
ir aller frauden chron trait, 
auz der di mynn fleuzzet, 

15270 di sich mit selden geuzzet 

in all gotes holden, 

di got hie mynnen wolden. 
di mynn wirt alda geschankt, 
ein iglich mit ir getrankt 
15275 darnach und hie di synn 

enprant sein an der mynn 
und di beger witer ist, 
di vil wolden loben Crist, 
swi ir iglich wol var, 



15280 swer da chumpt in der seligen 

schar, 
und er der mynn werd vol, 
so muz ich doch sprechen wol, 
daz man mag in ain puten 
vil me guter wurtz schuten 

15285 dann in ein chlain plichsenvaz. 

daruber sull wir merkchen daz, 
sit an des gots gaisten, 
den mynnsten und den maisten, 
di all engel sind genant, 

15290 so grozz herschaft ist erchant, 

di da trait ainer dem andern ob, 
doch alles in dem gotes lob 
deraynig wol und ewenslecht, 
alsam kunig und chnecht 

15295 hi leben in ertrich, 

so muz vil ungelich 
deiswar des menschen Ion auch 



wesen 



? 



di hie ungeleich lesen 
in der mynn widerschrift. 
15300 wan ez chumpt an di hochsten 

gift 
und got daz recht puch auftut, 

daz nu vor uns ist behut 
des lebens puch ist ez ge- 
nant 
allererst wirt offenlich bechant, 

15305 swer hie haizzer ist gewesen, 

wan er mag lauterlicher lesen 
und tieffer greiffen an den grunt, 
daz im got pillich macht chunt. 
ditz solt wir hie dikch 

15310 an des hertzen plikch 

mit nazzen augen merkchen. 
daz mocht uns vil wol sterkchen 
di synn mit solicher chraft, 
daz wir wurden sighaft. 

15315 von allem, daz uns wider ist, 

des helf uns der vil suzz Crist ! ' 



15248 swaynen 15257 lies si lobent? St. 15292 lies alle? 
der aynig = ereinigt 15304 wir 



15293 



95 



II 
Nr. 108 (s. oben S. 46). 



n 



In den Vitae patrum 



Die Selbstandigkeit des Verfassers wird besonders bei 
diesem Abschnitt deutlich, der deshalb mit seiner lateinischen 
Vorlage hier ausgehoben werden m$ge. 
565 b Nr. 7 heilst es nnr: 

Dixit abbas Jacobus : Quia sicut lucerna obscurum cubiculum illuminat : 
ita timor Dei, si venerit in corde hominis, illuminat eum, et docet omnes 
virtutes et mandata Dei. 

Daraus macht unser Dichter: 



Ein rayner vater hiez Jacob, 
des hertz ie stund auf gots lob, 
daz tugent an im worcht. 

15320 des ray n en gotes vorcht 

lert er mit fleizz balden 
di jungen und di alden. 
er spracb : ' da man nicht siecbt, 
treit man darin ein schon liecht, 

15325 da wirt erlauchtet, waz da sey. 

hie sol man recht merkchen pey : 
ein vinster hertz, ein tunchel 

mut, 
daz der sunden uberflut 
bedekcht mit dem nebel sein, 

15330 daz der genaden sunnenschein 

von got ez nicht erlauchten 

pfligt, 
ist, daz di vorcht alda gesigt 
und der mensch an sich nimpt, 
di laucht, als ir wol gezimt, 

15335 in dem hertzen mit ir feur, 

daz ain sundenseur 
sich nindert da verpergen chan, 
si enzaig si dem man 
und rat im, daz er peicht 

15340 und sich davon entleicht. 

er hat werlichen recht: 
ist ein mensch wol der sunden 

chnecht, 
wirt er in gotes vorcht beliben, 



di sund ist schir hin vertriben 

15345 und chumpt got im darin 

mit liechter genaden schin. 
ditz pringt im gotes vorcht gar, 
wirt si ruren in furwar. 
als di morgenrot aufgat, 

15350 zuhant der tag sich schawen 

lat, 
darnach chumpt der sunn glantz, 
di den tag erlaucht gantz 
mit irm liechten plikch, 
ob der wolken dikch 

15355 sich nicht dazwischen uben, 

di in beweilen truben. 
gotes vorcht mit irer not 
ist di liecht morgenrot, 
di der hoffnung tag 

15360 gewis dem hertzen pringen mag ; 

so chumpt di lauchterynn, 
di sunn rechter mynn, 
di pringt ir fraud volkomen; 
wirt ez ir nicht undernomen 

15365 von des teufels zweiflung, 

so wirt di lauchtung 
susz und lobsam. 
secht, als nutz ist der stam 
der vorcht : wer darauf propf et, 

15370 daz im sein hertz chlopfet 

vor vorchten und biben muz, 
dem wirt wol aller such puz.' 



96 



in 



m 

Nr. 135 (s. oben S. 47). 

Die Verse 2149—2188 sind bei Franke gedruckt und dort 
einzusehen. Die Stelle geht zuruck auf Vitae patrum 594 b Nr. 1, 
wo es folgendermafsen heifst: 



Contigit aliquando 



in congregation e abbatis Eliae tentatio, et 



expulsus inde, abiit in montem ad abbatem Antonium. Et cum mansisset 



aliquanto tempore apud eum, remisit eum 



congregationem unde exierat 



Illi autem videntes eum, iterum expulerunt: qui similiter perrexit ad abbatem 



Antonium, dicens: 'Noluerunt me susciper 
dicens : ' Navis naufragium tulit in pelag 
et cum labore vacua navis nerducta est ad 



et 



Misit ergo senex ad eos 
idit onus quod portabat, 
as ersro liberatam navim 



in terram vultis submergere?' Illi autem cognoscentes , quid eum abbas 
Antonius remisisset, statim susceperunt eum. 

Demgegeniiber lautet die Quelle von Stuck 135 in den Vitae 
patrum 584* Nr. 19 folgendermafsen: 

Venit quidam vir magnus ignotus, portans secum aurum in Scithi, et 
rogabat presbyterum eremi, ut erogaretur ad fratres. Dixit autem ei pres- 
byter: 'Non opus habent fratres.' Et cum nimis esset vehemens, et non 
acquiesceret , posuit sportam cum solidis in ingressu ecclesiae, et dixit pres- 
byter: 'Qui opus habet, tollat.' Et nemo tetigit; quidam autem nee aspexerunt. 
Et dicit ei senex : ' Suscepit deus oblationem tuam ; vade, et da illud pauperibus.' 
Et valde aedificatus discessit. 



Der deutsche Text lautet 

Scithii ein gegent hiez, 
da was der rechten tugent fliez 
an manigem rainen munich gut, 

17270 der hertze, sin und auch mut 

an got mit st&tem vleizz prach. 
zeimal man dar chomen sach 
einen man, der was got hold, 
baide silber und gold 

17275 pracht er dar auf guten sin 

und pat ez di alten tailen hin, 
als sein iglichen war not. 
sein anttwurt im do pot 
ein rain prister, der da was, 

17280 durch got er sang und las, 

der sprach zu im in der vrist: 
'den prudern ungeholfen ist, 
daz man in gibt solichz gut. 



zu ewiger reichait stet ir mut, 
17285 des durffen si nicht dirre hab.' 

der gut man liez nicht ab, 
vil hertichlich er gert, 
daz er in gewert 
und sein gut den prudern hin 
17290 zutailt, des pat er in. 

do der prister gesach, 
wie gentzlich an im auzprach 
sein vil milter mut, 
do lait er daz selb gut 
17295 nider fur di chirchtur, 

da di pruder all fur 
solden in und auzgan. 
sus sprach zu in der rain man : 
' swer des bedarf, der mag sein 

nemen 



17280 er] in 



97 



17300 als vil, als in des wil gezemen/ 

nu was di gemainschaft 
so reich an der mynn chraft, 
di si zu got haten, 
daz si ditz gut versmaten, 

17305 wan ir dhainer wolt 

mit silber noch mit golt 
bechumern seinen sin 
durch di gotes mynn, 
di zu got manger trug. 

17310 ir was joch under in genug, 

di ez so arm bechanten, 
daz si dahin nicht wanten 
ir augen, ez zu sehen an. 



prister 



in 



17315 



gutes 



der gantz 



gut 



sach : 



'guter man, daz opfer dein 
hat got an den prudern mein 
hart vollichlich genomen; 

17320 nu soltu mit dem gut chomen 

zu armen lauten ; tail ez paz in, 
daz ist an tugent dein gewin.' 
do tet er, als er im geriet; 
mit dem gut er dannen schied. 

17325 vil ser er der selben vart 

gepessert an den prudern wart. 



IV 
Nr. 158 (s. oben S.43f.). 



Ein alter vater sprach hivor : 

19560 ' du solt haben dein hertz enpor 

auf den wol geplumten perg, 
den di tugenthaften werg 
gehauffet und geplumet haben, 
ob du nicht in den pful wilt 

snaben, 

19565 der in dem tal fleust 

und auz der sund erdeust. 
wer durch den pful wil dik 

waten 
und an gelusten sich gesaten 
werltlicher unflat, 

19570 dem wirt di wunnichlich wat, 

die er solt an di prautluf t tragen, 
da Crist wil seiner praut be- 

hagen, 
besult von der werlt hor, 
daz er muz beleiben alda vor 

19575 mit den funf junchfrawen, 

di nicht vorbeschawen 
wolten irs hertzen chunst. 



17308 myn 19594 iuchfrawen 



wol im, wer hat di vernunst, 
daz er bewart sein wat 

19580 und auf des pergs hoch gat, 

da in irret nicht der schumpf; 
dem mag der sin nicht wesen 

stumpf. 
er siecht verre und vil 
in der h5ch, wa er wil, 

19585 di sunn, der genaden schein 

erlaucht wol di augen sein, 
wan si in hat in haizzer pfleg. 
swer alsus wandert an dem weg 
durch got auf hoher tugent 

19590 in alter oder in jugent 

und ie mit allem vleizz 
bewart der chlaider weizz, 
der sol an frauden schawen 
mit den chlugen junchfrawen 

19595 den prautgam und di praut, 

da Jhesus, der sel traut, 
in volchomer frauden leben 
iglicher selen sich wil geben.' 



IV 



Heraaea VII. 



7 



9a 



v 



v 

Nr. 175 (s. oben S.43f.) 



Ein alter vater sprach durch 

gut: 
20810 'setz also deinen mut: 

swann du des morgens aufstast 
und deinen slaf enpfangen hast, 
so gib sel und leib entsarabt 
besunder iglichem sein ampt. 
20815 sprich zu dem leib, 

daz er stat beleib 
durch got an der arbait, 
darab di notdurft ist berait, 
und daz des fleisch eitelchait 
an gelust werd hingelait. 
sprich zu der sel: o sel mein, 
du solt nuchtern heut sein, 
du solt dich nicht vertrenkchen, 
ob leicht dir wil schenkchen 
dein veint, der teufel, sein 

trankch, 

dem doch ie volgt pitter stankck. 

nim sein nicht, la darab, 

daz got icht deinen namen schab 

von dem lebenden puch. 

pis in stater ruch, 

wie du daz himelerb dort 







besitzest und den reichen hort, 

der dein wart all tag 

und den dir nach der schrift 

sag 1 ) 
got, dein herre, hat berait 
mit endtloser statichait. 
di feint slichen taugen. 
hutt deiner augen, 
so mag dein val sein bewart. 

20840 do nach veintlicher art 

Samsan der augen wart geplant, 
do liessen si in sazehant 
durch irn spot di quirnen zien. 
sus mocht auch du nicht entflien 

20845 den feinden, des seist gewis; 

verlastu di bechanttnis, 
daz si daran dich plenden, 
zehant si dich schenden 
mit stater unstatichait, 

daz ie dein hertz ist bewait 
recht als ein geendtz mulrat, 
daz seins lauffes pflat 
statichlich muz umgan, 

als ez durch lauff ist angelan.' 




VI 



VI 
Nr. 200. Eigene Betrachtungen des Dichters (vgl. oben S. 43 f .) 

Von der diemut. 



Loyca ist ein tiefe chunst. 
ir ist hart gut begunst 
22625 dem, der zu chunsten wil. 

chan der der loyca e vil, 
welher chunst er darnach gert, 
der wirt er dester paz gewert. 



si ist ein weg zu aller chunst, 
22630 wan si herscheft di vernunst. 

an werltlichem preis 
wirt man von ir weis 
und ein maister genant, 
als an inanigen ist erchant. 



20819 fleisch = fleisches 



20844 mocht 



maht 



20852 lies pfat? 



*) 1. Peir. 1, 3— 5 und dfter. 



ill 



99 



22635 wer an der tugent preis 

well auch werden weis 
und namhaft zu got hin 
und an gaistlichen sin 
sein hertz well praiten, 

22640 den sol ein chunst laitten, 

di hat genaden also vil: 
zu welher tugent ein man wil, 
der mag wol gewinnen, 
wil er ot di chunst mynnen, 

22645 si geit im eines maisters stat. 

di chunst ist ein gewerlich pfat 
zu aller gaistlicher chunst. 
wer auch darf der begunst 
an ir chunstlichem frumen, 

22650 der sol chaum werden volchomen 

und eines maisters stat haben 
an der tugent puchstaben. 
di chunst ist aller seld ein plut, 
man nennet si di diemut. 

22655 auf ertrich si ist nicht erdacht, 

wan si wart von himel pracht. 
von der mynn gepot 
erhub si sich aldort von got 
nach der warhait sag, 
do der alt der tag 
sich verjungt also gar. 
an ir des man wol wart gewar 
an dem suzzen chind, 




daz vor dem rind 

22665 und vor dem esel da lag, 

da sein vil grozz diemut pflag. 
sus vind wir den Urhab, 
wa sich di chunst auzgab, 
gotes sun, Jhesus Crist, 

22670 der diser chunst ein maister ist, 

der spricht : ' lert von mir den sin, 
wan ich diemutiges hertzen pin.' 
diemut ist so fruchtsam, 
daz si wil sein gehorsam 

22675 in rechter diemut. 

si hat auch di gut, 
daz si niemant versmat. 
ir suzz hertz, daz si hat, 
leret si stat prinnen 
in des nachsten mynnen 
durch got, der daz feur ist. 
si hat auch di grossen list 
durch di lieb des frides, 
daz si wol hutet des gelides, 

22685 daz di zung haitzet 

und manigen werren raitzet. 
waz sol ich nu me sprechen! 
wer sich selben prechen 
an der diemut wil durch got, 
der mag der tugent gepot * 
mit gotes hilf erchunden 
und vil tief ergrunden. 



VI 





vn 

Aus Nr. 245 (s. oben S. 50). 



VII 




Do sprach di stymm : ' ich pin 

ez got, 

Jhesus Cristus, des gepot 
von ersten liez gewerden 
den himel und di erden. 
ich pin der, der gemachet hat 
der werlt ring, der umbe gat, 
und daz firmament, 
36900 di planeten an ir rent, 

di h&ch und auch di prait, 
und der di leng auz lait, 



di tauff der abizz, 

daz liecht der vinsternizz 

36905 und waz begriffen darynn wont. 

an meiner chraft sein leben dont, 
wan ich herre pin darob; 
• ich macht zu meinem lob 
den menschen von der erd, 

36910 do viel er vil unwerd 

in sundig leben, daz er traib, 
daz ich sein unfreunt lang be- 

laib. 



22648 wenn darf = darbt, dann erwartet man aber auch noch fur auch; 



oder schrieb S wer auch fur swer? St. 



7 



* 



100 



VII 



ich pin ez, der von himel cham 
und di menschait an mich nam 

36915 und durch menschlichez hail 

mein leben trug zu marter vail 
und auch auf der selben vart 
umb dreiszik pfennig wart 
meinen veinten verchauft. 

36920 ich wart geslagen und gerauft, 

gevillet und gehonet, 
mit dorn gechronet; 





mein leben wart durchprochen, 
zuslagen und durchstochen 
wart ich an des ehrautzes not. 
zu jungst nam mich der tot; 
idoch an dem dritten tag 
erstunt ich sunder all chlag; 
ich fur zu himel und gesaz 
mit volgewalt furbaz 
zu meines vater zesin hant . . .' 



VIII 



VIII 
Nr. 248 (s. oben S. 48 ft). 

Hie hebt sich an daz jungst urtail nnd die zaichen, di 

da geschehen sullen. 



Got 1 ), der himel und erden 
zum ersten liez werden, 

40085 luft, feur und flut, 

als in selber daucht gut, 
die vier elament, 
der daz firmament 
macht und umb lauffen hiez, 

40090 di liechten stern darein stiez 

zu der gezird volport, 
des gepot, des chraft, des wort 
ir chlarhait der sunnen gab 
und hiez enpfangen sich darab 

40095 den man an sein gelaucht, 

der in trug und in faucht 
geschuf tier und visch 
nnd vogel in lebender vrisch 
mit seiner weishait, 

40100 der di leng und auch di prait, 

di hoch und der abissen lauf, 
der den menschen beschuf 
und alien creaturen ob 

zu herren satzt in seinem lob, 
40105 der selb got der starkch, 

der mit gewalt di arch 



bewart in der sintflut, 

der wol mit chref ten hat behut 

di Israhelen manger weis, 

40110 wan er in seines gelauben preis 

an propheten und an weyssagen 
verhangt untz zu den tagen, 
daz er si durch irn valsch verlos 
und im ein neu volk erchos 

40115 an rechtem gelauben scharf 

und den ein neu chlait anwarf 
mit des tauffes und 
ditz was in der stund, 
do er auz der engel roten 

40120 fur sich nicht wolt senden poten, 

der im war ein tolk 
gen disem newen volk. 
so recht lieb wolt er ez haben, 
als darnach vollig wart entsaben : 

40125 di mynn er zu hilf nam. 

damit er auf ertrich cham 
in menschlichem pild; 
der reich got, der mild, 
lie sein tugent schawen. 

40130 von einer junchfrawen, 



Bote Uberschrift 40096 f auch 40110 er] an seines] lies raines ? St. 



40119 poten 



) Vers 40083 — 40183 ist eigene Dichtung: die Heihgeschichte des alien 



und neuen Bundes. 



101 



im sunderlich auz erchorn, 
wart er zu der werlt geporn 
in hart groszer armut. 
do wuchs di cristenlich pint 

40135 an im nnd an den andern, 

di mit im pflagen wandern 
und mit im seinen samen 
sawten, wa si chamen. 
sus pflantzt er sein gertelein, 

40140 Christus, der lieb herre mein, 

untz dahin, da er wart verchauf t, 
paide geslagen und gerauft, 
gechronet mit scharffen dorn, 
als im die verlorn, 

40145 sein veint, gunden. 

an einer sanl gep widen, 
wart er mit scharffen gerten 
und mit riemen herten 
gevillet, untz im prach di haut. 

40150 als ein verrater uberlaut 

wart er da beschriet, 
an im wart verspiet 
sein schon antlutz, daz nu treit 

des himels hochst chlarheit. 

40155 darnach er an den weg trat. 

als man in traib auz der stat, 
so groz was ir unfug, 
daz er sein chrautz selber trug. 
swie ser er was verchrenchet, 

40160 do wart er gelenchet 

zu des chrautzes orten, 
daz sit des himels porten 
mit groszen freuden entsloz, 
wan er daran mit jamer goz 

40165 manig plutvarben pach, 

do man in durch sein leben staeh 
und an daz chrautz sperret, 
seinen leichnam so weit zerret, 
daz er darauz must gar sein leben 

40170 durch not in den tod gegeben. 



Alsus hanget er vor dir! 
mensch, siech an, gelaub ez mir, 
des mag nicht werden rat, 
waz er durch dich geliten hat, 

40175 daz wil er vodern mit chlag 

an dem greulichen tag, 
der allez daz erzittern mag, 
waz da sol dulden seinen slag, 
den swarn fluch, den laiden, 

40180 als ich eu wil beschaiden 

churtzlich nach der schrift. 
als uns sagt des gelauben stift 
in christenlicher weishait: 
vor 1 ) dem tag der jamerchait 

40185 sullen di elament 

entwaichen von ir rent, 
der si pflegen nach irer art. 
so scharf, grimig und so hart 
wirt des richters chunft, 

40190 daz di ding joch on vernunft 

vor im den zorn chunden, 
den er hat gen sunden. 
auch 2 ) chumpt ein swarer uber- 

last 
der cristenhait, ein laider gast 

40195 den, di sund handeln 

und irn gelauben wandeln. 
di wil got sus uberladen 
mit emem hart groszen schaden 
an dem Antecrist, 

40200 der mit vil hoher list 

di laut von got pringet. 
des auch got verhenget 
durch der laut sund 
zu einem urchund, 
daz man besech, wer in der not 
bei got ste untz in den tot. 
der selb manhaft man 
wirt sich durch valsch nemen an 
in des teufels gepot 



vni 




40171 rote Initiate 



40177 den 



*• 



*) Vers 40184—40192 Uberleitung. 

*) Zu Vers 40193 — 40332 vgl. Adsos LibeUus de Antichristo (Migne, 
Patrologia Latina CI , 1289 ff .) und einzelne Stellen aus dem Compendium 
theologicae veritatis Liber VH. Adso: Omnipotentem Deum se nominabit 



102 



VIII 40210 und sich nennen zu einem got 

des himels und der abgrund; 
mit dreierhand urchund 
wil er daz bedauten 
allerhand lauten. 

40215 gewalt, gut und wunder, 

hiemit trukcht er under 

waz nicht bevestet ist an got; 
seines gewaltes gepot 
und seiner frechen untat 

40220 lutzel ieman widerstat. 

dort und hie daz chrankch laut 
mit reicher gab er uberzeut. 
die freyen on gewalt, 
paide jung und alt, 

40225 machet er reich gutes 

und darzu freyes mutes, 
wan er in urlaub allezeit 
und freihait irs willen geit 
sunder leidens widersatz. 

40230 im wirt gar offenbar der schatz, 

wa er iendert ist begraben; 
des nimpt er, waz er sein wil 

haben. 
an begebenen lauten 
wirt er gar bedauten 



40235 sein gotbait besunder; 

mangerhand wunder 

weiset in der ungeheur. 

prynnent flamen on feur 

lat er von oben vallen, 
40240 er sitzet vor in alien 

in dem tempel an gotes stat, 

wa di pilt sein gesat 

yon holtz oder stain. 

den gibt der unrain 

40245 gewalt, daz si sprechen; 

alsus wil er zuprechen 
mit des teufels spot 
des menschen hertz von got. 
ditz verhenget allez got, 

40250 daz sein weislich gepot 

wizz, wer bey im geste 
und auch wer im abge. 
wer unselig vor was, 
den hat vil drot Sathanas 

40255 verchart mit dirre weishait, 

swer aber ein vestz hertz trait, 
dem wil gotes gut 
sterkchen sein gemut. 

Methodius, ein heilig man, 
40260 den het got wizzen Ian 



40233 begebenten Mit Vers 40259 beginnt F, Bl. 100 «: Das buch von 
dem jungisten tage; rote Initiate S 



(40210) 



Eriget itaque se contra fideles tribus modis, id est terrore, 



muneribus et miraculis. Dabit credentibus in se auri atque argenti copias, 
tempore enim eius omnes absconditi thesauri revelabuntur. Quos autem 
muneribus corrumpere non potuit, terrore superabit; quos autem terrore 



non poterit, signis et miraculis seducere tentabit 



(40212 




Adso: Faciet quoque signa multa et miracula magna et inaudita. Faciet 



ignem de coelo terribiliter descendere 



suam sedem in templo sancto 



parabit (40233 — 40241). Compendium: Magica arte statuam faciet loqui 
(40242 — 40245). Adso: Tanta vero, sieut ait dominus, tunc erit tribulatio, ut 



in errorem ducantur 



si fieri potest 



etiam electi. Haec autem omnia 



miracula omnibus modis per incantationes diabolicas falsa erunt, peccatoribus 



et incredulis videbuntur vera (40246 




Adso: Tunc exsurgent ab 



Aquilone spurcissimae gentes, quas Alexander rex inclusit in Goch et Magoch. 
J)azu vgl. Compendium: De Gog et Magog dicunt quidam, quod sint decern 



tribus intra montes Caspios clausae 



Has (sc. gentes), dicunt Iudaei, in 



fine exituras et venturas in Jerusalem et cum suo messia ecclesias destructuras 
(40259 — 40281). Adso: Quod (sc. das Hereinbrechen von Gog, Magog und den 



103 



von der werlt end. 

zwo diet unbehend, 

sprach er, ale ich han yernomen, 

di sullen fur Antecristo chomen, 
402G5 di ain ist gehaissen Gog 

und die ander Magog, 

mit pergen sind si nn verlait. 

di wellen di rain en cristenhait 

verderben und berauben 
40270 an reich und an gelauben. 

si s tell en als groszen mort, 

daz vor nie solicher wart erhort 

in der rainen cristenhait. 

si erpieten michel smachait 
40275 gotes mttnstern, swa di sein, 

wan si ire pferd pinden drein. 

di roten juden haist man sie. 

als si dort und hie 

des jamers vil getreiben, 
40280 so wil noch Ian becleiben 

got die seinen cristen. 

mit gewalt und mit listen 

gesiget romisch reich 



nnd treibt si allgeleich 
40285 von seinen landen hie und da. 

darnach fngt ez sich isa, 
daz durch di groszen signunft 
der kaiser tut ein kunft 
zu Jherusalem und tankchet 

got, 
40290 daz er im gegen der valschen 

rot 
geholfen hat so schon; 
er nimpt des reiches chron 
und opfert si dem chrautz hin. 

darnach, als ich geweiset pin, 
40295 so chumpt der valsch Endecrist 

zu der chronen, da si ist; 
er setzt si auf sein haupt, 
vil mangen er beraubt 
rechtes gelauben, wan er sagt, 
40300 er sey geporn von einer magt 

chausch und rain, 
di teufel allgemain 
helfen im mit groszer chunst, 
des wirt greulich sein begunst. 



vin 



40264 endecriste F 40271 also F 40272 vor fehlt F 40278 si 
fehlt F 40280 becliben F; beiben 8 40286 sich fehlt F 40290 keyen F 
40294 bewiset F 



roten Juden) cum audierit Bomanorum rex convocato exercitu debellabit eos et 
prosternet eos usque ad internecionem . . . Bex Bomanorum omne sibi vindicet 



regnum terrarum . 



Unus ex regibns Francorum Bomanorum imperium ex 



integro tenebit, qui in novissimo tempore erit ; et ipse ad ultimum Hierosolymam 
veniet et monte Oliveti sceptrum et coronam suam deponet. Hie erit finis et 
consummatio Bomanorum et Christianorum imperii, secundum praedictam apostoli 
sententiam Antichristum dicunt mox adfuturum. In ander en Worten wiederholt 
Adso dasselbe noch einmcU: Veniet Hierosolymam et ibi, ut dictum est, deposito 
diademate relinquet Deo Patri et filio eius Christo Jesu regnum Christianorum 



(40282—40293). Adso: 



et Filium Dei omnipotentis se esse mentietur 



Se extollet, ut in templo Dei sedeat, ostendens se tamquam sit Deus 



dicens : 



ego sum Christus vobis repromissus, qui ad salutem vestram veni, ut vos, qui 
dispersi estis, congregem et defendam. Ante eius (sc. Antichristi) exortum duo 
magni prophetae mittentur in mundum, Enoch et Elias, . . . et confortabunt . . . 
haec autem tarn terribilis et timenda tribulatio tribus annis et dimidio manebit. 
Etwas anders lautet eine zweite Stelle bei Adso : Postquam ergo per tres annos 
et dimidium . . . 



. . . compleverit, mox incipiet excandescere Antichristi persecutio, 
et contra eos (sc. prophetos) primum sua arma corripiet eosque interficiet 

(40294—40314). 



104 



VIII 40305 di laut er alsus vellet, 

michel not er stellet. 
Helias und Enoch, 
di got hat behalden noch, 
di ehomen zu im in den tagen 

40310 undwerdenauchvonimerslagen. 

di not stellet er furbar 
vollen vierdhalbz jar, 
daz er sprichet, er sei got 
und hab gotlich gepot. 

40315 drei tag tut er, sam er sey tot, 

und erstet von aller not 
wider auf, als er seit. 
darnach wil er mit freihait 
von Sion dem perg vara 

40320 zu himelrich on allez sparn 

als ein gewaltiger got. 
sus wirt sein leben gar ein spot 
vor alien seinen volken. 
von himel in den wolken 

40325 erschillet da ein stymm 

ob im in groszem grymm, 
di in durch sein sund 
slecht in daz abgrund. 
ditz ist ein not mit groszer chlag, 

40330 di vor dem jungsten tag 

auf di laut ehomen sol 
durch mangerhand sunden vol. 
Jeronimus 1 ) der gut man, 
der mit vleizz was daran, 



40335 wie er pracht in daz latein 

di schrift, di judisch was gesein 
und von gotes wundern sprach, 
zeimal vand er, als er jach, 
funfzehen grosze zaichen, 

40340 di sich sullen erraichen, 

e der tag des laides chiim, 
der posen slag, der guten frum. 
als gots urtail sol geschehen, 
zum ersten, spricht er, ez wirt 

gesehen, 

40345 daz sich daz mer erdeuzzet 

und als ho auf scheusset; 
uber der perg h&ch enpor 
get ez viertzickch chlafftera vor 
und stet als ein maur. 

40350 wider sein natur 

stet ez gut weil alda. 
daz ander zaichen get darna, 
daz an dem mer auch geschiecht. 
ez sinkchet, daz man ez chaum 

siecht, 

40355 sus trakchet ez sich hin zu tal. 

daz dritt zaichen wesen sal, 
daz iglieh merwunder, 
di e tukchten under, 
di ehomen alzumal vor 
auf daz mer ho enpor. 
si ludimen und lymmen 
mit greulichen stymmen. 




40310 derslagen F 40315 er tut F 40322 sein S 40327. 40328 



sunden 



abgrunde F 



40331 uber F 



40332 fehlt F lies sal : val? St. 



40333 rote Initiate F; blaue Initiate S 



40337 wunder F 



40344 die 



Mehrzahl der 15 Vorzeichen ist dv/rch eine rote Initials markiert F wird F; 



wir S 



40345. 40346 erguzet : ufschuzet F 



40347 renpor F 




alsam F 40353 schit F 40354 ab synket F gesit F 



Compendium: Item per artem magicam simulabit se mortuum . . . et 
sic putabitur ab hominibus resurrexisse , qui prius mortuus putabatur . . . 
Sicut enim finget se a mortuis resurgere, ita etiam finget se ad coelum ascendere. 



Adso: Dominus interficiet spiritu suo 



in monte Oliveti (40315—40332). 



*) Vers 40333 — 40463 vgl. mit Legenda aurea S.7L: Hieronymus autem in 
annalibus Hebraeorum invenit XV signa praecedentia iudicium (40333 — 40343). 
Prima die eriget se mare XL cubitus super altitudinem montium stans in loco 
quasi muras (40341—40351). Secunda die tantum descendet, ut vix videri 
possit (40352 — 40355). Tertia die marinae beluae apparentes super mare 



dabunt rugitus usque ad coelum 



(40356—40362). Quarta ardebit mare et 



105 



daz vierd sus sich schawen 

tut: 
mer und allerhant flut 
40365 prynnet als ein durrez stro. 

daz funft zaichen chumt also: 
ein iglich chraut, ein iglich 

panm 
gepirt auf im plutigen danm, 
daz nu tau des morgens 

treit. 
40370 auch geschiecht, als man seit, 

in des funften wunders zil, 

A 

daz sich ein iglich vogelspil 
nach seiner art zu samen zeut, 
zu velt von den stauden 

fleut; 

40375 si trinkchen noch ezzen, 

sus werden si besezzen, 
wan si furchten di not 
und den chunftigen tot, 
den si got dann wissen lat. 

40380 als daz sechst zu gat, 

so vellet in der selben vrist, 
waz gepaus auf erden ist. 
zum sibenden di stain 
stossen sich gemain 

40385 mit michelni geprast 



wider einander vast, 

des iglicher gemeldet 

in vier stukch speldet. 

in der not ein iglich stain 
40390 und die stukch allgemain 

zusamen noch sich stozzen 

an geludmen grossen. 

di acht wundrung 

wirt ein erdpidung 
40395 gemainchlich in der werlt so 

groz, 

daz nieman irn herten stoz 

danne mug erleiden 

und valles sich vermeiden. 

an dem neunten zaichen 

40400 beginnet sich erwaichen 

ein iglich perg und zerget, 
daz wol geleich die erd stet. 
daz zehent ich eu bedaut: 
secht, so chomen die laut 

40405 auz den holern gekrochen, 

swa si warn versloffen. 
di selben, di noch sein beliben, 
di gen zitern und piben 
und haben der macht nicht so 

vil, 

40410 daz ainer sprech, ob er wil. 



vin 



40363 sich sus F 



burnet F 



F 



40367 crut Teinl F 



40373 sin F 40374 puschen F 40375 entrynken F enezzen F 



40377 



vruchten F 



40382 geboudes uf der F 



40383 zu S 



40390 stucker F 



40392 lies in ? St. 40394 ertbibunge F 40396 hertzen S 40397 darinne 



mugen liden F 
40403 sehent S 



40398 vallens F 
40404 do F 




in F 



40401 zcurget F 




holren grecrochen F getroffen S, 



vgl FranJce S. 95 40407 gebliben F 40408 gen noch F 



aqua (40363 — 40365). Quinta arbores et herbae dabunt rorem sanguineum : in 
hac etiam quinta die, ut alii asserunt, omnia volatilia coeli congregabuntur in 
campis, unumquodque genus in ordine suo, non gustantia, nee bibentia sed 
vicinum adventum iudicis formidantia (40366 — 40379). Sexta ruent aediiicia . . . 
(40380 — 40382). Septima petrae ad invicem collidentur et in quattuor partes 
scindentur, et unaquaeque pars, ut dicitur, collidet alteram . . . (40383 — 40392). 
Octava net generalis terrae motus, qui adeo erit magnus, ut dicitur, quod 
nullus homo, nullum animal stare poterit, sed ad solum omnia prosternentur 
(40393 — 40398). Das neunte Zeichen feftlt in Grasses Ausgabe. Decima exi- 
bunt homines de cavernis et ibunt velut amentes nee mutuo sibi loqui poterunt 
(40403 — 40410). Undecima surgent ossa mortuorum et stabunt super sepulcra 





106 



VIII 



an des aynleften urhab 
tut sich auf ein iglich grab, 
wa die laut warn 
begraben vor manigen jarn; 

40415 und daz gepain erbebet sich 

herauz allgemaincblich. 

ez stet ob der erd 

nnd peitet, wan ez werd 

erqniket wider in daz leben. 
40420 da muz ein iglich erd geben 

wider des gepaines pflicht, 

ez sey verfaulet oder nicht. 

so muz daz zwelft zaicben 

an firmamentum raichen. 
40425 da hin ez sich gesellet, 

wan ez di stern vellet; 

ez wirfft si nider, als der 

wint 

di paumplat, als si durre sint. 

in des selben wunders zeit 
40430 uber all di werlt weit 

get auf daz veld ein iglich vie, 

ez sey dort oder hie, 

da ein iglichez luet, 

nach seiner art sein schreien 

tuet. 
40435 ez entrinkchet noch izzet, 

des ez gar vergisset 

durch di not, di im dann entstat, 






wan im der tot zu gat. 
in dem dreitzehenden mal 

40440 so nimt des to des qual 

di laut, waz der lebendig ist; 
di sterben all in der vrist, 
auf daz si mit den andern 
geleich wider wandern 

40445 und gemainchlich era tan. 

als daz zaichen ist ergan, 
so chumpt auch darunder 
daz viertzenent wunder, 
in dem got saubern wil den 

luft 

40450 von der valschen guft 

und von aller sunden schimel. 
di erd prynnet und der himel 
under der wonung 
der heiligen ordenung, 

40455 di saubrung nicht bedarf, 

wan si sich nie zu sunden warf , 

an der tugenthaften rot, 

di volchomen ist vor got. 

darnach chumpt daz lest: 

40460 so got machet vest 

nach seines lobes werd 

neu himel und erd 

in fraudenbernder wunn, 

so erstet alz menschen chunn 

40465 an 1 ) daz urtail vor got 



40411 eliften F 



40413 swa F 



uber F 



40417. 40418 erden : werden F 



40414 manchen F 



40417 



40420 daz F 



40424 aus dem 



firmament S 



40427 sam F 



40433 daz F 



40434 eyn ieclisch tut F 



40435 enizzet F 40437 durch not F 40441 lebende, von spaterer Hand 



in lebendec geandert F 



40445 gemeilich F 



40449 di luft F 



[der] valscheften F 40452 burnet F 40457 lies und d. t. r. ? St 
vollen kumen ist zcu gote F 40463 an F frawden prinnender S 



do F 



al menschlich F 



40450 
40458 
40464 



ab ortu solis usque ad occasum, ut inde mortui exire valeant (40411 — 40422). 



Duodecima cadent stellae 



• • 



In hac etiam die dicitur, quod omnia animalia 



venient ad campos mugientia nee gustantia nee bibentia (40423 — 40438). Tre- 
decima morientur viventes, ut cum mortuis resurgent (40439 — 40445). Quarta 
decima ardebit coelum et terra (40446 — 40458). Quinta decima fiet coelum 
novum et terra nova et resurgent omnes (40459 — 40464). 

J ) Vers 40465—40480 tfbergang sum Jungs ten Gericht, 



107 



nach seines willen gepot, 
als der chlar engel gots 
ein urchund seins gepots 
gar sunder gerann 
40470 daz herhorn, di pnsann, 

offenlich erschellet, 
so daz der don ervellet 
alien toten in den sin; 
mit solichen worten chumpt er 

bin: 

40475 l wol auf , wol auf ir toten gar, 

nemt gotes urtail hent war!' 
zuhant ein iglich erstat. 
der gut mensch vil freud 

enpfat, 
der sunder betrubet wirt, 

40480 wan er gute werch verpirt. 

Do 1 ) daz gestul ist berait, 
als Daniel hat gesait, 

daz sind die himeltron 
so wil hart schon 

40485 Jhesus mit seinen heiligen 

chomen, 
als ich di schrift han vernomen, 
in einem liehten wolkenschein, 
als er vor den jungern sein 
hie bevor auch auf fur 

40490 zu himel von der werlt flur. 



sus chumpt er in den wolken VIII 

wider zu den volken. 

so tailt der kunig in zwo schar 

als snel di laut gar, 
40495 recht als einer praen slag. 

so ist erjaget der bejag, 

waz iglich er mag erjagen, 

wan, als ich hSr die schrift 

sagen, 

daz urtail ist alda volant. 
40500 si sten zu iglicher hant, 

die lieben und die laiden, 

daz Crist si wil beschaiden 

jen in den tod, dis in daz leben. 

daran wil er urchund geben, 
40505 durch waz jen sind verlorn, 

wa mit auch dis sind erchorn. 

Da sten zu der rechten hant 

vor got 

zwo hart loblich rot; 

der ainen wil er ewig leben 
40510 mit urtail offenlich geben, 

als ich eu paz bedaut. 

daz sint di guten laut, 

di mit rainem mut 

in der werlt gut 
40515 mit sturm gen den sunden 

leben 



40471 offenlichen F 



40478 vreude hat F 



40481 rote Initiate F8 



getreit F 
also F 



40484 [so] vil harte schone F 
40496 ist erjagetj er begangen F 



40487 eyne F 



40494 



Mit 40497 schliefst F 



40507 rote Initiale S 



*) Vers 40481 — 40658 vgl. mit Legenda aurea: De adventu Domini, 



S. 8 , 20 ff . : Primum est disceptatio iudicis. Iudex enim 



• * 



descendet et 



bonos et malos iudicabit, bonos a dextris et malos a sinistris statuet. S. 9, 8 ff . 
uber die differentia ordinis: Nam sicut dicit Gregorius: in iudicio quatuor 
erunt ordines, duo ex parte reproborum et duo ex parte electorum. S. 9, 
14 ff.: Alii iudicantur et regnant, sicut viri perfecti, qui alios iudicabunt, 
non quod sententiam ferant, quia hoc solius iudicis est, sed dicuntur 
iudicare, id est, iudicanti assistere: Et ilia assistentia erit primo ad 
sanctorum honorem. Magnus enim honor erit cum iudice sessionem habere 
(40481—40540). Vers 40495 recht als einer praen slag scheint im Hinblick 



Nihil enim, quod 



ibi 



auf die Bemerkung S. 12,17 ff. geschrieben zu sein: 

agitur, differentiam patitur, sed omnia in momento, in ictu oculi peraguntur, 




108 



vm 



und ir almusen geben 

an vil tugent znpflicht 

und den todsunden volgent 

nicht 

so hin nntz an ir endes tagen. 

40520 solich frucht di hie bejagen, 

daz in got an dem lesten zil 
offenlich dankchen wil, 
des si gewinnent er. 
di andern schar, di her, 

40525 di mit got nrtailen, 

daz sind, di hie verfailen 
der werlt freud und gut 
und darab freien irn mut, 

daz si heben ir chrautz enpor 
40530 und volgen Jhesu Christi spor, 

di sich alsus erparmen 
und volgen arm dem armen 
und trachten, waz er durch si 

lid, 
in eines rainen hertzen frid 
40535 on wandels underpruch. 

den wil er halden seinen spruch, 
als er in hie gelobet hat, 
wan er si dort sitzen lat 
zu mitrichtern 
40540 ob den ungewern. 

owe der jemerlichen rot 
zu der letzen hant hin von got, 
wann si dannen sullen yarn 
an zwain leitlichen scharn, 



40545 als si da geordent sind. 

di ain, di hie warn plind, 
ir hertz liessen rauben 
des rechten gelauben, 
di sich nicht liessen lern 

40550 noch zu got chern, 

zu dem sprich ich mit chraft: 
'alle ding an beschaft 
beweisen einen warn got.' 
di hie darauz haten irn spot, 

40555 den glauben hin verwurffen, 

di selben nicht endurffen, 
daz man urtail uber sie, 
wan si sind vertailet hie, 
als uns di schrift wissen lat. 

40560 di ander schar dabey stat, 

daz sind di ubeln c listen, 

di wol daz gut wisten 

und doch daz ubel worchten. 

di sullen mit alien vorchten 

40565 dar chomen und auch da sten 

und mit urtail von dannen gen 
We an der zit den posen, 
di hie daz recht osen 
und daz valsch slichten 

40570 mit unrechten gerichten! 

owe mensch, daz dir ie ward 
leben in menschlicher art, 
der da mit den armen stast 
und mit den teufeln umbgast! 

40575 merkch hie, waz ich dir sag: 



40518 volget 



Mit 40535 beginnt W> 40538 wan] daz H 



(a)ls H 40542 lenken H; letzten 



40543 suln dannen H 



40540 
40549 



di fehH H 



40551 zu feMt U 



H 



40552 als ein ding 



40553 weisen H 40554 drauz haben H 40559 als feMt H 40563 



fehlt H 
Initiate S 



40564 mit alien feMt H 
40574 tiefeln umme H 



40565 dar feMt H 



40567 



Legenda aurea S. 9, 11—14: Alii vero non iudicantur et pereunt, sicut hi, 
de quibus dicitur: qui non crediderit, iam iudicatus est. Quia nee iudicis 
verba percipiunt, qui eius ndem nee verbo tenus servare voluerunt ; tmd S. 10, 19 : 
Unde etiam fratres suos, id est falsos Christianos (40561) non liberavit (40541 
40574). Legenda aurea S. 11, 8 — 14: Secundus accusator erit proprium scelus. 
Peccata enim propria unumquemque accusabunt. Venient in cogitationem 

peccatorum suorum timidi et transducent illos ex adverso iniquitates eorum. 



109 



an dem engstlichen tag, 
so dir lebenlich dein leben 
von got wider wirt geben, 
dn seist man oder weib. 



40580 



und dn gest von dem grab, 

so gent mit dir gentzlich herab 

all dein sund, 

anf daz si ein nrchnnd 
40585 deiner verdampnizz 

wesen gar gewizz. 

owe, mensch, daz ist ein not, 

di dich von scham machet rot, 

wie du ir werst gern frei, 
40590 doch wonet si dir vast bey, 

und sind dir ein swerer perg. 

si sprechen: 'wir sein deine 

werkg, 

wan dn uns all hast gefrnmt, 

nnser dhainz von dir chumt. 
40595 wa du gest, wir gen mit dir, 

fur den richter well auch wir 
. und wellen dir da bey gestan.' 

so chumt dein layter zu dir 



gan 



i 



der teufel. owe so get er 



40600 mit dir fur den richter 

und weiset im deines hertzen 

brif, 

wie du von recht sullest tief 

mit im in di hell. 

sus sprichet dein gesell, 
40605 der teufel, dein vorsprech, 

mit seinen worten frech: 



vra 



< 



o ewiger, gerechter got, 



ich man dich, daz du dein gepot 
und dein wort war werden last, 

406 10 daz du den sundern gelobt hast, 

di auz deinem gepot risen, 
o rechter richter, gib mir disen, 
der dich nicht halden wolt 
zu einem herren, als er solt 

40615 durch deines hochsten lones gift. 

er ist gevallen in di stift 
der sund, da er in ist chomen, 
und hat zu herren mich ge- 

nomen. 
er hat besullt sein weissez 

chlaid, 

40620 daz du im hetest an gelait, 

und hat ez hinder im gelan. 
mein chlaid hab ich im angetan 



40585 vertumnisse H 



40586 weset S 



40587 awe H 



40588 



schande H 
40595 swa II 



40589 swie H 



40591 vil swaerer H 



40597 wellen wir H 



40601 d. h. br.] deine schult H 
40616 er] ez H 




40598 gegan H 
s. t.] suit H 



40594 dehein H 

40599 awe H 

40610 daz] da H 



Tunc loquentia simnl eius opera dicent: 'Tu nos egisti, opera tua sumus, 
non te deseremus, sed semper tecum erimus et tecum ad iudicium pergemus.' 
Multisque et multiplicibus criminibus eum accusabunt (40575 — 40597). 
Leg en da aurea S. 10,32 — 11,8: Primus est dyabolus, qui tunc accusabit. 
Praesto tunc erit dyabolus recitans verba professionis nostrae et objiciens 
nobis quaecumque fecimus, in quo loco et in qua hora peccavimus, et quid 
boni facere tunc debuimus, dicturus est enim ille adversarius: 'Aequis- 
sime iudex, iudica istum meum esse ob culpam, qui tuus esse voluit per 
gratiam, tuus est per naturam, mens per miseriam, tuus ob passionem, meus 
ob suasionem, tibi inobediens, mihi obediens, a te accepit immortalitatis 
stolam, a me accepit hanc pannosam, qua indutus est, tunicam; tuam vestem 
dimisit, cum mea hue venit. Aequissime iudex, iudica ilium meum esse et 
mecum damnandum esse.' Heu poteritne talis aperire os, qui talis invenitur, 
ut iuste cum dyabolo deputetur? (40598—40628). Legenda aurea S. 11, 28— 34: 



110 



vni 



und hab in pracht darynn her. 
o du gerechter richter, 
40625 mi siech, ich han in darin 

geslauft, 
er taugt nicht zu der prautlauft. 



40650 sich zu der letzen hant her wider 

di tenfel, dein gesellen, 
die dich hin ziehen wellen. 
nn siech, welich not hie und da! 
in dir di conscientia 



wan er nicht des gewandes hat, , 40655 prennet dich von rechter schuld, 



daz zu der wirtschaft erlich stat/ 

owe dir sunder! 
40630 so chumpt dein huter, 

dein engel, der dein solt pflegen ; 

der herlieh gotes degen 

ist auch gezeug uber dich, 

wan du in dikch lasterlich 
40635 mit den sunden hast versniat. 

nu siech, wie sol dein werden 

rat? 

du pist init not bedrenget. 

di alle weis dich twenget. 

siech auf, wie der richter 
40640 init allem zorn hat sein sper 

als ein plikschoz ergluet. 



damit er dir den schaden tuet 
iech under dich den hellegrunt 
wie er gesperret hat den inunt 
40645 auf daz er dich verslind, 

init deiiieii sunden pind. 
siech zu deiner rechten hant, 
wie dein sund ear da staiit 



uml wellen velleu dich hin nider 



wan si mit sunden ist gefult. 
solich ist dein laid mit laid 
auzzen und ynnen paid, 
noch x ) vindestu ein grozz laid, 

40660 als di schrift hat gesait, 

alda vor gotes gericht: 
deiner augen gesicht 
sehen in der guten rot, 
di dort vor dir sten bey got, 

40665 sumlich laut stan, 

di du woldest hie versman, 
vertreten und verdrukchen 
und uber si dich zukchen. 
di siechstu darunder, 

40670 des nimpt dich michel wunder. 

ey numerdum ? sprichstu, 
wie ist ditz choinen zu, 
daz jen dort an gewalt 
init gotes chindern sein gezalt: 

40675 di het wir vil gar fur schimpf 

und triben mit in unszern ge- 

linipf. 
seeht, wie si got hat auf gezogen 



awe du H 
let£ten 5 
peide H 



Irein H 
40643 



H 



40628 prautlauft H 



40629 



40649 wellent H 



40650 lenken H 



H 



40654 



40658 



Mit 



>»> 



40ft& 



bojinnt H 



sehent H 



steiu H 40tt\> snmleiche leute H 40666 di fthit H 
dn *j>i\ 5 4067*2 ditz sus H 40673 on S 406 



40164 von BS 
I numenam en R 



chinden H 



40676 



*$ 



H 



lenr.nn iuxia se sdlieet pivprimn angelum ad custodian* deputatum, qui 
iMiicii-iii* cvn>iius omnium, quae fecit, contra euni testimonium perhibebit . • . 
c^im a&£ii*f*e erunt tunc viae reproHs i40i>2l* — 4063S>. Legenda aurea 






36: Superius erit index iratus. interins horrendnni chaos, a dextris 
pewstt a<\n$anua. a sinistra intinita daemouia ad supplieiuni trahentia, intus 
<\-£$iien:ii Tuvns, tons nuiudus aniens ^Xvfc* — 40iv^>. 

: 1Y~? 4<Av^ — 4<*>4± Fujcw Dichtunj. 



Ill 



und wir armen sein betrogen. 

so chlagstu an dem tag: 
40680 gar umbsust dein laid mit chlag : 

'owe! owe! und owe! 

waz hat mien furgetragen e, 

daz ich mein lust han gehabt, 

sit ich an sunden pin besnabt! 
40685 waz half mien dort groszer 

hSmut, 

der mir hie laiden schaden tut ! 

waz half mich dort der grymm 



zorn 



> 



der meinen tot hie hat gesworn ! 
waz half mich haz und neid, 
40690 daz auf mir hie mit schaden leit ! 

waz half mich dort ungunst, 
di mich hie wirff et in di prunst ! 
waz half mich aller sunden leben, 
dem ich dort was ergeben 

40695 nach meines willen bejag! 

verflucht muz sein der tag, 
in dem die werlt mich enpfie! 
waffen 1 ) uber alle die, 
di mich zu der werlt ie prachten 

40700 und zu chind mein gedachten! 

we mir, daz ich ie wart geporn ! 

wie jemerlich pin ich verlorn 

dnrch mein unflat! 

nu ist mein rti ze spat, 
40705 wan got mit all seiner chraft 

ist gegen mir nu zornhaft. 

mir wirt sein urtail hie zu hart, 

owe mir, daz ich ie gewart!' 

Nu sprechen von den guten, 
40710 di mit wunnichlichen huten 

dort bey den engeln sind, 

di erwelten gotes chind! 

o wol dir, mensch ! wol dir wart 



der wunnichlichen herfart, 

40715 di man dir bedautet, 

als der engel lautet 
di pusaun, daz herhorn! 
wa der leib was verlorn, 
zuhant er mit der sel enstat, 

40720 der siizz galm dir in gat, 

daz du mit frauden auf stast 
und sicher fur gericht gast. 
sicherhait mag dir wol geben 
dein vil tugenthaftz leben, 

40725 des deineu werch gezeug sein. 

eya, welich mynnichlicher schein 
von got dich belauchtet 
und dein hertz erfauchtet, 
daz ez in frauden swymmet 

40730 und sich mit nichte ergrimmet, 

wan ez hat dhainen widersatz! 
ey der wunnichlich schatz, 
der mit frauden bey dir leit, 
umb den dir got sein reich geit ! 

40735 welich ist der schatz? daz sein 

tugent, 

di du gesammet hasst von jugent. 

o wol dich der reichait, 

die dich zu solichen ern trait 

und als ho hat gezogen! 

40740 dein engel, der dein hat ge- 

pflogen, 

zwar der dankchet dir ser 

vor got an groszer er, 

daz du mit gantzer werd 

sein schontes an der erd 

40745 und dich mit seinem rat 

bewartest vor unflat. 

der sagt dir offenlich dankch, 

wan in vertraib dhainer sunden 

stankch. 



vm 



40681 awe awi und awe H 



40683 mein] nie 8 liste H 



40685 



groz hochmut H 



40694 dort e H 




muzze H 



40704 rewe H 



zefehltS 40705 aller .ff 40708 awe H 40709 rote Initiate S 40711 engel S 



40715. 40716 bedeutet : leutet H 



40718 swa ff 



40719 erstat ff 



40724 



tugenthafte H 40731 cheinen ff 40732 minnechleiche ff 40735 sint ff 



40736 hast gesamt ff 
chein H 



40739 also hohe H 



40744 auf if 



40748 



) Vgl. Hiob 3, 3 ff. 



112 



vm 



siech auf und pis an fraudexi 

starch, 

40750 wie der liecht himelsarch 

ist offen und dein paitet, 
den dir got hat beraitet 
und darynn allez gut! 
siech nider in der hell glut, 

40755 wie daz abgrund 

di sunder und ir sund 
verslinden und behalten sol! 
des pistu frei, gehab dich wol ! 
siech umb dich her und dar, 

40760 wie vil mynnchlicher schar 

an mangerhant leben, 
begeben und unbegeben, 
di sich vor got han zustraut 
und all sein an im gefraut 

40765 und horn an daz suzz wort, 

da mit si Crist wil laden dort ! 
Franciscum siech mit seiner rot, 
wie erlich er chumpt fur got 
mit seinen parfuzzen, 

40770 di sich pillich muzzen 

fraun der groszen armut, 

di in hat pracht so rechtez gut ! 
Dominicus der gew&r 
und sein prediger, 

40775 di gotes weingarten 

mit ler wol bewarten, 
hei, wie di got zieret 
und bey im ordiniret 
mit den aynsideln Antonius 

40780 Johannes und Bernhardus! 

Augustinus der weis 
mit hart groszem preis 
und anderer hauptlaut genug, 
di an daz recht ir hertz trug, 

40785 sint da gesammet vor got 

hin und her mit irer rot. 
ez fugt sich wol, daz ein iglich 

stan 



! 



alsus bey inn haupman. 
ein rot soltu noch schawen 

40790 bei der schonen junchfrawen, 

gotes muter Marien, 
di mit hertz en freien 
di werlt hin vara liezzen 
und Marie ritter hiezzen. 

40795 ir liebez chind si rachen, 

durch irn willen prachen 
ritterlich si manig sper; 
ein plutig tod was ir ger, 
den ir genug auch funden 

40800 mit vil tieffen wunden. 

nicht haupmannes hat di rot, 
auf den si jehen mugen nach got, 
wan di lieben junchfrawen; 
bei der machtu si schawen. 

40805 den gotes weingarten 

vil frolich si bewarten 
dikch an pluender wer; 
di haben auch ein michel her. 
ein laitlichez wunder 

40810 machtu auch sehen darunder 

an der jemerlichen rot, 
di der teufel hat zu spot, 
du siechst manigen da geschant, 
der doch an im hat solich gewant, 

40815 im zu groszer swar, 

als er ein munich war. 

er was auch munichlich begeben 

und trug also nicht sein leben, 

daz im di gaistlich zucht 

pracht der genaden frucht. 

des muz er sein verstozzen 

von andern seinen genozzen, 

di pei den engeln sind, 

di aller liebsten goteschind. 

40825 o wol dich mensch, wem daz 

geschiecht, 
daz man dich da wesen siecht 
zu der gotes rechten hant, 




40749 wis H 



40763 



H 



40764 alle sint H 



40765 



H 40770 siech S pilleichen H 40771 frewen H; frawd S 



40772 lies reichez? H 



40778 



H 



40784 



leben U 



40786 



R 



40787 daz ieleiche han H 



40788 pei in ir haubtman U 



Mit 40790 schliefst H 



40797 si fehlt 



40824 



113 



bechlait mit tugentgewant, 
und dich nieman tar bechlagen ! 

40830 du raacht wol freilichen sagen : 

*o wol mich dirre lebenzeit, 
di sich mir hie mit f reuden geit ! 
Got, vil lieber herre mein, 
gelobet sey di mynn dein, 

40835 daz ich ie mensch wart! 

gebenediet sei di art 
und der seldenrich stam, 
von dem ich zu der werlt cham ! 

gebenediet sei der tag, 
40840 in dem di muter mein gelag 

nnd ich zn chind ir wart er- 

chorn! 
wol mich, daz ich ie wart ge- 



porn 



i 



Als 1 ) ich da vor gesprochen 

han, 
znhant daz nrtail ist ergan. 
40845 wann er getailet di rot, 

da mag nieman fur got 
auz ainer schar zu der and era 

chomen, 
der weg ist in gar undernomen 
und getailet weit entzwai. 

40850 da hilf et niemant sein geschrai ; 

diweder silber noch gold 

gibt da hilflichen solt. 
waz hie gewaltes ist gepflegen, 
der ist gentzlich da gelegen. 
40855 arm und reich 

di sind da all geleich. 



da wirt erfullt ein heilig wort, VI 1 f 

daz ein prophet 11 ) sprichet dort: 

'der leb und daz lamlein 
40860 di sullen mit einander sein 

und zwischen in vil guter fug. ' 

waz sich arm hie betrug 

oder waz mit herschaft, 

di haben da geleich chraft, 
40865 dann als vil daz missetreit, 

ob ieman hat me rainichait 

oder me an ubeltat, 

daran er lasterlich stat. 

di teufel di sein walden, 
40870 daz got si wil aufhalden 

mit red, als ich eu sagen wil, 

ein weil in dem zil, 

des wirt ir laid gemeret 

wa*) Cristus ist verseret, 
40875 di plutigen wunden 

weiset er in den stunden 

an henden, seitten, fuzzen, 

daz all die sehen muzzen, 

di da hin sein geladen, 
40880 wie recht swern leibes schaden 

er durch den menschen hat 

erliten. 
auch wirt alda nicht vermiten, 
er beweis vor dem tron 
sper, chrautz, nagel und chron, 
40885 di saul und di pesemreis, 

damit er in menschen weis 
gemartert durch den menschen 

wart. 



i 



) Vers 40843—40868 



mit Legenda 



36—39: Miser 



peccator sic depre 
lerabile. Octavum 



fugiet? Latere erit impossibile, apparere into- 



• 1 * 



Ilia enim sententia numquam 



poterit revocari nee ab ilia poterit appellari. S. 10, 7 — 16: Quartum est 
severitas iudicantis, non enim flectetur timore, quia omnipotens est. Nee 



resistendi virtus est contra 
corrumpi, quia ditissimus 
flectetur donis . . . Exspe 
qui nullius potentis persoi 



« • 



Ille enim 



is etc. Nee munere poterit 
qui non falletur verbis nee 
erit ille aeauissimus iudex. 



accipit, cuius 
corrumpere pc 



8 ) Jes. 11 , 6. 

8 ) Legenda aurea S. 9, 23 : Tertium est insignia passionis 
clavi et cicatrices in corpore (40874—40887). 

Hermaea VII. 



8 





114 



vin 



da ! ) wirt di augenwaid hart 
den arm en, den verworchten, 

40890 di got hie nicht vorchten; 

so hert wirt der gotes zorn, 
daz die, di got joch hat erchorn, 
vor gotes ernst alda hiben; 
daz vind wir von in geschriben. 

40895 Job, der heilig man, 

in der hell pat sich Ian, 
nntz der zorn geschach, 
auf daz er nicht ensach 
der armen slag mit grimichait. 

40900 als di schrift hat gesait, 

si wolten sich verpergen 
nnder swam pergen 
und wolten lieber in der stund 
pawen dort der hell grund, 

40905 so we tut in dirre slag, 

dem nieman entweichen mag. 
Der 8 ) kunig in dem tron 
lieplich nnd schon, 
als in sein mynn leret, 

40910 sich zn den guten cheret, 

di bey der rechten hant im stan. 

so mynnichlich wirt daz getan 
und in so freuntlicher gunst, 
war ein mensch in der hell prunst 

40915 me dann tausent jar gewesen, 

vor aller not must er genesen, 
wann er sus n&m gotes war. 
so sprichet Crist zu der schar 
minnichlich, als er wol chan: 

40920 ' wol dan, mein f reund, wol dan, 

gebenediet des vater mein! 
wol dan nemt daz reich sein, 
daz eu von anegengs vrist 
berait und behalten ist, 

40925 wan ich was hungrig und ir 

pracht eur essen mir, 
ich laid turstes getwang, 



da pracht ir mir, daz ich trank. 
ich was mit not ein armer gast, 

40930 do puzzt ir mir, des mir geprast. 

ich was ploz in armchait, 
so gabt ir mir eure chlait. 
ich was siech, do gabt ir 
lieplich eur fur mir. 

40935 in dem charcher 

lag ich mit grosser swar, 
do chompt ir mit trost, 
der mich von noten lost.' 
ditz nemen si fur grosz er, 

40940 daz si alsus ser 

lobet selb Jhesus Crist; 
si sprechen in der selben vrist : 
'herre, wa geschach dir, daz 
dein armut unser prot az? 

40945 wa sach wir dich durstig wesen 

und unszers trankches genesen? 
wa sach wir dich gast sein 
und namen dich zu uns hinein ? 
wa sach wir dich wesen ploz 

40950 und unser chlaid dich umbsloz ? 

wa pistu siech vor uns gelegen 
und wir dein han gepflegen? 
wa twang dich cherchers pant, 
da dir von uns trost wart er- 

chant ? ' 

40955 so spricht der milt gotes sun: 

' hie be vor da ir des pflagt tun 
den mynnsten, den armen, 
di ir eu liest erparmen 
durch mich, daz ist mir getan, 

40960 und sullt mein reich darumb 

han.' 
Hienach der kunig Jhesus Crist, 
der herre ob alien dingen ist 
in himel und in erd, 
mit groszer unwerd 

40965 cheret sich umb sazuhant 



40907 rote Initiate 



40934 lies sture ? St 



40944 was 



40946 unszs 



40961 rote Initiate 



») Zu Vers 40888—40906 vgl. Compendium Lib. VII Cap. 27, wo 
Hiob 14, 13 ebenfalls zitiert wird. 

8 ) Vers 40907—41014 ist erne Bearbeitung von Matthaus 25,34ff. Vgl 
Von Gottes Zukimft 6384 ff. 



115 



gegen den , di im zu der letzen 

hant stant. 
er siecht so greulichen dar, 
daz all der engel schar 
und der heiligen rot 

40970 wol zitern mug en da vor got. 

mit engstlicher stymm 
sprichet er in einem grymm: 
'ir verflnchten, get von mir 
in daz hellfeur, daz ir 

40975 besitzen sullt in ewichait, 

daz dem tenfel ist berait 
nnd seinen engeln, di er hat. 
mit im wirt enr nymmer rat, 
wan ich laid grosze hungers not 

40980 nnd enr dhainer mir zu essen 

pot; 
ich lait von durst not genug 
und eur dhainer mir trinken 

trug; 
von en gerittes mir geprast, 
do ich was ellender gast; 

40985 ich belaib von eu unbedakcht, 

do ich was ploz und nakcht; 
ich was siech und gevangen, 
do chamt ir nicht gegangen, 
daz ich enpfing ewern trost; 

40990 des sullt ir nu der hell rost 

mit den teufeln pa wen.' 
so wirt den armen grawen, 
wan in laides wechset me. 
si sprechen: 'herre, we owe! 

40995 wa hastu solich not geliden 

und unser hilf dich vermiden? 
hungrig, durstig und gast, 
nakchet, siech und uberlast 
in dem charcher, 

41000 wa pistu in der swar 

vor uns gewest also, daz wir 
mit dienst uns nicht erputen 

dir?' 
so spricht er zu der laiden schar : 



'ich sag eu werlich furbar 



j 



41015 



41020 



41005 die weil ir eu die armen 

durch mich nicht liest erparmen, 
di mit gelauben an mich jehen, 
so ist ez auch mir nicht ge- 

schehen. ' 
hiemit nimpt ez ein end. 
41010 in jemerlichem ellend 

varn di verflnchten sa 
und beleiben ymmerme alda, 
und den gerechten wirt gegeben 
mit got ein ewigz leben. 

Owe 1 ) tot, 
Owe not, 

Di sich in groszer laid 
Mit hoher chlag 
An dem tag 
Da habent an der schaid! 

Der gnten rot 
Vert mit got 
in aller frauden er, 
Der armen her 
Sunder wer 
Siecht man ymmer mer. 

Der guten chraft 
Ist behaft 

An den allerhochsten, 
Der posen leben 
Ist vergeben 
Mit dem allerposten. 

Di gnten varn 
Als di arn 
In des himels flur, 
Di posen snaben 
In di graben 
Der laiden hell schur. 

Di guten sint 
Gotes chind, 

Veraynet in rechter lieb. 
Di posen ligen 
Uberstigen 
Von manigem helledieb. 

Der guten sitzen 
Ist mit witzen 



vm 



41025 



41030 



41035 



41040 



41045 



40966 letzten 41015 rote Initiate 41035 flur] plan 



) Vers 41015—41110. Eigene Dichttmg in Strophen. 



8* 




116 



VIII 



41050 



41055 



41060 



41065 



41070 



41075 



41080 



41085 



Auf des himels st&len, 
Der posen chraft 
1st behaft 
In der hell pfullen. 

Der guten steigen 
TJnd ir neigen 
1st vor gotes tron. 
Mit aller freuden chron 
Gibt er sich in zu Ion. 

Der posen val 
1st hin zu tal 
In di feures well. 
Da beleibt ir gesell 
Der teufel in der hell. 

Des himels tron 
Und sein Ion 
1st offen gotes chinden, 
Si vinden 
Da wunn vil 
Mit allerhand freuden spil. 

Der hell rumpf, 
Ir laider schumpf 
Sol wesen ein herberg 
Mit erg, 
Ein ungemessen zil 



41090 



41095 



Seinen hort 

Mit den guten tailen 

Si hailen 

Von aller not, 

Wan er in gibt des lebens 

prot. 
Des teufels rat, 

Waz er hat, 

Wil auch den seinen 

schenkchen, 

Si chrenchen 

Mit flamen rot. 

Da vinden si des lebens tot. 

Got wil den seinen 



41100 



} 



Daz man geben der sund wil 

Der guten synn 
In gotes mynn 
Statichlichen haften 
Mit craften. 
Daz wert an in 
Sunder all eclipsin. 

Der prinnent se 
Tut vil we 

Den durstigen mit laider 



41105 



41110 



stift, 



Als di schrift 
Sagt von in 
In apokolipsin. *) 
Got wil dort 



Stat erscheinen 

In der hochsten wunn. 

Das chunn 

Sol in da sehen. 

Der teufel wil 

Allez zil 

Mit den seinen zurnen. 

La purnen! 

Ez muz geschehen 

Jenen wol 

Disen we. 

Sus sol 

Ez wesen ymmerme! 
Eya mensch, wain und chlag 2 ) 
der armen not an dem tag 
und der veint ungut! 
tu auf dein gemut, 
41115 tu auf, daz diser smertz 

dein hertstainen hertz 
nach recht mug erraichen 
und ez daran erwaichen. 
als den teufeln wirt gegeben 
41120 gewalt uber der armen leben, 

daz doch ein tod mag haiszen 

paz, 
so weisent si nu irn haz. 



41068 vgl. oben S. 97 Arihang IV Vers 19581 f. schumpf : stumpf 



41083 im 



Mit Vers 41111 beginnt K<* rote Initiate S 



41115 dirre H 



41122 nu] in H 



*) Offenbanmg 21, 8. 

s ) Vers 41111 ff. sind vieUeicht eine Meminiszenz an das Compendium 
theologicae veritatis Lib. VII Cap. 21 und 22. S, oben S. 60. 



117 



si nemen di verfluchten, 
di gotes nicht enruchten 

41125 und ot irn willen gerten. 

mit veintlichen swerten 
treibt man si und mit cholben, 
so hebt sich michel holben, 
wainen, schrien und chlagen. 

41130 alsus sol man si verjagen 

in den liehtlosen neb el, 
feur, pech und swebel 
sol in da begeinen 
und chreftig auf si reinen 

41135 mit haiz prinnender erg. 

ditz ist ir herberg, 
daz ist genant des lebens tot, 
wan ymmer wert des todes not, 
und mag doch nicht erwerben, 

41140 daz er mug ersterben. 

peit, peit, sundig leben, 
da wirt dein recht dir gegeben, 
ob dein di sund walden, 
untz in den tod behalden, 

41145 nu siech, unchausch meintat, 

solich Ion dir got behalten hat ! 
nu siech, valscher hoher mut, 
da sol wesen dein haimut! 
stat unfrid und chrieg 

41150 daz ist dein gewisse stieg. 

enthalt dich, neid und haz! 
da wirt deines hertzen vaz 
gefullet mit so haisser prunst, 
daz du wol haben macht un- 

gunst 

41155 eya zorn, hertzen dorn, 

unverlorn ist dir erchorn 
des teufels herberg. 



da mag wol dein erg 



prummen und zurnen, 

41160 in ungemach purnen; 

du hast sein guten volport. 
owe, jemerlicher mort, 
der in dem abgrund 
berait ist aller sund: 

41165 da haizz prinnent flamm rot, 

hie yor chelten frostes not 
in stater wernder leng ! 
ein michel gedreng 
ist in dem leiden sturm. 

41170 von allerhant wurm 

leiden si da mangen piz, 
ez sey jenez oder diz, 
daz weiset in seiner erg zan, 
dem niemant entweichen chan 

41175 in solichem ungemach, 

o der hell trakch! 
so der auftut seinen mund 
und ein glut auz dem grund 
mit feures flammen spreitet, 

41180 di sich alumb praitet 

und auf di arm geuzzet, 
des in nicht verdreusset, 
sus leiden si da solichen tot 
mit stat wernder todes not, 

41185 der doch end gar verpirt, 

wan im dhain zil gemessen 

wirt. 
alles trostes ist da pruch. 
faulen stankch, p&sen ruch 
wil da der teufel schenkchen, 

41190 di sunder damit wol trenkchen. 

der hell charcher 
wirt in grosser swar 

nach der zeit beslozzen, 
der zugang verschlozzen. 



VIII 



41123 nement H 



41125 ir H 



41127. 41128 cheulen : heulen H 



41128 lies tolben? vgl. Martina 71, 109; Beitrdge 20, 60 St 



alsus man si muz H 



41135 hitze prinnende erge H 



41130 
41136 ir] 



ein H 41137 daz heizzet wol H 41138 wirt H 41143 dein] dem H 
41145 nu] und H 41146 dir] den H 41147 valsch hochmut H 41150 
da hin H gewisser stick H 41152 alda H 41154 maht haben H 
41155 hertzen] heizzer H 41161 gute H 41162 awe H 41164 al der 



sunde H 



41165 da] daz S 



41166 von chelte H 



41167 wernde H 



41171 si da fehlt H 

41194 verschozzen S 



41172 iener H 



Mit Vers 41174 schliefst U* 



118 



Vlli 41195 waz snnden imd schanden 

nn 1st in alien Ian den, 
di werden darein gelazzen, 
wan si sein verwazzen, 
di darynn wonen, und durch 

daz 

41200 fuget in schand furbaz, 

di in an bechleibet 
waz darynn ist, daz beleibet, 
wan ez wandern anz und in 
sol furbaz gar verpoten sin. 

41205 der sunder und ir hell wurm 

di sullen ewichlichen sturm 
gegen einander uben 
und sich daran betruben. 
alain der arg hellehund 

41210 den sunder peinigt allstunt, 



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1 



wan owe, ach und unflat, 
als dir Crist selb gelobt hat, 

41235 ob dich der red nicht bevilt, 

daz dn Cristo gelauben wilt 
dein mut well oder enwell, 
dn mnst ie in die hell, 
ist himel nnd himels Ion, 

41240 so ist anch hell nnd hells don. 

fnrbar dn solt ervinden 
mit alien tenfels chin den, 
daz dich Crist nicht entruget 
noch an dem mynnsten leuget, 

41245 wan er di warhait ist gen ant. 

dir wirt anders nicht erchabt 
in dem hellefenr 
wan gar on alle stenr 
geschray, ach, we nnd laid 



doch trait er selb grosze pein, 41250 von eben zn ewichait 



nnd daz scherffet di erg sein 
in veintlicher swar 
gegen dem arm sunder. 
41215 sns lebt ir tod, nnd ir leben 

ist in solichen tod ergeben; 

da ist not nnd laid. 

anzzen nnd ynnen paid 

ist ez an in gar ein glnt, 
41220 di hertzenlich we tut 

an inn prynneden feur. 

anch ist so ungeheur 

daz larventier, der helle wirt, 

der ir gesicht nicht verpirt, 
41225 wan si in sehen on underpint, 

daz alle pein ist ein wint, 

gemessen an dem groszen 

schrikch, 

den in gepirt sein anplikch. 

secht, der ist ir gesell 
41230 in der laiden argen hell 

mit allem jamer zupflicht! 

siech, sunder, da ist anders 

nicht, 



in stater wernder ymmerme. 
owe! owe! und owe! 
we! we! und nymmer wol! 
des ist daz laid mit laid vol! 
41255 O l ) wol dem erwelten chunn, 

des sich mit aller wunn 

Jhesus Cristus annimpt, 

als im und in wol gezimt. 

wan daz gericht ergat, 
41260 mit frauden er si umb Tat 

nnd furt si selichlich 

in seines vater reich 

an ir wonung. 

mit heiliger ordennng 
41265 vint ir iglicher dort 

den behalten hort 

von anegeng untz auf daz zil, 

den in got da geben wil 

und gentzlichen machen under- 
tan. 
41270 o du macht wol freud han, 

seliger mensch, der durch got 

hast behalten sein gepot 



41203 ez = daz, vgl. 41334 41205 ir 



er 



der? 



41210 peinig 



41227 den 



41240 hells 



hellisch 



41209 hell hund 
41247 hell feur 



41250 eben = ewen 41251 lies ymmerwe ? vgl Von Gottes Zukunft 6362 f . 
41255 rote Initiate 



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) Yen 41255 ff. verwerten verschiedene QueUen. S. ooen S.GQL 



119 



und hie geprechen durch in lid, 
du chumst alda zu gantzem f rid ! 

41275 wol dir, wol, waz du ie 

nach im hast gewaynet hie 
in rechter senung! 
sein honigsuzze zung, 
waz di hat gesprochen, 

41280 daz halt er unzuprochen 

und l&t des nicht entweichen. 

er wil selb streichen 

sua tut di schrift 1 ) yon im er- 

chant 
uber dein augen mit der hant 

41285 und ab di zaher wischen, 

sus wil er dich ervrischen 
mit solicher lieb, in solicher 

gunst. 
o die seldenrich prunst 
des hertzen und der augen flut, 

41290 die erarnet haben daz gut, 

daz si Crist selb wischen wil! 
wol dich, wol dich ! daz f reuden- 

spil 
peitet dein da manigvalt 
in der himlischen gewalt. 

41295 ey welich freuden uberflut 

enpfehet deins hertzen mut 
darab und darynn, 
als du in suzzer mynn 
und an hoher freuden chraft 

41300 lebst mit der gesellschaft, 

mit den minsten und den maisten, 
mit heiligen und mit gaisten 
gemain und besunder! 
du freust dich darunder 

41305 in unsers lieben herren lob 

mit den hochsten engeln darob, 
Cherubynn 8 ) und Seraphynn 
und Troni, di pei got sein 



zu nechst an der wirdiehaii 

41310 di drei ch6r in lauterchait 

prynnen fur di andern. 
so sol dein fraud wandern 
an di n&chsten chor drei, 
di mit selden sind dabey, 

41315 herschaft, fursten und gewalt. 

di driten drey bevinden salt, 
tugent und die erzpoten 
und der mynnsten engel roten, 
di sind di gotes gerarchen, 

41320 da bey di patriarch en, 

propheten und weissagen. 
sus sol dein fraud umb jagen 
an gantzer mitfreyung 
der aposteln wonung, 

41325 di starkchen martrer, 

di liechten lerar 
und di gezirten pischof 
in des himelrichs hof. 
dabey soltu schawen 

41330 di chauschen junchfrawen 

lauter und rain, 
di witiben allgemain 
und all himlisch her, 
di sind uber ez rot mer 

41335 chomen in daz suzz lant, 

daz in yon got ist benant, 
da honig fleuzzet und milich. 
sich weiset da von, wie er drilich 
ist in rechter ainvalt, 

41340 ain essentia, ain gewalt, 

ain sunder drei personen. 
daz ist ob alien chronen 
ein mynn freudenrichz spil, 
daz sich got alsus weisen wil. 

41345 eya, liebe Maria, 

wie dein er lauchtet da, 

di du yon deinem chind hast! 



vni 



41306 engel 



41323 mit f reyung = mitvrowunge Pass. H. 150 , 79 



41334 s. oben zu Vers 41203 



41341 an 



) Offenbarung 7, 17. 21, 4. 

) Vgl. Compendium Lib. II Cap. 12 : Superior (sc. hierarchia) continet trei 
ordines, scilicet Cherubim. Seraphim, Thronos. Media continet dominations 



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principatus 



hierarchia similiter continet tres ordines, 



scilicet Virtutes, Archangelos, Angelos. 



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121 



und daz ist sand Paulus wort. 1 ) 
o wol und wol der guten rot, 
di alsns wonen sol vor got! 

41425 ir aller ampt ist darob, 

daz si an dem gotes lob 
prynnen in der mynn 
und schreien all darynn 
mit den engeln alsus: 

41430 'sanctus, sanctus, sanctus, 

dominus deus Sabaot!' 
biemit si den bochsten got 
loben gar alwalden, 

drilich und ainvalden, 



41435 lebend in wernder er 

on end ymmer mer. 

eya, getrewer Jbesu Crist, 

durch all di tugent, di du pist, 

so la dicb erparmen 
41440 auf der erd uns armen, 

und bilf uns auch in den 

gesank, 

daz wir on endes auzgangk 
mit den heiligen darob 
vor dir wesen in deinem lob 
41445 und deines willen ramen 

in sempiternum. Amen. 



vm 



) Welche SteUe ist gemeint ? Tit. 1 , 15 tmd Phil. 2 , 15 woU nicht. 



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Druck Ton Ehrhardt Karras, Halle a. d. S